Erwin Pelzig in Landsberg:

Weltpolitik im Cord-Hüdli

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Der fränkische Kabarettist Frank-Markus Barwasser begeisterte als Erwin Pelzig die Zuschauer im ausverkauften Veranstaltungszentrum Landsberg mit aktueller Situationsanalyse in sprachgewandten zweieinhalb Stunden.

Landsberg – Das Cord-Hüdli tief ins Gesicht gezogen klammert er sich an die Herrenhandtasche. Als ob’s die letzte Sicherheit der Welt wär‘. Und tatsächlich: Erwin Pelzig hadert mit der Zeit. Eine „bostfaktische“ Ära im Ungleichgewicht, immer mehr Armut und „süße Kädzle“ im Netz. Da liegt die Flucht nahe. Weshalb das aktuelle Programm Barwassers alias Pelzig, „Weg von hier“ heißt. Schnellsprechend packt Pelzig Unmengen an Information in das zweieinhalbstündige Programm. Kein Sonntagsspaziergang. Aber richtig gut.

Pelzigs skizzierte Fluchtwege reichen weit zurück. Schon damals sprang der Mensch von den Gipfeln der Aufklärung in die mythischen Tiefen der Romantik. Märchen, blaue Blume, Weltflucht und wiederentdeckte Nationalität, Realität hinter dem schimmernden Schleier. Nicht anders heute: Verschwörungstheorien, Filterblasen der eigenen heilen Welt, Leben im Inter­net, extremistische Parteien. Der Mensch steht ohnmächtig vor Klimawandel, Neoliberalismus, Hass. „Und in Nordkorea zündelt ein fettes kleines Kind.“ Das macht Angst. Aber Pelzig kennt den Ausweg: Nachdenken. Oder wie Kant das formulierte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Auch den kategorischen Imperativ nennt Pelzig als Hilfe. Der sperrt er sich in seiner rigiden Trockenheit der fränggischen Blabberbabbm. Deshalb formuliert Pelzig um. „Man soll kein Arschloch sein.“

Der Kabarettist dröselt auf und zeigt, was hinter den Worten steht. Es war „schon immer ein Anliegen des Kabaretts, nicht nur zu unterhalten, sondern auch aufzuklären“, sagt Barwasser über seine Profession. Das beginnt bei einer Analyse der aktuellen Regierungskrise. Angela Merkel beharre trotz schlechtestem Wahlergebnis seit 1949 auf dem Regierungsauftrag. Die SPD stehe da wie ein „frierendes Zirkuslama“. Und die Verzweiflung der CSU sei an der Entscheidung für Söder als Ministerpräsident abzulesen (tosender Applaus).

Gründe für die Wahlergebnisse der AfD sieht Pelzig in Hass und Wut. Im Netz dokumentiert als Kombination aus „Denkfaulheit, Internetanschluss und Rechtschreibschwäche“ samt „Staccato von Ausrufezeichen, der Kalaschnikow des kleinen Mannes.“ Die Reaktion des AfD-Wählers sei wie der Umgang mit einem kaputten Drucker. Man wechsle die Patrone, installiere die Software neu, aber er „druckt, druckt, druckt nicht!“. Die CDU beschwichtigt: „Du schaffst das.“ „Schulz wird das lösen“, skandiert die SPD, während die Grünen vor den Feinstaubwerten warnen – wenn der Drucker denn wieder läuft. Die FDP will lieber gar nicht drucken als falsch drucken. Und die AfD brüllt: „Schmeiß den Drucker aus dem Fenster!“ Ein Moment größter Befriedigung! „Und dann brauchst du einen neuen Drucker und ein neues Fenster.“

Der in Würzburg geborene Kabarettist Frank-Markus Barwasser hat schon so ziemlich jeden Kabarettpreis eingeheimst. Mittlerweile steht er mit seinem achten Soloprogramm auf der Bühne. Aber ganz allein ist die Figur Pelzig nicht. Dr. Göbel und Hartmut stehen ihm zur Seite. Ersterer ein konservativer Intellektueller, Zweiterer der derbe Stammtischtrinker.

Deutlich werden die zahlreichen Personenwechsel an Kleinigkeiten. Während Göbel am Rotwein nippt, säuft Hartmut Weißbier, Pelzig trinkt Wasser. Wichtigstes Utensil: das Cord-Hüdli. Hat Barwasser es auf, ist er Pelzig. Setzt er es ab, wird er zum distinguierten Göbel. Was vorher nervös zuckt, wird ruhig. Oder träge à la Hartmut. Spricht Pelzig das weiche Fränkisch, prononciert Göbel hochdeutsch, Hartmut proletet. Den Wechsel vollzieht Barwasser in Sekundenbruchteilen. Große Kunst.

Der Mensch sei nicht blöd, beschwichtigt Pelzig. Nur unwissend aufgrund zu vieler Informa­tionen. Denn was davon ist wahr und wie soll der Mensch sich da überhaupt entscheiden? Dauernd Entscheidungen treffen, da rastet sogar der vornehme Dr. Göbel aus – ein absolutes Highlight des rasenden Schnellsprechers Barwasser. Pelzigs Weg aus diesem Dilemma führt über einen Perspektivenwechsel. Raus aus der eigenen Filterblase, rein in die Welt.

Anders gesagt: Wenn der Drucker nicht funktioniert, streichle ihn sanft. Oder schreib notfalls von Hand.

Susanne Greiner

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