Energiewende zum Anfassen:

Die Stromrebellen aus dem Fuchstal

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Gut gelaunt: Fuchstals Bürgermeister Erwin Karg (links) und sein Kämmerer Gerhard Schmid machen ihre Gemeinde zum Ökostrom-Anbieter.

Fuchstal – Das gab es noch nie: Eine kleine oberbayerische Gemeinde bietet künftig ökologischen Regionalstrom an – und macht damit den Konzernen Konkurrenz: Fuchstal. Die Lechraingemeinde treibt mit „FuXstrom“ die Energiewende vor Ort an.

Die Verrückten im Fuchstaler Rathaus. So nennen sie sich selbst, und vermutlich tun das auch einige andere in der Gemeinde. „Die im Gemeinderat meinten, sollen die zwei Spinner sich doch ruhig noch mehr Arbeit ins Haus holen“, sagt Bürgermeister Erwin Karg. Da muss er selbst grinsen. Letztlich halten er und sein „Mit-Spinner“ Gerhard Schmid auf ihren Gemeinderat große Stücke – und umgekehrt. „Sie lassen uns machen“, erklärt Kämmerer Schmid. Andere Gemeinden, so Karg, verlegten halt Wasserleitungen und bauten Kindergärten. „Machen wir schon auch.“ Was man im Rathaus Fuchstal aber ansonsten tut: die Energiewende vorantreiben. In Eigenregie. Ab 2020 bietet Fuchstal regionalen Strom an. Ökologisch produziert, versteht sich. Das ist neu.

„FuXstrom“, so soll das Baby heißen. Klingt witzig. „Und wir haben auch einen Riesenspaß dran“, sagt Schmid. Auch das eines der Ziele: Den Bürgern zeigen, „dass die Energiewende Spaß macht – und man Geld damit verdienen kann“. Über „FuXstrom“ kann man künftig Strom von der Gemeinde beziehen, die mit eigenen selbst Windkraft- und Photovoltaikanlagen Erzeuger ist. Die Kunden bekommen ihn unter dem Preis des Grund­anbieters, verspricht Karg. Es soll sogar ein Wechselbonus drin sein. Wie das geht? „Wir haben eine schlanke Verwaltung und verzichten auf Gewinne“, sagt Karg. Insgesamt wird das Angebot nur im Gemeindebereich und im mitverwalteten Unterdießen gelten, weil „sonst Regionalstrom ja keinen Sinn macht“, so der Bürgermeister.

Fuchstal, mit den Teilgemeinden Asch, Seestal und dem Markt Leeder zählt 3.900 Einwohner, liegt idyllisch am Rande vom Landkreis Landsberg. Gleich an der Grenze zum Altlandkreis Schongau, wo einst Franz Josef Strauß als Landrat regierte. Und wie einer aus dessen Hofstaat erscheint auf den ersten Blick Bürgermeister Karg: ein Mannsbild mit Präsenz, 55. Flinke Zunge, polternder Witz und unerschrocken. Karg wuchs nach eigenen Worten in einer CSU-geprägten Familie auf, wandte sich dann aber den Freien Wählern zu. Inzwischen ist Karg parteilos. Und ein Verfechter von regenerativer Energie. Und gar nicht so konservativ wie er aussieht.

„Sein“ Geschäftsstellenleiter und Bruder im Geiste: Gerhard Schmid, 47, CSU-Mitglied, aus einer Landwirtschaft stammend. Versierter Kenner des Kommunalrechts, beim Thema Fördermöglichkeiten ein echter Fuchs. Schmid lacht herzhaft und frech, mit seinem Humor eckt er in seiner Heimatgemeinde Apfeldorf gelegentlich an: Dort redet er als 2. Bürgermeister mit und will 2020 Gemeindechef werden.

Der Dritte im Bunde ist Robert Sing, 42. Der Ingenieur und Windkraftexperte aus Landsberg betreut mit seinem Büro seit 2012 Projekte der erneuer­baren Energie. Er liefert den Fuchstalern die nötige technische Fachkompetenz.

