In Zeiten von Natur- und Klimaschutz entdecken Landsberger Politiker den Reiz des Straßenbaus

Die folgenschwere Landsberger "Stadtumgehung"

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Die Südumgehung bringt für wenige Verkehrsteilnehmer etwas mehr Komfort.

Landsberg – Podium, Bürgerversammlung, Stadtratssitzung, in der vergangenen Woche war die von Landrat Thomas Eichinger (CSU) angeregte Südumgehung bei jeder Gelegenheit ein Thema. Der KREISBOTE analysiert: Wie ist der Diskussionsstand? Und welche Aspekte sind darüber hinaus relevant?

Das ist die Momentaufnahme: Den Vorschlag des Landrats, eine Südumgehung rund um Landsberg zu bauen, haben Oberbürgermeister Mathias Neuner (CSU) und OB-Kandidat Moritz Hartmann (Grüne) abgelehnt. Beide verwiesen darauf, es handele sich mit dem Wildpark, der Pössinger Au und den angrenzenden Naturschutzflächen um das Naherholungsgebiet der Landsberger. Beide zweifelten auch an der Wirksamkeit der Maßnahme. Unterstützung bekamen sie von Verkehrs­planer Dirk Kopperschläger, der in der letzten Stadtratssitzung ebenfalls von einer solchen Lösung abriet.

Die UBV hat den Ball hingegen aufgenommen und das Spielfeld sogar noch erweitert. „Es müssen alle denkbaren Alternativen und Planungsvarianten ausgearbeitet werden. Wir dürfen das Thema nicht wieder auf Eis legen“, erklärte die OB-Kandidatin der UBV, Doris Baumgartl, im Stadtrat.

Wer tiefer in die Sache einsteigt, erkennt: Die Idee einer Stadtumgehung ist folgenschwer. Die Südumgehung als solche würde nämlich so gut wie nichts bringen. Die meisten Verkehrsbewegungen haben entweder ihre Quelle oder ihr Ziel zentrumsnah innerhalb der Stadt. Der anteilsmäßig ge­ringe Durchgangsverkehr ist durch die bestehenden drei Stadtumgehungen A96 im Norden, B17n im Westen und St2057 im Osten abgedeckt.

Die Tabelle (siehe Bild) verdeutlicht: Wer aus dem Norden kommt, ist in alle Himmelsrichtungen (Südwest, Südost, Ost und West) mit Umgehungen versorgt; das Gleiche gilt für Fahrzeuge aus dem Westen und dem Südosten (grüne Felder). Einen Vorteil brächte die Südumgehung nur für die Verkehrsteilnehmer, die aus dem Südwesten in den Osten oder aus dem Osten in den Südwesten wollen (rote Felder). Allerdings entstünde aufgrund der notwendigen Anbindung der Südumgehung an die St2057 eine Strecke, die nur wenig kürzer und schneller wäre als die bisher mögliche Umfahrung über die A96 und die B17n. Die Südumgehung brächte also einer geringen Zahl von Verkehrsteilnehmern einen geringen Zuwachs an Komfort - das ist alles.

Büroklammer-Verkehr

Anders sieht die Sache aus, wenn man die Südumgehung zugleich als Hauptplatzumgehung plant. Dies war vor Jahrzehnten der ursprüngliche Anlass der Überlegungen und so versteht die UBV die Sache auch. Allerdings ist es nicht damit getan, im Schmalztor eine Sperre zu errichten. Man müsste vielmehr die Neue Bergstraße auf Höhe der Schloßberggarage abriegeln, weil ansonsten der Hinteranger, die Sandauer Brücke, die Schwaighofkreuzung und die von-Kühlmann-Straße als „innere Umgehung“ übermäßig belastet würden.

Die Stadt hat eine solche große Fußgängerzone mehrfach verworfen und sich stattdessen für den Umbau des Hauptplatzes entschieden. Auch bei der Strategie-Definition „Landsberg 2035“ ist man davon nicht abgerückt. Die Abriegelung, die sich verkehrstechnisch wie eine Teilung der Stadt darstellt, würde nämlich zu einem Verkehrsfluss führen, der dem Bild einer Büroklammer entspricht. Wer vom Schongauer Dreieck zum Bayertor möchte, müsste zunächst aus der Stadt herausfahren, eine der dann zwei Umgehungen benutzen und schließlich über die Münchener Straße wieder in die Stadt hineinfahren. Es ist ziemlich klar, dass viele Autofahrer, auch diejenigen, die elektrisch unterwegs sind, auf solche Wege eher verzichten würden.

