Ein neuer Lebensabschnitt

Fuchstal: Der frühere ‚Integrator‘ Sepp Huber sucht »Wohnraum für alle«

Der frühere ‚Integrator‘ Sepp Huber.
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Der frühere ‚Integrator‘ Sepp Huber.

Fuchstal – Im Udo Jürgens-Schlager heißt’s „Mit 66 Jahren … ist noch lange nicht Schluss“. Das trifft voll und ganz auf Sepp Huber zu: Der ehemalige Bundeswehr-Offizier wird nach den Jahren bei der Offenen Ganztagsschule in Fuchstal (2009 bis 2018) und als Integrationsbeauftrager der Gemeinde (2018 bis 2020) seine organisatorischen Fähigkeiten an anderer Stelle zeigen: Er steigt beim Projekt „Wohnraum für alle“ der Herzogsägmühle ein. Ein Interview. 

Drei Jahre Integrationsbeauftragter: Wo und wie konnten Sie Geflüchteten im Fuchstal helfen?

Sepp Huber: „Konkret galt es, die laufenden Integrationskurse zu begleiten, die vom Helferkreis Asyl Fuchstal ehrenamtlich abgehaltenen Deutschstunden zu koordinieren, die Kinder der Geflüchteten in der schulischen Ausbildung in Zusammenarbeit mit den Lehrkräften zu unterstützen und Buben und Mädchen vom Kindergarten ebenso in ihrer frühkindlichen Entwicklung zu begleiten. Neben einer beruflichen Qualifikation und dem Erlernen der deutschen Sprache galt es, den Geflüchteten eine Wohnung zu vermitteln. All meine Bestrebungen, auf dem freien Wohnungsmarkt in der Gemeinde Fuchstal eine Wohnung zu organisieren, liefen ins Leere. Zum Glück stellte die Gemeinde neun gemeindliche Wohnungen zur Verfügung.“

Wie war es, für die Geflüchteten Arbeitsstellen zu finden?

Huber: „Die dritte wichtige Säule zur Integration ist ein Arbeitsplatz. Mit den örtlichen Unternehmern wurde eine gute Basis geschaffen, um Geflüchteten eine Arbeitsstelle zu vermitteln. Besonders erfreulich ist der erfolgreiche Abschluss einer Ausbildung dreier junger Männer zum Facharbeiter als Spengler, Maurer und Automechatroniker. Zum Gesamtpaket der Hilfe gehörten auch Unterstützung bei der Administration, Begleitung zum Arzt und die Moderation bei Gesprächen mit Lehrkräften, Eltern und Schülern.“

Wie viele Asylbewerber sind es aktuell noch im Fuchstal?

Huber: „Stand Dezember leben 77 Geflüchtete im Fuchstal. Davon sind 55 anerkannt. 22 sind nicht anerkannt.“

An welche schönen Erlebnisse erinnern Sie sich bei dieser Arbeit?

Huber: „Die Organisation und Ausrichten des interkulturellen Tages im Jahr 2018. Die Teilnahme am Ascher und Leederer Weihnachtsmarkt 2019. Geflüchtete verkauften mit mir kulinarische Leckereien aus ihrer Küche. Das Lachen der Kinder und ihre glücklichen Augen, sei es, wenn der Nikolaus sie besuchte, oder sie aufgrund einer Spende hie und da Spielzeuge erhielten.“

Und welche Erfahrungen waren eher belastend?

Huber: „Manche Geflüchtete katapultierten sich in einen psychischen Krankenstand, um nicht abgeschoben zu werden. Dass sowas vorkommt, ist für eine europäische Gesellschaft menschenunwürdig.“

Wo gibt es in der Asylarbeit vor Ort Verbesserungsbedarf?

Huber: „Zum einen wird von vielen ehrenamtlichen Mitbürgern hervorragende und professionelle Asylarbeit im Bereich Sprachunterricht, Begleitung in der Ausbildung gemacht. Schön wäre natürlich, wenn der örtliche Helferkreis Zuwachs bekäme. Wenn nach Corona das Projekt „Lesefux“ (deutsche Muttersprachler lesen mit den Kindern der Geflüchteten) von möglichst vielen Fuchstaler Bürgern begleitet wird.“

Stichwort Lesefux – kaum angelaufen, kam der Lockdown ...