"Wir machen‘s selbst"

2011, nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima, fing alles an. Der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer verkündete, man brauche jetzt 1.500 Windräder in Bayern. Es dauerte nicht lange, da klopften die ersten Investoren in Fuchstal an die Rathaustür – sie kamen aus Düsseldorf, Köln und sogar England. „Da haben wir uns gedacht: Das machen wir selbst“, erinnert Schmid. Kein leichtes Unterfangen: Windkraftgegner haben in Bayern einige Anlagen verhindert. Doch die Fuchstaler konnten ihre Bürger überzeugen.

Seit 2016 betreibt eine Bürgerbeteiligungsgesellschaft vier Windkraftwerke: 49 Prozent der Anteile hält die Gemeinde, 51 Prozent diverse Gesellschafter, darunter Bürger der Gegend, aber auch Unternehmen wie die Stadtwerke Bad Tölz. Die Anlagen stehen einige Kilometer südlich von Fuchstal auf Pachtgrund im Bayerischen Staatsforst: ein 2.000 Hektar riesiges Waldgebiet. Ringsum die Wind­räder üppige Vegetation und jede Menge Wald.

Für 7.000 Haushalte

Die Räder haben eine Leistung von 12 Megawatt und erzeugen im Jahr rund 24 Millionen Kilowattstunden Strom. Hinzu kamen 2013 und 2017 zwei kommunale Photovoltaikanlagen mit 1,2 Megawatt Leistung und eine weitere in Unterdießen mit 0,6 Megawatt. Eine Biogasanlage eines privaten Unternehmers wurde in das Energiekonzept integriert: Die Abwärme daraus speist man in das lokale Fernwärmenetz von Fuchstal ein.

Insgesamt sind das über 24,3 Millionen Kilowattstunden pro Jahr. Nicht übel für ein Dorf. Zum Vergleich: So viel verbrauchen etwa 7.000 Vier-Personen-Haushalte.

21 Millionen Euro wurden in den Windpark investiert, 6,5 Millionen Eigenkapital brachten Bürger und Gemeinde ein. Seit dem ersten Jahr verdient der Bürgerwindpark Geld – mehr als prognostiziert wurde. Für die Gesellschafter hat sich die Anlage längst rentiert: Jährlich schüttet die GmbH bisher durchschnittlich sechs Prozent Rendite aus.

Bis 2026 werden voraussichtlich alle Schulden bezahlt sein und die Rücklagen für den Rückbau vorhanden sein. Für 20 Jahre bekommen die Fuchstaler die EEG-Vergütung, also den vom Staat geförderten Garantiepreis auf regenerative Energie. „Was in 20 Jahren ist, kann man jetzt ohnehin nicht sagen“, sagt Schmid.

Ziemlich bald kam im Fuchstaler Rathaus die Idee auf: Warum nicht selbst Regionalstrom anbieten? „So wie mit den Eiern und der Mich, die kauft man bei uns ja auch vom Bauern nebenan“, sagt Karg. Das schafft Verbundenheit der Verbraucher.

Regionalstrom ist ein echter Trend. Unternehmen wie das Allgäuer Überlandwerk in Kempten oder das Grünstromwerk in Hamburg bieten inzwischen regional begrenzte Öko-Stromprodukte an, bei dem sich sogar Kunden mit dem Strom ihrer PV-Anlagen zu einem guten Abnahmepreis beteiligen. Das Ziel: Die lokalen Akteure stärken, das Geld in der Region in nachhaltige Projekte investieren und den Graustrom-Anteil – also unbekannter Herkunft – im Netz verringern.

Klar: Der Strom im Gesamt­stromnetz stammt von allen Erzeugern, genauso von Kohle- und Atomkraftwerken. Wie in einer Badewanne mit vielen Zuläufen. Aber mit dem Prinzip von Regionalstrom steigt der Anteil von Strom aus erneuerbaren Energiequellen. Und die umstrittenen Stromtrassen, die das Land durchziehen sollen, können auf ein nötiges Minimum reduziert werden.

