Abstrakte Gefahren

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Die Obergeschosse des Staatlichen Hochbauamtes und die Freifläche vor dem Gebäude in der Geschwister-Scholl-Straße sind für Flüchtlingsunterkünfte im Gespräch.

Landsberg – Für den Oberbürgermeister und die Ratsmitglieder ist es ein Standort, der für eine bestmögliche Integration von Flüchtlingen wie geschaffen ist: das Staatliche Hochbauamt in der Geschwister-Scholl-Straße. Es ist eingebunden in ein Wohngebiet, Kindergarten, Schule und Supermarkt sind gleich um die Ecke, da lasse sich die Willkommenskultur gut pflegen, meint OB Mathias Neuner. Er zeigt wenig Verständnis für den Vorstoß von Rechtsanwalt Dr. Florian Kappes und seiner Ehefrau Susanne. Sie sprechen sich in einer E-Mail an die Immobilien Freistaat Bayern (IMBY), die Stadt und den Landkreis vehement gegen eine mögliche Flüchtlingsunterkunft im Katharinenanger aus.

Wie im KREISBOTEN berichtet, hat der Stadtrat Mitte Oktober mögliche Standorte für weitere Flüchtlingsunterkünfte im Stadtgebiet diskutiert. Dabei wurde auch die Fläche und das Gebäude des Staatlichen Bauamts in Betracht gezogen. Inzwischen fand unter anderem dazu im Landratsamt ein Gespräch mit der IMBY statt – bislang ohne Ergebnis. Die Entscheidung stehe noch aus, sagt Wolfgang Müller, Sprecher der Kreisbehörde. Sowohl das Gebäude selbst als auch die Fläche davor kommen als temporäre Unterkunft für Flüchtlinge infrage. Über dem vom staatlichen Bauamt Weilheim genutzten Erdgeschoss stehen zwei Etagen leer, da ließen sich nach geringen Umbauten zwischen 60 und 80 Personen, eventuell noch mehr, unterbringen, sagt Müller. Allerdings hält er es für eher wahrscheinlich, dass stattdessen die große Freifläche für Wohncontainer bald zur Verfügung stehen wird. 

OB Neuner findet so oder so daran Gefallen. Die Lage bietet gute Integrationsmöglichkeiten und erleichtere auch das ehrenamtliche Engagement der Landsberger Bürger. Ganz anders die Eheleute Kappes, die „rund fünf Gehminuten“ vom Hochbauamt entfernt wohnen und in dessen „Sichtweite“ eine Eigentumswohnung besitzen. Man habe „gar nichts gegen eine Unterbringung von Asylbewerbern oder Flüchtlingen in Landsberg“, betonen sie auf Anfrage, „nur nicht in diesem in mehrfacher Hinsicht, auch baurechtlich ungeeigneten Areal“. In zwei nahezu gleichlautenden E-Mails („rein privat“) sehen die Kappes „abstrakte Ge­- fahren“ für das denkmalgeschützte Gebäude: „Sowohl die ständig wechselnden Bewohner aus den Krisengebieten dieser Welt als auch denkbare Protestierer mit fremdenfeindlichem Hintergrund könnten die Gebäudesubstanz „irreparabel beschädigen“ – zum Beispiel durch Farbschmierereien, Steinwürfe „oder gar Brandsätze“. Mehr noch, Kappes will „im Namen aller Anlieger“ (auf Nachfrage räumt er ein: „Förmlich legitimiert hat mich (noch) niemand.“) das Hochbauamt als „einzigartiges Ensemble mit militärhistorischem Charakter“ samt Kriegerdenkmal „für die Nachwelt bewahren und vor inadäquaten Nutzungen“ schützen. Und dann konzentriert sich das Schutzbedürfnis der Eheleute Kappes auch noch auf die „vielen Grundschüler“, deren täglicher Fußweg zur Katharinenschule morgens und mittags am Hochbauamt vorbei- führt. „Da bekommen die Eltern sicher auch ein mulmiges Gefühl.“ 

Derlei Aussagen in der Öffentlichkeit stoßen beim Stadtoberhaupt auf völliges Unverständnis. Es sei „nicht zielführend, Szenarien zu entwickeln, die Vorbehalte und Ängste schüren“, sagt OB Neuner. Auf beeindruckende Art und Weise hätten die Landsberger gezeigt, wie bürgerschaftliches Engagement und Willkommenskultur bei der Betreuung von Flüchtlingen aussehen könne. „Tief erschüttert und im ersten Moment sprachlos“, zeigt sich Jost Handtrack, Referent für ausländische Mitbürger und Asylbewerber. Die Eheleute Kappes bauten ein „Horrorszenario“ auf, das „völlig aus der Luft gegriffen und absolut kontraproduktiv“ sei.

Toni Schwaiger

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