"Frauensachen" auf dem Hof

Was ist seit 2004 im südlichen Landkreis Landsberg zwischen einem heute 34-jährigen Landwirt und seiner jetzt 20-jäh­rigen Stieftochter passiert? Gab es einen sexuellen Missbrauch oder hat es das Mädchen tatsächlich „immer darauf angelegt“, den Stiefvater „in schwierige Situationen zu bringen“, wie der Angeklagte behauptet? Diese Fragen werden zurzeit vor dem Landsberger Schöffengericht erörtert; von einer Klärung war man im ersten Teil des Strafprozesses unter dem Vorsitz von Richter Matthias Neumann in der vergangenen Woche aber noch ein gutes Stück entfernt.

Die Familienverhältnisse waren offenbar nicht ganz einfach, Gericht, Staatsanwalt und Verteidigung haben auch deshalb ihre Schwierigkeiten, weil viele Beteiligte und Zeugen erhebliche Erinnerungslücken aufweisen – selbst was ihre eigenen Aussagen bei der polizeilichen Vernehmung betrifft. Dass irgendetwas zwischen dem Angeklagten und der Nebenklägerin vorgefallen sein muss, das scheint klar. Wie die genauen Umstände waren, indes ist alles andere als klar. Staatsanwalt Lars Baumann wirft dem Landwirt den jahrelangen sexuellen Missbrauch der heute 20-Jährigen als Kind und Schutzbefohlene vor, wobei genaue Daten „nicht näher feststellbar“ seien. Begonnen habe alles bereits im Kindesalter der Stieftochter mit „Streicheleien“, nach dem 14. Geburtstag habe sich die Intensität der Handlungen „erneut gesteigert“, bis es letzten Endes auch zum Geschlechtsverkehr gekommen sei. Der Fall ist schon deshalb verwirrend, weil die Vorkommnisse einige Jahre zurückliegen und schon einmal vor Gericht aufgerollt werden sollten. Dann aber zog der leibliche Vater des Mädchens seine Anzeige gegen den Stiefvater zurück. Selbst daran wollte er sich jetzt vor Gericht nicht mehr erinnern. Ein entsprechender Vermerk des vernehmenden Polizeibeamten löste bei ihm große Verwunderung aus. „Das kann ich mir jetzt nicht erklären“, so der 46-jährige Handwerker vor Gericht. Auch von den Details, was auf dem Hof vorgefallen sein soll, will der Vater danach nichts mitbekommen haben, „das sind so Frauensachen, die besprechen die besser untereinander.“ In den Vernehmungsprotokollen finden sich allerdings durchaus detaillierte Aussagen des Vaters, der sich immer wieder heimlich mit seiner Tochter getroffen hat, „weil ich auf dem Hof nicht erwünscht war.“ Auch andere Zeugen präsentierten am ersten Verhandlungstag ein eher schwaches Gedächtnis. Eine junge Bekannte der Nebenklägerin wusste nach eigener Aussage kaum noch, was sie bei der Polizei zu Protokoll gegeben hatte. „Das ist ja schon so lange her, daran kann ich mich eigentlich gar nicht mehr erinnern“, so die 23-Jährige aus einem Nachbarort. Ihr soll das vermeintliche Opfer beim gemeinsamen Reiten von dem Missbrauch erzählt haben. „Aber das weiß ich eigentlich auch nicht mehr so genau.