Dieser Trend bringt auch bundesweit volkswirtschaftliche Vorteile. Laut Jahresbericht 2018 der AG Energiebilanzen e.V. werden pro Jahr fossile Energieträger für 68 Milliarden Euro aus dem Ausland importiert. „Das sind pro Bundesbürger 2,25 Euro täglich. Geld, das in die Taschen von Ölscheichs, Gaszaren und Kohlekonzernen fließt“, sagt Sing. Wenn Strom aber regional erzeugt und verbraucht wird, kommt das Geld eher den Menschen vor Ort zu Gute.

Energiezukunft

Im Fuchstaler Rathaus machte man sich nun viel Gedanken. Viele Abende grübelten und diskutierten die „Verrückten“. Denn um Strom zu jeder Zeit zur Verfügung zu stellen muss man auch zu Hauptlastzeiten liefern können – das muss man im Kreuz haben. Also wenn viele Kunden zur selben Zeit viel Strom verbrauchen: zum Beispiel am frühen Abend im Winter, wenn geheizt, gewaschen und gekocht wird, der Fernseher läuft und eventuell das E-Auto an der Ladestation hängt.

Um das Problem zu lösen, bauen die Fuchstaler derzeit eine Speicheranlage. Batterien mit einer Kapazität von drei bis vier Megawattstunden speichern künftig überschüssigen Strom, um Schwankungen auszugleichen. Dazu kommt ein Wärme­speicher, der die Abwärme der Biogasanlagen und eines örtlichen Holzpellet-Produzenten aufnimmt. Und eine Power-­to-Heat-Anlage, die wie ein Tauchsieder überschüssigen Strom in Wärme umwandelt: Die soll über das örtliche Fernwärmenetz genutzt werden.

Außerdem sind drei weitere Windräder mit einer Leistung von rund 13 Megawatt in Planung. Bis Ende 2020 soll davon schon einiges realisiert sein. Dieses innovative Projekt mit dem Titel „Energiezukunft Fuchstal“ wird mit drei Millionen vom Umweltministerium gefördert.

Doch um FuXstrom nun tatsächlich dem Bürger anbieten zu können, steht eine gewaltige Verwaltungsarbeit an. „Wir vom Rathaus werden sicherlich bei unseren Kunden nicht Strom ablesen und Geld kassieren“, sagt Bürgermeister Karg. Hier holten sich die Fuchstaler Unterstützung bei der Firma BürgerGrünStrom aus Markt Erlbach in Mittelfranken: Das Unternehmen sammelte mit ihrem Produkt „RegioGrünStrom“ schon viel Erfahrung im Bereich der Regionalstromtarife. Als Partner der Fuchstaler übernimmt es nun den Stromvertrieb und damit die Verwaltungsaufgaben und die Kundenbetreuung.

Die Idee des eigenen regionalen Stromtarifs kommt bei den Bürgern der Gegend an. Auch bei Behörden und Ministerien stoßen die Fuchstaler auf positive Resonanz: Zusammen mit der Stadt Kaufbeuren und dem Landkreis Ostallgäu wird die Gemeinde zur Wasserstoffregion: Wie im KREISBOTEN berichtet, soll in dem vom Bundesverkehrsministerium geförderten Projekt namens „Hystarter“ überschüssige Windenergie in Wasserstoff umgewandelt werden, den man nach Bedarf als saubere Energiequelle einsetzen kann.

„Die Welt werden wir Fuchstaler vielleicht nicht retten. Aber wir können zeigen, dass auch eine kleine Kommune eine Menge für das Klima tun kann“, sagt Bürgermeister Karg. Vielleicht gar nicht so übel, wenn man ein paar „Verrückte“ einfach mal machen lässt.
Klaus Mergel

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