Boskoop als Zweitstimme

Frank Lüdecke beim politischen Einheitsabend des s‘Maximilianeums

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Frank Lüdecke bei seinem Auftritt im Stadttheater Landsberg

Landsberg – Fast wäre er nicht gekommen. In Berlin hat man bekanntlich Probleme mit Flugzeugen und Zubehör. Weshalb Kabarettist Frank Lüdecke seinen Flieger von Berlin in die süddeutsche Metropole mit Herz verpasste. Den Auftritt wollte er sich aber nicht entgehen lassen – und raste mit 200 Sachen im Auto samt Frau nach Landsberg, um im Stadttheater am Tag der Deutschen Einheit über Demokratie, soziale Medien und das Kabarettstoff-Trio Seehofer-Oettinger-Trump mit Witz und teilweise grazilen Pointen zu debutieren. Denn ja, es war seine Premiere in der Lechstadt.

Die Lautsprecheransage tröstet: Im Kabarett müsse man nicht immer alles verstehen. Die eine oder andere Humor-Sprachspitze darf schon mal unerkannt in der Stille des Auditoriums versinken. „Wir müssen uns absichern“, erklärt Lüdecke die Ansage. Nicht, dass da noch eine Klage kommt. Wie das in den USA ja gerne geschieht.Und schon ist Lüdecke bei Mr. President, dem Mann mit Schein-Toupet. Der Belgien für eine schöne Stadt hält. Für Trump, da müsse ein Günther Oettinger noch viel üben, schlägt Lüdecke die nächste Breitseite.

Der Berliner springt viel in der ersten Hälfte des Programms. Von Angela Merkels Sprache gleich „rhetorischer Plattenbauten“ geht es über die Berlinversion von Simon and Garfunkels „The Boxer“ – dank Leilalei-Refrain gut zum Mitsingen – hin zu Lothar Matthäus und von da per Pass nach rechts zu Mesut Özil. Grundtenor: Dummheit versus Demokratie. Oder wie Lothar Matthäus laut „kicker“ meint: „Wäre, Wäre, Fahradkette.“

Das ist amüsant, teilweise spritzig. Aber ab und zu auch etwas lahm. Wie die Lüdecke-Version von Leonard Cohens „Suzanne“, die sich der immer öfter erscheinenden Pornoliteratur auf höherem Niveau – die 50 Shades, die Feuchtgebiete – widmet. Und deren Résumé ‚Körperkult verdrängt Bildung‘ heißen könnte. Da fehlt Biss, damit sich das im Hirn festsetzt.

Ganz anders nach der Pause. Die teilweise abgelesenen Texte des ersten Teils? Verschwunden. Das wilde Mäandern vor der Pause? Weicht einem stringenten roten Faden, der den zweiten Teil gestaltet. ‚Demokratie‘ steht im Mittelpunkt. Die Nichtwähler, die jetzt gewählt haben „aber leider das Falsche“. Vielleicht hätte man sie gar nicht lassen sollen? In der Wiege der Demokratie, im antiken Athen, durften auch nur Bürger wählen. „Keine Sklaven, Frauen und keine Fremden“, stichelt Lüdecke. „Genetisch Minderbemittelte wurden außen vorgelassen.“

Zum Versagen der Demokratie trägt auch die Politikverdrossenheit bei. Eine Kanzlerin der CDU, „die seit 13 jahren SPD-Politik macht.“ Was der Kanzler davor getan hat, will Lüdecke erst gar nicht aussprechen. Kurzum, die Parteigrenzen verwischen, die Profile der Politiker sowieso. Wie schön sind da die Erinnerungen an Charismatiker wie Franz Josef Strauß, „für das Gerechtigkeitsempfinden junger Menschen ein Idealfall: Der lügt immer.“

Und schließlich erreicht Lüdecke das Sahnehäubchen seines Auftritts: Der zur Politik mutierte Kommerz. „Heute ist es politisch, Äpfel aus der Region zu kaufen.“ Aber „war Demokratie so gemeint, dass der Boskoop die Zweitstimme ersetzt?“ Allerdings könne es nicht Aufgabe des Konsumenten sein, die Fairness des Kaufobjektes vor dem Supermarktregal zu durchleuchten – „und beim neuen Handy die Produktionsbedingungen in Vietnam prüfen“. Genau das sei Aufgabe der Politik. „Denn mit dem neuesten Tesla ins KaDeWe fahren und dort fair gehandelte Strickware für 500 Euro kaufen, das kann sich nicht jeder leisten.“ Aber da zieht sich die Politik eben aus der Verantwortung. Und räkelt sich präsig trotz fehlender Transaktionssteuer und Negativzinsen. „Da stimmt doch was nicht“, meint Lüdecke.

Verdrossenheit hin oder her: „Ideen muss man zulassen.“ Zum Beispiel den Veggieday, auch wenn das Brüderle zu bedrohen scheint. Oder eben die Idee ‚Europa‘.

Nach zwei Bardenzugaben geht Lüdecke mit langem Applaus von der Bühne. Sichtlich enspannter als am Anfang. Vielleicht musste er sich erst an sein bayerisches Publikum heranpirschen. Beim nächsten Besuch kann er dann gleich von Anfang an aufdrehen.

Susanne Greiner

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