Tunnel und Brücke

Die UBV spielt daher auf die zwei weiteren Möglichkeiten an, die die Stadt ebenfalls vor vielen Jahren abgelehnt hat – einen Tunnel von der Münchener Straße bis zur Sandauer Straße und eine Stelzenbrücke von der Neuen Bergstraße durch die Krachenbergschlucht bis zur Katharinenstraße. Der Bau eines Tunnels wäre allerdings mit enormen Investitionskosten, sehr hohen Betriebs- und Unterhaltskosten sowie einem riesigen Energieverbrauch für Beleuchtung und Lüftung verbunden. Außerdem würde die Stadt sehr lange zu einer Dauerbaustelle.

Heute, in Zeiten des verstärkten Umwelt-, Natur- und Lärmschutzes sowie der bevorzugten Förderung von öffentlichem Nah- und Radverkehr ist es noch undenkbarer als früher, dass der Freistaat derartige Mittel in die Verlegung seiner Staatsstraße steckt, zumal er ja den Hauptplatzumbau erst vor wenigen Jahren unterstützt hat.

Das Gleiche gilt für die Brücke durch die Krachenbergschlucht. Hier käme noch hinzu, dass das Stadtbild massiv verändert würde. Beide Projekte hätten im Übrigen politische Dimensionen wie die Frauenwald-Rodung oder das Kraftwerk im Lechwehr. Die UBV könnte wahrscheinlich noch nicht einmal stadtintern Mehrheiten erzielen.

Zu fragen ist auch, ob die Landsberger die Abriegelung des Hauptplatzes überhaupt wollen. Eine für den Autoverkehr gesperrte Innenstadt ist eine andere Innenstadt als jetzt. Die Einzelhandelsstruktur würde sich deutlich verändern. Viele Ketten, die nur in Fußgängerzonen gehen, würden die alten Geschäfte verdrängen. Dazu würde auch ein anderes Konsumverhalten beitragen. Die „Besorgung“ in der Altstadt wäre kaum noch möglich, die Innenstadt würde zum „Shopping“-Areal. Außerdem würde die Mobilität der Anwohner noch stärker eingeschränkt als jetzt. Die Maßnahme geht also weit über die Idee ‚Beruhigung des Vorderangers‘ hinaus; sie betrifft die gesamte Stadt Landsberg, die sich dann neu finden muss.
Werner Lauff


Kommentar

Gefährliche Alleinstellung

Die UBV hat ihre Unterstützung für eine neue Autoverbindung in der Stadtratssitzung am Mittwoch unmissverständlich zum Ausdruck gebracht. Das verschafft ihr eine Alleinstellung. Allerdings sind die drei Optionen (die Südumgehung, der Tunnel oder die Krachenbergschlucht-Brücke) von allen anderen Problemen mal abgesehen mit einem Durchfahrtverbot von Hauptplatz und Hinteranger verbunden - ansonsten wäre jede dieser kostspieligen Umgehungen eine Veruntreuung von Steuergeldern. Blockaden sind aber zunächst einmal nicht im Sinne der Bewohner, Händler, Dienstleister und Besucher der Innenstadt. Besorgungen gehen dann zurück, Shopping rückt in den Vordergrund, Verkehrswege ändern sich komplett. Das ist mit keiner der betroffenen Gruppen abgestimmt. Es war vielleicht verlockend, auf den vom Landrat losgeschickten Zug aufzuspringen; zu Ende gedacht ist das derzeit aber nicht.

Diese Politik ist für die UBV ebenso gefährlich wie der zweite Effekt, der nun eintritt. Da gibt es eine UBV-Kandidatin für das Oberbürgermeister-Amt, die eine Stadtumgehung befürwortet und verspricht, das Thema werde nicht wieder auf Eis gelegt. Damit ist sie für die Anhänger anderer Parteien und Gruppierungen nicht wählbar, für die Natur- und Klimaschutz Vorrang haben und die eine derart weitreichende Maßnahme ablehnen. Einmal angenommen, Doris Baumgartl käme in die Stichwahl - dann würden die im ersten Wahlgang ausgeschiedenen Parteien davon abraten, für sie zu votieren. Wäre Mathias Neuner (CSU) ihr Gegenkandidat, ist damit eine Verfestigung der schon lange spürbaren Annäherung von CSU und Grünen hin zu einer geregelten Zusammenarbeit programmiert. Ob die UBV das bedacht hat? 

Werner Lauff




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