Ein römischer Altar in Dießen

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Im Rahmen der Führung „Der sagenhafte Schackypark“ erläuterte Dr. Thomas Raff Hintergründiges und Rätselhaftes zu zwei frisch restaurierten Kunststeinsockeln.

Dießen – Im Dießener Schacky Park stößt man nördlich und südlich vom sogenannten „Fischbrunnen“ neuerdings auf zwei identische, wieder aufgerichtete Kunststeinsockel, wobei der nördliche, anders als der südliche nur noch als Bruchstück erhalten ist. Im Rahmen der Führung „Der sagenhafte Schacky Park“ hatten Parkbesucher erstmals Gelegenheit, sich die Geschichte dieser Parkarchitekturen von Kunsthistoriker Dr. Thomas Raff erläutern zu lassen.

Während der südliche, intakte Kubus unmittelbar am Weg gefunden wurde, fand sich der Zweite auf dem Gelände des Reitvereins und wurde, wie Christine Reichert (1. Vorsitzende des Fördervereins Schacky Park) dankend betonte, von Baumeister Emil Schmitt (87) wieder zusammengesetzt. 

Am südlichen Kubus, so Raff, erkenne man vier identisch gestaltete Seiten. An den unteren Ecken sitzen Sphingen, aus den oberen Ecken ragen diagonal Widderköpfe hervor. In der Mitte befindet sich eine gerahmte Inschriften-Tafel, auf der man bei optimaler Beleuchtung die Inschrift „L. VOLVSIO“ und einzelne Buchstaben entziffern kann. Darunter sitzt auf einer Girlande ein Adler mit ausgebreiteten Flügeln. Unten in der Mitte erkennt man die römische Wölfin mit den Zwillingen Romulus und Remus. Dem Kunsthistoriker war schnell klar, dass es sich bei den zwei Steinguss-Sockeln um Abgüsse eines antik-römischen Altars handeln muss. 

Doch wo mochte sich das antike Vorbild befinden? Nach detektivischer Recherche, ausgehend von dem Namen „Lucius Volusius“ wurde der Historiker fündig: Der original Marmoraltar befindet sich im Vatikanischen Museum in Rom. Er hatte im Mittelalter als Weihwasserbehälter in einer römischen Kirche gedient. Ursprünglich, so Raff, stammte das Original aus dem sogenannten „Columbarium der Sklaven und Freigelassenen der Volusii Saturnini“, das sich einst an der Via Appia befand. Als „Columbarium“ bezeichnet man ein gemauertes Grabgebäude mit zahlreichen Nischen für Asche-Urnen. 

Der Original-Steinblock hat im Inneren einen Hohlraum, in dem ursprünglich die Asche des Verstorbenen aufbewahrt wurde. Es handelt sich also um einen Grabstein, der zugleich als Urne fungierte und dabei noch die Gestalt eines Opferaltares hat. Solche Gebilde nenne man „Asche-Altar“ oder häufiger „Cinerar-Altar“, erklärte Raff seinem aufmerksamen Publikum. Sinngemäß übersetzt bedeutet die auf dem Original erhaltene vierzeiligen Inschrift („L. VOLVSIO/VRBANO/NOMENCLATORI/CENSORIO“) „Dem Lucius Volusius Urbanus, Nomenclator des Zensors“ [gewidmet]. Lucius war ein freigelassener Sklave (Urbanus) der den Namen seines Herrn führen durfte. Aus stilistischen Gründen könne man den Altar der Regierungszeit des Kaisers Claudius (41-54 n. Chr.) zuordnen, so Raff. 

Nur als Deko 

Bisher sei nicht bekannt, wann und wo der Baron Schacky die beiden Abgüsse erworben habe. „Vermutlich wusste er gar nicht, was es mit diesen Stücken auf sich hat, sondern er fand sie einfach dekorativ. Und er verwendete sie, entgegen ihrem ursprünglichen Gebrauch, als Sockel für Abgüsse antiker Figuren, von denen bisher aber keine Spur zu finden war“. Zur Freude seiner Zuhörer ließ sich Raff, ausgehend von den einzelnen Motiven auf den Sockeln zur Erzählung einiger griechischer Mythen inspirieren. Und so wurden im herbstlichen Park die Geschichten um Ödipus und die Sphinx, um den Adler des Zeus, um die Brüder Romulus und Remus und auch die Geschichte von Amor und Psyche auf wunderbare Weise wieder lebendig.

Ursula Nagl

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