Die Fliegerei lässt ihn nicht los

„Hobbyforscher“ Josef Köttner beschäftigt sich intensiv mit der Fluggeschichte im Zweiten Weltkrieg. Foto: Nagl

Josef Köttner kennt das Westufer des Ammersees wie seine Westentasche. 29 Jahre lang war er dort als Landvermesser tätig. Auch aus der Vogelperspektive ist dem 83-jährigen Freizeitpiloten der Ammersee und dessen Umland bestens vertraut. Erst vor wenigen Jahren gab der Geometer im Ruhestand seine Pilotenscheine aus Altersgründen ab, doch die Fliegerei lässt ihn trotzdem nicht los. Als „Hobbyforscher“ erforscht er die Fluggeschichte des Zweiten Weltkrieges, die ja auch in der Region traurige Geschichte schrieb; die Militärflughafen im Lechfeld und Penzing und das ehemalige Dornier-Gelände in Oberpfaffenhofen waren Ziel zahlreicher Luftangriffe, die häufig tragisch endeten.

Vor kurzem, im April, bekam Josef Köttner Post von seinem Freund William Pakosz aus Matteson, Illionis. Vor 68 Jahren, am 12. September 1944, wur­- de über dem Ammersee bei Holzhausen ein amerikanischer B 17-Bomber beim Angriff auf das Lechfeld abgeschossen. Drei Besatzungsmitglieder kamen dabei ums Leben. Unter ihnen auch William Pakoszs älterer Bruder Mitchell. Der Heckschütze wollte sich mit dem Fallschirm retten, ertrank aber im Ammersee. In Richtung England In besagtem Brief an Köttner berichtet der ehemalige Militärzahnarzt William allerdings von einem anderen Vorfall aus dem 2. Weltkrieg, der ihn sehr bewegt. Bis heute, so vermuten nun die Freunde Pakosz und Köttner, ist dieser Vorfall, der sich nicht über dem Ammersee, sondern über der Nordsee ereignete, in der deutschen Fluggeschichte noch weitgehend unbekannt: Damals hatte ein deutscher Pilot den Befehl erhalten eine amerikanische B 17 abzuschießen, die über einem deutschen Flugplatz gesichtet worden war. Als sich der Pilot Franz Stigler mit seinem Jagdflieger der amerikanischen B 17 näherte, erkannte er, dass diese bereits stark beschädigt war: Überall waren Einschusslöcher zu sehen, das Heck und der hintere Teil der Maschine waren schwer beschädigt, der Heckschütze schien schwer verwundet zu sein. Anstatt das Feuer zu eröffnen, flog der deutsche Pilot auf die Seite der B 17 und gab dem amerikanischen Piloten ein Zeichen ihm zu folgen. Stigler begleitete das orientierungslose Flugzeug hinaus auf die Nordsee in Richtung England, grüßte den amerikanischen Piloten und drehte ab, so der Bericht von Pakosz, der sich auf bebilderte Berichte aus amerikanischen Zeitungen bezieht. Nach seiner Landung berichtete der deutsche Pilot Stigler seinem oberkommandierenden Offizier demnach, er habe den tödlichen Befehl ausgeführt und den amerikanischen Bomber über der Nordsee abgeschossen – der amerikanische Pilot und seine Crew konnten sich jedoch zurück zum Einsatzort nach England retten. Dort gaben sie die Wahrheit über den Vorfall preis, erhielten aber den Befehl, niemals darüber zu sprechen. Für den amerikanischen Piloten Charlie Brown war aber klar, dass er eines Tages den Retter seiner Crew finden würde – was ihm 40 Jahre später gelang. Und so begann in den 80er Jahren eine wunderbare Freundschaft zwischen Stigler und Brown, geprägt von Briefkontakt und gegenseitigen Besuchen. Beide Piloten verstarben im Jahr 2008. Seltene Lichtblicke Für Josef Köttner sind solche Geschichten, ebenso wie seine Freundschaft zu William Pakosz, seltene Lichtblicke in einer dunklen Phase der deutschen Geschichte, die er selbst als Zeitzeuge erlebte: Auch an seinem 15. Geburtstag, dem 21. Juli 1944, wurde eine amerikanische B24 bei einem Angriff auf den Fliegerhorst bei Landsberg von der Flugabwehr abgeschossen und stürzte zwischen Utting und Schondorf in den Westrand des Ammersees. Acht von neun Besatzungsmitgliedern kamen dabei ums Leben. Der „Hitlerjunge“ Josef Köttner machte an diesem Tag seine ersten Gleitflugversuche auf dem Flugplatz in Paterzell bei Weilheim. „Mit einem sogenannten Kraxenfliegern sind wir dort den Hang runtergepurzelt. Für uns Buben war das damals ein Abenteuer“, erinnert sich der 83-Jährige. Ernst wurde die Sache für Köttner schon wenige Monate später: Als „Volksstürmer“ sollte er mit anderen Buben und einigen alten Männern eine Brücke bei Ingolstadt gegen die anrollenden Panzer der Amerikaner verteidigen. Aber sie flüchteten nach Hause. „Das war wohl unsere größte Heldentat. Zuhause habe ich mich aus Angst vor der SS tagelang im Keller versteckt.“ Noch heute forscht das US-amerikanische Militär nach Kameraden aus dem Zweiten Weltkrieg, die bei Flugzeugangriffen ums Leben kamen – wie erst vor wenigen Wochen bei Leutstetten im Nachbarlandkreis Starnberg. Dort war ebenfalls ein amerikanischer Bomber abgestürzt.

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