Entscheidung zu früh getroffen?

LTG 61: Ein Abschied zur falschen Zeit

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Eine Transall des LTG 63 wird in Penzing gewartet.

Penzing – Am morgigen Donnerstag, 14. Dezember, stellt der „Kommandeur Fliegende Verbände“ im Luftwaffentruppenkommando der Bundeswehr das LTG 61 förmlich außer Dienst. Doch es scheint, als habe die politische Führung die Entscheidung im Herbst 2015 zu früh getroffen. Die politischen Spannungen nehmen zu. Neue europäische Verteidigungsbündnisse entstehen. Der A400M ist noch nicht uneingeschränkt einsatzbereit. Zur Konversion, der zivilen Nachnutzung, fehlt nun der Mut.

Es gibt eigentlich nur einen Grund, warum das 1957 als erstes Lufttransportgeschwader in Dienst gestellte LTG 61 auch als erstes wieder aufgelöst wird: Es ist die Annahme, dass die militärische Aufgabe „Lufttransport“ praktisch ab jetzt vom Airbus A400M wahrgenommen wird. Tatsächlich passt der Transall-Nachfolger nicht nach Penzing; das liegt, so die offizielle Formulierung, an den beengten Flugbetriebsflächen des Fliegerhorstes und den örtlichen Gegebenheiten mit der Startbahn direkt am Rand der Gemeinde.

Daran ist Kritik nicht angebracht. In Zweifel stellen darf man aber, ob es klug war, nicht abzuwarten, ob der Generationswechsel der Fluggeräte auch wirklich klappt. Genau das ist im Moment fraglich. Die von „Airbus Defence and Space“ gebaute Propellermaschine wird zwar schon seit Dezember 2014 ausgeliefert. Aber sie verursacht Probleme. Vor wenigen Tagen war nach Medienberichten kein einziges der 14 an die Luftwaffe ausgelieferten Fluggeräte einsatzbereit. Das haben auch die Nationen mitbekommen, für die die Bundeswehr vorsorglich Maschinen mitbestellt hat. Die Flieger werden wohl erstmal zur Lagerware – sie sind derzeit unverkäuflich.

Von einer Staffelübergabe an den A400M kann daher vorläufig noch keine Rede sein. Die Bundeswehr braucht die Transalls noch, aber sie werden nun, bis zum Jahr 2022, zentral aus Hohn in Schleswig-Holstein starten, wo das LTG 63 stationiert ist. Logisch ist das nicht: Aus dem Norden Deutschlands ist die Flugzeit in viele Einsatzgebiete deutlich länger; außerdem waren die Penzinger Techniker besonders erfahren bei der Hochwertteilegewinnung, der Verwertung ausgemusteter Transalls zur Reparatur der Maschinen, die noch im Einsatz sind.

Klaglos akzeptiert

Dass die Bundeswehr Bedienstete für die Restlaufzeit der Transall noch einmal quer durch die Republik schickt und die Berufslaufbahn von Soldaten und zivilen Angestellten vorzeitig beendet, ist daher fragwürdig. Aber das ist mehr eine Kritik von außen. Die Betroffenen im Geschwader haben die politischen Entscheidungen längst klaglos akzeptiert, wie es von ihnen auch erwartet wird. Sie wickeln ihren Auszug aus dem Fliegerhorst Landsberg schon seit Monaten professionell ab.

„Versetzungen sind ein immer wiederkehrender Teil des Soldatenlebens. Dies gilt auch für das LTG 61, sodass bei den Soldaten, deren Dienstzeit nicht mit der Auflösung des Verbandes oder dem nachgeschalteten Nachkommando bis Ende September 2018 endet, der Wechsel zu einer anderen Dienststelle der Bundeswehr ansteht“, beruhigte Personaloffizier Hauptmann Marco Hauff noch vor einigen Tagen. „Einige bleiben der Transall treu und wechseln ins LTG 63, einige machen eine Umschulung auf ein anderes Flugzeug. Das zivile Personal, konnte ebenfalls sozialverträglich in Folgeverwendungen eingeplant werden.“

Allerdings bleiben Zweifel am Sinn der Verlegung. „Die Bundeswehr ist gefordert wie selten zuvor“, erklärte Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen kürzlich und kündigte eine Ausweitung der Stärke von 180.000 auf 200.000 Soldaten an. Das Ende des Schrumpfkurses sei erreicht, hieß es. Auch die USA fordern von Deutschland höhere Verteidigungsausgaben. Von der Leyen wiederum arrangierte mit EU-Partnern faktisch ein neues europäisches Bündnis jenseits der NATO.

Das alles ist wohl mit ein Grund dafür, dass die Bundeswehr der Mut verlassen hat, den ab 2018 militärisch verwaisten Fliegerhorst für eine zivile Nachnutzung freizugeben.

Von dieser Freigabe gingen alle Seiten aus, vor allem die Gemeinde Penzing und die Stadt Landsberg, auf deren Gemeindegebiet ein kleiner Teil des militärischen Areals liegt. Kommodore Daniel Draken zeigte Interessenten folgerichtig immer wieder das Gelände samt seiner denkmalgeschützen Hallen und Gebäude im Postbauschulstil. Die Gemeinde veranstaltete Klausurtagungen, kalkulierte, was die Ausübung des Vorkaufsrechts gegenüber der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) wohl kosten werde und beauftragte Gutachter mit einer Konzeptentwicklung.

Zwischenzeitlich ließ man durchsickern, der Gemeinde schwebe ein Projekt für Mehrgenerationenwohnen sowie ein ADAC-Testzentrum für E-Mobilität vor. Die Benennung dieser beiden Projekte ist kein Zufall: Sie klingen nicht nach lukrativer unternehmerischer Wertschöpfung, sondern eher schon nach Gemeinnützigkeit. Würde man bekanntgeben, dass es auch Großunternehmen gibt, die sich für das Areal interessieren, könnte die BIMA ihre Preisvorstellung höher ansetzen. Deswegen lautet das Prinzip zunächst: den Ball flachhalten.

Höchststrafe

Aber es ist müßig, darüber weiter nachzudenken. Die Bundeswehr will den „Flieger­horst Landsberg“ offenbar be­halten. Zum einen wegen der politischen Großwetterlage in der Welt, die eher mehr als weniger Einsätze erwarten lässt. Zum anderen gibt es nun auch Zweifel daran, ob es vernünftig ist, einen Standort aufzugeben, an dem ohne jede Diskussion mit Gemeinden, Anliegern sowie Natur- und Umweltschützern von heute auf morgen wieder Flugzeuge starten und landen können. Oberst Daniel Draken kann davon ein Lied singen: Die Lösung von Interessenkonflikten mit Trägern öffentlicher Belange und Bürgern in Sachen fliegerische Nutzung gehörten bei einer früheren Verwendung zu seinem Aufgabenbereich.

Das ist für Penzing, Landsberg und auch umliegende Gemeinden wie Bruck keine gute Nachricht. Sie verlieren 900 Soldaten und Zivilangestellte, haben aber derzeit kaum Chancen auf ersatzweise Ansiedlungen von Unternehmen oder Einrichtungen. Man könnte sagen: Das ist die Höchststrafe für eine Kommune – und nicht fair angesichts der Tatsache, dass sie bisher Lärmbelastungen getragen und Unterstützung geleistet hat. Insofern ist der zwangsweise Abschied des LTG 61 ein Abschied zur falschen Zeit. 

Werner Lauff

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