“ Wenig Licht ins Dunkel brachte auch die Mutter, die inzwischen von dem Landwirt wieder geschieden ist. Kleinere Vorfälle habe sie 2005 bemerkt, dann sei ihr der Missbrauch erst wieder aufgefallen, als es 2009 zu einer großen Aussprache zwischen ihr, ihrem Mann, ihrer Mutter und der Tochter gekommen sei. Dass es dieses Gespräch gab, war einer der wenigen unstrittigen Punkte vor Gericht, auch dass der Stiefvater darin „einzelne Vorfälle“ einräumte. Über den Rest herrscht breite Uneinigkeit. Die 44-jährige Mutter gab allerdings auf Nachfrage von Verteidiger Joachim Feller zu, dass sie wenig später einen Ehevertrag erhielt, in dem ihr eine erhebliche Einmalzahlung und monatliche Zuwendungen zugestanden wurden. Desweiteren räumte sie ein, im gleichen Zeitraum ihrer Tochter empfohlen zu haben, nicht vor Gericht auszusagen. „Den Vorvertrag habe ich genommen, dazu stehe ich auch, da kann man mich jetzt hinstellen, wie man will. Ich habe da voll gearbeitet, mein damaliger Mann sollte mich absichern, das hat er immer wieder rausgeschoben. Und ich dachte mir, wenn sie ihn jetzt einsperren, dann stehe ich alleine mit der ganzen Arbeit da. Dass ich dann wieder zu ihm gezogen bin, sehe ich aber heute als Fehler.“ Schnelles Geld Ob von dem Ehevertrag und den Geldzahlungen allerdings bereits bei der Aussprache die Rede war, ist strittig. Der Angeklagte selbst will allem nur zugestimmt haben, „weil ich mir gedacht habe, die sperren mich sowieso ein – egal ob das stimmt. Und meine Stieftochter hat ihrem leiblichen Vater ja schon erzählt, dass dann jemand vorbeikommt, um den Wert meines Viehs zu schätzen, wenn ich im Gefängnis bin. In meinem Stall stehen Tiere für 150000 bis 200000 Euro, da hätten die schnelles Geld machen können.“ Nach Darstellung des Angeklagten gingen die sexuellen Annäherungen ohnehin immer von seiner Stieftochter aus. „Ich bin dem immer aus dem Weg gegangen. Ich denke, sie wollte mich nur in Schwierigkeiten bringen, damit sie zum Schluss ihr Pferd bekommt.“ Dieses Pferd, offenbar das „Ein und Alles“ der 20-Jährigen, ist nur eines der zahlreichen Rätsel in dem Prozess. Die Mutter hatte es aus der ersten Ehe mitgebracht, offiziell gehörte es dann dem Landwirt, dennoch nahm es die Mutter mit an den Chiemsee, wohin sie vor drei Jahren zog. Inzwischen hat sie das Tier für 2000 Euro an ihre Tochter verkauft. Die Tochter wiederum lebte nach dem Bekanntwerden der Vorfälle ein halbes Jahr lang bei ihrer Großmutter, fand dort aber wenig Verständnis, wie die 62-Jährige auch vor Gericht einräumte. „Was heißt denn , sexueller Missbrauch‘ und was heißt da ,Opfer‘? Die sind doch heute alle mit zehn Jahren aufgeklärt. Da kann man durchaus sagen, wenn man etwas nicht will. Ich habe meine Enkelin verurteilt und tue das noch“, machte die Oma keinen Hehl aus ihrer Einstellung. Sie hatte zuvor bei der Polizei nicht ausgesagt. „Das ist meine Meinung, egal, was mir irgendein Psychologe sagt“, woraufhin ihr das Gericht eine „erfrischende Offenheit“ attestierte. Der Prozess wird im November fortgesetzt. Dann wird die 20-Jährige selbst vernommen werden, unter anderem zu widersprüchlichen Aussagen und Tagebucheinträgen. Mit Spannung darf dann auch der Vortrag der Glaubwürdigkeitsgutachterin Gabriele Martin erwar­tet werden.

Auch interessant

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Ex-Rechtsanwalt steht mit einem Bein im Gefängnis
Ex-Rechtsanwalt steht mit einem Bein im Gefängnis
Jetzt kostet auch Bio-Müll
Jetzt kostet auch Bio-Müll
Adé Blumenladen Klostereck
Adé Blumenladen Klostereck

Kommentare