Berufliche Integration

Flüchtlinge im SOS-Kinderdorf meistern ihr Leben

+
Die SOS-Mitarbeiterinnen Martina Moritz, Angelika Hammer-von Au und Stefanie Häder (von links) unterstützen die vier ehemals unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge Achmed, Shahidullah und Hajar (von links) schon seit drei Jahren.

Landsberg – Hajar, Shahidullah, Achmed und Akhil: Sie sind vier der 115 geflüchteten Minderjährigen, die seit 2014 in den Einrichtungen des SOS-Kinderdorfs in Landsberg betreut wurden – quasi Flüchtlinge der ersten Stunde. Inzwischen haben sie eine Ausbildung oder einen Job. Und teilweise sogar eine eigene Wohnung. Eines ist ihnen allen gemein: Sie sind aus ihrer Heimat geflüchtet – nicht weil sie wollten, sondern weil sie mussten.

Die Flucht führte sie durch Bulgarien, die Türkei, Serbien, Ungarn und Österreich, auf Schiffen, in Bussen oder zu Fuß. Letztendlich kamen sie nach Landsberg, in die Einrichtungen des SOS-Kinderdorfs. Heute sind rund 70 der insgesamt 115 Männer in einer Ausbildung, ein Großteil der anderen arbeitet oder drückt noch die Schulbank. Einige von ihnen suchen noch eine Lehrstelle.

Shahidullah aus Afghanistan erzählt, dass er vier Stunden in einer Anhörung befragt wurde. Es droht die Abschiebung. Ihm wird vorgeworfen seinen Fluchtgrund erfunden zu haben. Shahidullah steckt mitten in der Kfz-Mechatroniker-­Ausbildung. Der höfliche, etwas schüchterne junge Mann spricht fließend deutsch: „Mein Onkel hat mich weggeschickt, um mich zu schützen.“ Er sei vom Taliban eingezogen worden; seine Flucht habe ihn zum Verräter gestempelt. Eine Rückkehr nach Afghanistan sei für ihn lebensbedrohend.

Auch Achmed spricht fließend Deutsch. Der Syrer ist im Alter von zwölf Jahren über Libyen geflohen, zuerst mit seiner Familie, später alleine. Jetzt ist er 19. In Landsberg hat er seinen Quali gemacht und gerade die Ausbildung zum Dachdecker abgeschlossen. Ob er in Deutschland bleiben kann, ist ungewiss. Anfänglich seien einige seiner Arbeitskollegen ihm gegenüber vorurteilsbehaftet gewesen, wegen seiner Religion. „Die Flüchtlinge fliehen ja gerade vor den radikalen Syste­men“, gibt SOS-Mitarbeiterin Angelika Hammer-von Au zu bedenken. Bei Flüchtlingen automatisch eine radikale Einstellung zu vermuten, ist unsinnig. Auch der Wille zur Integration sei bei den meisten vorhanden. Oder wie Achmed es formuliert: „Wir sind doch alle nur Menschen!“

„Was ist in seinem Heimatland eine halbe Lehre wert?“, fragt Rainer Förstl von den Stadtwerken Landsberg, der Ausbilder Akhils. Auch Akhil hat einen Behördenmarathon hinter sich. „Das war eine große Zusatzbelastung und ein hartes Stück Arbeit für einen jungen Menschen, auch den Glauben daran nicht zu verlieren, die Lehre zu Ende bringen zu können.“ Förstl hatte sich anfänglich keine Gedanken darüber gemacht, dass es Probleme mit dem Bleiberecht geben könnte. Erst als Akhil von seinen Behördengängen berichtete, wurde er darauf aufmerksam. „Das ist für alle nicht gut!“, urteilt Förstl. Auch für den Arbeitgeber nicht, der schließlich Kosten habe und bemüht sei, die jungen Leute ins Berufsleben zu führen.

Aber es gibt eine gute Nachricht: Akhil hat eine Aufenthaltserlaubnis für zwei Jahre, solange er arbeitet. Er hat seine Lehre geschafft und sogar eine eigene Wohnung gefunden. „In den letzten drei Monaten hatte ich nur gute Nachrichten“, strahlt der junge Mann.

Die SOS-Mitarbeiter unterstützen die jungen Leute beim komplizierten Asylrecht. In kritischen Fällen werden Anwälte eingeschaltet. Auch die psychischen Probleme versuchen die Mitarbeiter aufzufangen.

Hammer-von Au sieht man auch ein bisschen den Stolz auf „ihre Jungs“ an, wenn sie von ihnen spricht: „Es ist unglaublich, dass sie trotz Trennung von ihren Familien, traumatischen Erlebnissen und Flucht, Kulturschock, Unsicherheiten durch ihren Aufenthaltsstatus und der ständigen Angst vor Abschiebung Deutsch lernen, ihren Quali oder Abschluss schaffen, ihre Lehre absolvieren und sich bemühen ihr Leben hier in Deutschland in den Griff zu bekommen.“

Auch interessant

Meistgelesen

Neues Zuhause gesucht: Helfen Sie diesen liebenswerten Zwei- und Vierbeinern!
Neues Zuhause gesucht: Helfen Sie diesen liebenswerten Zwei- und Vierbeinern!
Keine Stille Nacht allein unterm Baum
Keine Stille Nacht allein unterm Baum
Dießener Trachtenjugend begeistert mit ihrem Adventstheater
Dießener Trachtenjugend begeistert mit ihrem Adventstheater
Ein Rathaus mit Flügeln
Ein Rathaus mit Flügeln

Kommentare