»Geschichten, die man erzählen muss«

Filmemacher Lennart Hüper aus Landsberg und sein Faible für schwierige Themen

Lennart Hüper
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Lennart Hüpers Film „Nichts Neues“ ist im Mai beim DOK.fest in München zu sehen.
  • Susanne Greiner
    vonSusanne Greiner
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Landsberg/Wien – Lennart Hüper wagt sich an die schweren Themen. Flüchtlinge, zerrissene Familien, Heimat in ihren für manchen fremd anmutenden Traditionen. Der 26-Jährige Landsberger arbeitet als Regisseur und Kameramann, studiert momentan aber auch Soziologie in Wien – um für seine Filmprojekte auch fundiertes Wissen zu haben. Oder wie er sagt: „Ich will nicht nur irgendwas daherreden.“ Das tut er weder in seiner Wort- noch seiner Bildsprache. Weshalb sein erster 81-minütiger Dokumentarfilm „Nichts Neues“ über Claus-Peter Reisch und das Festsitzen der ‚Lifeline‘ auf Malta für den FFF Förderpreis für Regienachwuchs nominiert wurde und ab dem 5. Mai beim DOK.fest in München zu sehen ist – das heuer wider online stattfindet.

Premiere hatte der Film beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis im Januar. „Ich bin da gerade mit dem Schneiden fertig geworden“, erzählt Hüper. Der Film dokumentiert das erzwungene Warten der Crew auf der beschlagnahmten ‚Lifeline‘ in Malta – während zeitgleich Menschen nur wenige Kilometer entfernt ertrinken. Lange Szenen, in denen ein Mann als Schattenriss an einer offenen Schiffstür sitzt, Absprachen in der Kajüte, wer wann wo im Schiff putzt, malerische Sonnenuntergänge – und dazwischen Nachrichten aus dem Radio oder Neuigkeiten im Ticker über ertrinkende Menschen und die Probleme der Seenotretter. 

Im Dokumentarfilm „Nichts Neues“ zeigt Hüper in langen Einstellungen das lange warten der ‚Lifeline‘ im Hafen von Malta - während zeitgleich Menschen nur wenige Kilometer entfernt ertrinken.

Parallel dazu zeigt Hüper Claus-Peter Reischs Vorträge in diversen Städten, Preise, die ihm verliehen werden, die Reisen nach Malta, wenn er wieder zum Gericht muss. Zu dem Ort, wo nichts vorangeht, wo Stillstand Methode hat, wo sich „Nichts Neues“ ergibt.

„Das war auch für mich oft zermürbendes Warten“, erzählt der 26-Jährige. „Ich wusste ja nicht, wo das alles hinführt.“ Er sei viel alleine unterwegs gewesen – Kamera, Regie und Produktion lagen bei ihm und das beim ersten ‚langen‘ Film. Dazu kamen Geldsorgen, denn Förderungen hat Hüper kaum erhalten. Reicht das Geld noch für einen weiteren Flug nach Malta? Häufig habe er befürchtet, dass das ganze Projekt, das drei Jahre dauerte, scheitern könnte. Was ihn bei der Stange gehalten hat? „Ich denke, dass es eine Geschichte ist, die erzählt werden muss.“

Während seiner Schulzeit am Gymnasium in St. Ottilien ging er für ein Jahr im Austausch in die USA, nach Michigan, zwischen Detroit und Chicago – und entdeckte dort das Medium Film. Er kaufte eine Kamera und lief damit drei Tage durch Chicago, um seine Eindrücke auf digitalem Zelluloid festzuhalten. Übriggeblieben sind davon „31 Sekunden“: ein kurzer Eindruck, Chicago in Essenz. Es gibt noch drei weitere „31 Sekunden“: über New York, Kathmandu, Istanbul.

Zurück in St. Ottilien machte Hüper Abitur und startete mit Praktika als Kameraassistent in München. Um sich an der Fachhochschule Dortmund für die Richtung Film & Sound zu bewerben, nahm er sich eines anderen Landsbergers an: des Sattlers Kai-Uwe Möschler und seiner Lederwerkstatt in der Schlossgasse. Möschler begleitete er eine Woche lang, lernte seinen Protagonisten kennen. Er mag es, den Menschen nahezukommen, in ihre Welt einzutauchen, sagt Hüper. Parallel habe er auch noch viel über Leder gelernt. „Beim Dokumentarfilm arbeitet man sich oft in Themen ein, die man vorher nicht kannte.“ Spannend sei das, sagt Hüper.

