»Freundliche Übernahme« ist noch nicht fix

Ein Kunst- und Kulturhaus für Dießen?

Dießen - Huber-Häuser - Kultur-und Kunstzentrum
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Wollen die Huber-Industriebrache an der Dießener Johannisstraße sanieren und ein integratives Kultur- und Kunstzentrum etablieren: Stefanie Sanktjohanser und Jörg Kranzfelder vom Verein „Freie Kunstanstalt“.
  • Dieter Roettig
    vonDieter Roettig
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Dießen – Nachdem die Eigen­tumsverhältnisse der Huber-­Häuser zugunsten der Marktgemeinde geklärt sind, würde der Verein „Freie Kunstanstalt“ am liebsten gleich loslegen mit dem Aufbau des geplanten integrativen Kulturzentrums. Für die „freundliche Übernahme“ des Areals in der Johannisstraße 11 bis 13 fehlt aber noch die Zustimmung des Gemeinderates. In der Sitzung am 21. Juni soll zwar darüber beraten werden. Eine schnelle und finale Entscheidung ist aber laut Rathaus-Geschäftsleiter Karl Heinz Springer fraglich.

Zwar stehen die Gemeinderäte der Freien Wähler und der Grünen mehrheitlich hinter dem Projekt, doch bei einigen alteingesessenen Gremiumsmitgliedern herrscht Skepsis. So argumentierte Michael Hofmann (BP) auf Facebook: „Dass diese Immobilie Begehrlichkeiten auslöst, war vorauszusehen. Es gibt viele Bewerber und Ideen. Jedem sollte klar sein, das sehr große Summen investiert werden müssen. Wobei die Frage der Altlasten noch nicht geklärt ist.“ In Richtung des Vereins meinte er: „Also gemach mit den jungen Pferden! Ein Schnellschuss hilft niemandem.“

Ex-Bürgermeister Herbert Kirsch (Dießener Bürger) hatte in der letzten Ratssitzung drei Möglichkeiten für die Huber-­Häuser aufgeführt und für eine zeitnahe Entscheidung appelliert: Erstellung eines gemeindlichen Sanierungs- und Nutzungskonzeptes, Verkauf an einen Investor oder aber eine Verpachtung wie beispielsweise an den Verein Freie Kunstanstalt. Damit bliebe die Marktgemeinde Eigentümerin der Immobilie, müsste sich aber um die dringend notwendige und teure Sanierung nicht kümmern.

Die ist nämlich im freundlichen Übernahmeangebot der Freien Kunstanstalt enthalten. Vorsitzende Stefanie Sanktjohanser und ihr Vize Jörg Kranzfelder wollen die Sanierung ehrenamtlich realisieren, professionell unterstützt und verantwortet durch den Dießener Architekten Armin Müller sowie einem Statiker und Objektplaner. Zahlreiche Gewerke hätten ihre tatkräftige Unterstützung bereits zugesagt, so Jörg Kranzfelder. Man werde die Räumlichkeiten durch einen Baubiologen und Gutachter analysieren und eventuelle Gefahrenstellen fachmännlich beseitigen lassen. Stefanie Sanktjohanser optimistisch: „Nach der Zusage der Gemeinde werden wir direkt eine Versicherung für unser Projekt abschließen, um gleich loslegen zu können.“ Damit übernehme man die Verantwortung für die Menschen, die mitarbeiten und sich in den Gebäuden aufhalten.

Laut Kranzfelder sieht das Bayerische Landesamt für Denkmal­pflege große Chancen, die Gebäude an der Johannisstraße als Ensemble zu schützen. Bisher seien nur die beiden Fassaden der Hausnummer 13 denkmalgeschützt, nicht aber die in zweiter Reihe verborgenen Druckereigebäude um einen Innenhof. Sie könnten nicht unter Denkmalschutz gestellt werden, da keine Maschinen mehr vorhanden sind. Der Gesamtkomplex sei aber in dieser Form durchaus erhaltungswürdig.

Nach den von der Freien Kunstanstalt zu Rate gezogenen Experten sei die wirtschaftlichste und realistische Lösung, den Bestand der Gebäude zu sichern und die Altlasten zu versiegeln. Finanziert werden soll das ganze durch Spenden und Fördergelder.

Soziale Aspekte

Jörg Kranzfelder betont, dass aus dem Huber-Komplex ein Kulturzentrum und eine Begeg­nungsstätte für alle Generationen unter sozialen Aspekten entstehen soll. So habe man bislang auf der Agenda ein offenes Café, eine Bühne für Theater, Musik und Lesungen, Ausstellungsflächen, Ateliers, kunstthera­peutischen Angebote, eine Fotowerkstatt mit Labor, eine Werkstatt für Holz und Metall, kreative Werkstätten für Kinder und Jugendliche, einen Übungsraum für Bands sowie einen Gemeinschaftsgarten. Man stelle sich auch durchaus gewünschte Kooperationen vor wie mit der Volkshochschule oder der Musikschule. Hier hätten bereits Gespräche stattgefunden.

»Genius loci«

Bei allen Bemühungen, der seit Jahren ungenutzten Industriebrache neues Leben einzuhauchen, wolle man den „Genius loci“ beibehalten. Damit bezeichnet man die Atmos­phäre eines Ortes, die durch den Geist der Menschen geprägt ist, die dort gearbeitet haben. Im Jahr 1890 eröffnete Joseph Carl Huber (1870 – 1948) hier eine Buchdruckerei, die er immer weiter ausbaute und unter wechselnden Namen führte wie „Druckerei J. C. Huber & Sohn“ oder „Graphische Kunst- und Verlagsanstalt Jos. C. Huber K.G.“. Namhafte Verlage und Unternehmen zählten zu den Kunden. In der Blütezeit war Huber mit bis zu 250 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber in der Gemeinde.

Wie mehrfach im KREISBOTEN berichtet, hat die Marktgemeinde Dießen im Jahr 2013 das Ensemble auf 2.450 Quadratmetern in bester Ortslage von den Huber-Nachfolgern geerbt, was trotz klarem Testament einen komplizierten Erb- und Rechtsstreit heraufbeschwor. Im August 2020 wurde die Vorkaufsklage der Erben des letzten Firmenbesitzers abgewiesen und die Gemeinde Dießen als rechtmäßige Eigentümerin des Huber-Areals bestätigt. Ebenso wie vor dem Oberlandesgericht im März 2021. Auf eine Fortsetzung des Rechtsstreits vor dem Bundesgerichtshof hat die Gegenpartei jetzt scheinbar verzichtet, so dass sich die Gemeinde hinsichtlich einer künftigen Nutzung der Industriebrache konkrete Gedanken machen kann.

Für wen auch immer die Entscheidung ausfällt, die Huber-­Häuser an der Johannisstraße werden auf jeden Fall saniert und aufgehübscht, so dass niemand mehr von einem „ortsbildprägenden Schandfleck“ sprechen kann.

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