Die Frage nach dem "Wie"

Die Emotionen auf der Bühne zogen das Publikum bei „Auf Sand gebaut“ in ihren Bann – bald soll das außergewöhnliche Stück noch einmal in Landsberg zu sehen sein. Foto: Pavek

Wo endet Unschuld und beginnt Schuld? Keine leichte Frage, wenn sie denn überhaupt zu beantworten ist. Ganz persönliche Antworten auf die großen Menschheitsfragen und die kleinen Alltäglichkeiten gaben die Schüler der 12. Klasse, der Landsberger Waldorfschule, den Zuschauern von „Auf Sand gebaut“ mit nach Hause. Mit ihrer Theatercollage aus vier verschiedenen Stücken, eigenen Texten und Vertonungen brachten die Schüler vor kurzem in vier Vorstellungen ihre Zuschauer zum Nachdenken, Mitfühlen, Schmunzeln und vor allem in den Genuss von beeindruckendem Theater.

Was für den Zuschauer zunächst etwas befremdlich mit dem Gang über die mit Sand bestreute Bühne, hinunter in den ebenfalls knöcheltief mit Sand bedeckten und bewachten Zuschauerraum begann, endete in einer vielstimmigen Theaterpassion über den Zustand der Welt. In deren Mittelpunkt sich der Zuschauer am Ende des Stückes wiederfand – als Körnchen im Sand. Hin und her getrieben auf dem Sieb der Welt und zwischen den Figuren aus Dea Lohers Theaterstück „Unschuld“, Kevin Rittbergers „Kassandra“ – als Ende der Vorstellung, Texten und Auszügen aus Elfriede Jelineks „Winterreise“ und Dennis Kellys „Osama the Hero“. Nicht zu vergessen die Texte und Interviews der Schüler selbst, die sie wie feine Fäden in die Collage eingewoben hatten. Sie verbanden etwa die Figuren aus Lohers „Unschuld“, die illegalen schwarzen Immigranten, die eine Frau ins Meer gehen sehen und ihr nicht helfen. Der eine kann nicht mehr schlafen, der andere findet eine Tüte mit Geld und verwechselt Geld mit Gott. Die Schauspieler hinterfragen, wie sie Frau Haberstatt begegnen sollen, die für Taten um Entschuldigung bittet, die sie gar nicht begangen hat. Und sie überlegen laut, wie sie Frau Zucker dem Publikum näher bringen können, die ihre Träume nie gelebt hat, selbst an Diabetes erkrankt ist und die Verantwortung an ihre Tochter Rosa abgibt. Ausgerechnet an Rosa, die sich so sehr danach sehnt, dass ihr Mann, Franz, ihrem Wunsch nach einem Kind ebenfalls nachkommen wird. Ein Mann, der seine wichtigste Aufgabe im Leben in einem Bestattungsunternehmen und dem Versorgen der Toten gefunden hat. Keine leichte Aufgabe für eine 12. Klasse, Sozialkritik zu üben, ohne belehrend zu sein, Schuld zu hinterfragen, ohne sie dem Publikum aufzubürden. „Am Anfang waren alle überfordert an den eigenen Szenen zu arbeiten“, sagt die Berliner Regisseurin Juliane Ehle, die vier Wochen mit den Waldorfschülern „Auf Sand gebaut“ erarbeitet hat. „Wir wussten alle nicht, was rauskommt.“ Nicht selten seien Kommentare, wie „Was machen wir da eigentlich“ zu hören gewesen. Aber nach und nach kam viel von den Schülern. „Sie hatten begriffen, dass wir Bilder brauchen. Die Suche nach dem Blick haben wir immer wieder reflektiert und uns immer wieder die Frage nach dem „Wie“ gestellt.“ Die Schüler verfassten Texte über die Schuld und schlüpften in Rollen, die ihnen oft gar nicht so fern lagen. Anderen wiederum seien ihre Rollen zunächst schwer gefallen. „Umso bewundernswerter, wie sie dann aus sich herauskamen“, meint die Regisseurin. „Es war ein Gemeinschaftsprojekt“. Und genau das konnte das Publikum spüren. Kein Projekt von „Gutmenschen“ – ein Projekt von kantigen, sensibilisierten, jungen erwachsenen Persönlichkeiten, denen es gelang, den Zuschauer zuerst zu öffnen und dann zu treten ohne, dass er verletzt wurde. Eine mehr als gelungene Aufgabe. Zu Recht haben sich die Zwölftklässler mit ihrem außergewöhnlichen Theaterprojekt bei den bayerischen Schultheatertagen beworben. In Landsberg ist außerdem eine weitere Aufführung von „Auf Sand gebaut“ geplant.

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