Die Bewerbung in Dortmund klappte, 2015 brach er in München die Zelte ab und ging in den Pott. Eine Kultur und Gegend, die ihn fasziniert, auch weil der Gegensatz zum beschaulichen Landsberg und ‚adretten‘ München so groß ist.

2018 startet Hüper den Dokumentarfilm über den ‚Sommer der Migration‘ und das, was davon drei Jahre später geblieben ist. Der Titel des Films: „Thank you for Travelling with Deutsche Bahn.“ Marcel Ophüls, Sohn des berühmten Max, findet ihn „großartig“. Zu Wort kommen Menschen, die 2015 am Bahnhof die Geflüchteten willkommen hießen. „Gefunden haben wir sie über Facebook. Das ging fast schon erschreckend einfach“, sagt Hüper und lacht. Am Anfang und Ende des Films nehmen die Filmemacher den Zuschauer ins Dorf, ins Heimelige, zu Kühen und blühenden Geranien. Von dort sprechen Menschen über das Thema Flüchtende – zumindest scheint es so, auch wenn mancher bei dem Satz „Das ist eine richtige Plage“ sicher zusammenzuckt. Über was sie reden, wird erst am Ende des Films klar, wenn die Aussagen im Kontext zu hören sind. Das Thema ist der Wolf: der Eindringling, der ihre Normalität gefährdet.

Mit der Arbeit für seinen ersten langen Film „Nichts Neues“ begann Hüper auch 2018. Erste Hilfe leistete ein Bekannter, der in der Seenotrettung arbeitete. Zu Reisch war es dann nur ein kleiner Schritt. Geschnitten hat Hüper erst in Wien. Die Stadt fasziniert ihn, weil sie wiederum ein Gegensatz ist zu dem Davor: Ruhrpott versus morbide Romantik. Nicht zuletzt wohnt hier aber auch seine Freundin, die er seit der Schulzeit kennt.

Raus aus der Blase

Momentan ist Hüper an der Postproduktion seines Filmes „Glaube, Sitte, Heimat“, für den er sich einen Schützenverein im Sauerland als Untersuchungsobjekt ausgewählt hat. Ein Thema, zu dem er auch einige Vorbehalte hatte. „Aber manches davon revidiert man auch nach so einem Projekt.“ Ein wichtiger Aspekt für Hüper. Ihm ist es essentiell, sich nicht in der eigenen Blase einzuigeln: „Wir müssen auch Kontakt zu anderen ‚Blasen‘ haben“.

Eine ganz andere ‚Blase‘ bildet das Zentrum von Hüpers aktuellem Projekt, „Reihe 6“. Thema sind Displaced Persons, konkret eine Familie in Georgien. Vater und Sohn leben in einem der größten Flüchtlingsdörfer Georgiens, der Rest der Familie in der Heimat, dem unabhängigen Südossetien. Und obwohl diese Menschen nur 40 Kilometer trennen, haben sie sich aufgrund des Kaukasuskrieges 2008 und der seither existierenden Demarkationslinie nicht mehr gesehen.

Warnung vor Minen

Momentan ist auch für Hüper die Arbeit nicht einfach. Schnell mal nach Georgien reisen geht nicht. Wegen hoher Infektionszahlen warnt das auswärtige Amt vor nicht notwendigen Reisen in den Kaukasus-Staat. Und vor Minen an der Verwaltungsgrenze zu Südossetien. Denn nicht vergessen darf man die immer noch schwelenden politischen Konflikte in Bezug auf Südossetien, weshalb Georgien generell Reisen in dieses Gebiet untersagt.

Das alles wird Hüper nicht abhalten. Aber bevor er ins Flugzeug nach Georgien steigt, wäre ihm der Förderpreis als bester Nachwuchsregisseur beim DOK.fest. zu wünschen. Dann wäre die reise nach Georgien zumindest finanziell abgesichert.

Mehr Informationen unter www.lennarthueper.de.

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