Huber: „Gerade die Kinder der Geflüchteten sind während des Lockdowns stark benachteiligt. Manche haben noch nicht einmal Internet, das Homeschooling funktioniert kaum, schon weil die Eltern nicht unterstützen können und die Helfer momentan nicht in die Unterkünfte dürfen. In der Zeit nach Corona haben sie viel Nachholbedarf, den der Helferkreis kaum abdecken kann. Außerdem hab ich da noch ein besonderes Anliegen: Dass die Unterstützung von Geflüchteten, Migranten und sozial schwachen Mitmenschen in einer Gemeinde zusammengefasst wird. Das sollte zumindest angestrebt werden. „

Wie war die Zusammenarbeit mit der Gemeinde und der Pfarreiengemeinschaft, bei denen Sie in einem Teilzeitvertrag zeitlich befristet angestellt waren?

Huber: „Mit der Gemeinde, der Pfarreiengemeinschaft und dem Helferkreis Asyl Fuchstal fanden regelmäßig Besprechungen statt. Aus meiner Sicht war die Zusammenarbeit konstruktiv, zielführend und im Sinne, die Geflüchteten zu integrieren und sie zu unterstützen.“

Und wie war das Miteinander im Helferkreis Asyl Fuchstal – da war’s doch zuletzt um die Chemie nicht mehr so gut bestellt?

Huber: „Bis zum Ende meiner Tätigkeit gab es einen festen Stamm an Mitmenschen, die mit mir professionell, konstruktiv, mit Respekt und achtsam zusammenarbeiteten. Ich bin ja zu Beginn meiner Tätigkeit einem bereits bestehenden Helferkreis ‚vor die Nase gesetzt‘ worden. Als Koordinator war ich natürlich nicht einfach nur ein weiteres Mitglied des Helferkreises, sondern im weitesten Sinn eine Art Vorsitzender. Selbstkritisch gestehe ich natürlich ein, dass mein Führungsstil nicht bei allen gleich gut angekommen ist.“

Wie ist das zu verstehen?

Huber: „Leider gab es auch Mitmenschen, die meine Tätigkeit als Integrationsbeauftragter infrage stellten. Trotz einer Mediation im Sommer 2019 war es offensichtlich diesen Menschen nicht möglich, mit mir weiter zusammenzuarbeiten.“

Was haben Sie in dieser Zeit dazugelernt?

Huber: „Man lernt in der Tat nie aus. Ich durfte in die Welt anderer Kulturen eintauchen, habe die Küche aus Afghanistan, Syrien, Afrika kennengelernt, habe die Nöte und Sorgen der Geflüchteten erfahren, deren Zuversicht, in einem sicheren Land gelandet zu sein – kurzum, die letzten drei Jahre waren eine Bereicherung und ein Gewinn; sie waren wertvoll und ich möchte sie niemals missen.

Wie geht’s weiter? Sie sind doch keiner, der sich auf dem Kanapee ausruht.

Huber: „Gerne hätte ich in der Gemeinde weitergemacht – fünf Jahre nach 2015 ist zweifelsohne ein hoher Integrationsstand in der Gemeinde erreicht. Andererseits kommen weiterhin Geflüchtete zu uns, die eine Begleitung benötigen. Nicht zu vergessen Migranten aus dem südosteuropäischen EU-Raum und sozial schwache Mitbürger. Aber ich habe am 31. Dezember mit dieser Mission abgeschlossen.“

Und was ist die nächste?

Huber: „Das ist inzwischen geklärt. Das Bayerische Innenministerium fördert über die evangelische Landeskirche das Projekt ‚Wohnraum für alle‘. Dort werde ich ab Februar in einem Team der Herzogsägmühle mitarbeiten. Auf das Abstellgleis wollte ich mit bald 66 Jahren nicht geschoben werden. Jetzt fängt ein neuer Abschnitt in meinem Leben an.“
Das Interview führte Johannes Jais

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