Stand-Up-Comedy aus dem Burkawald

„Funny Girl“ vom Landestheater Schwaben bleibt an der Oberfläche

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Azime (Miriam Haltmeier, Mitte) samt Familie im ‚Burkawald‘ von Memmingens „Funny Girl“. Im Hintergrund die Riesen-Burka.

Landsberg – Wirklich eine gute Idee. Anstatt pro oder contra Burka zu lamentieren, schreibt Anthony McCarten seinen Roman „Funny Girl“: über eine kurdischstämmige Londonerin, die als Stand-Up-Comedian in Burka Karriere macht. McCartens Roman wurde ein Bestseller. Die Bühnenadaption von Sapir Heller für das Landestheater Schwaben ist dagegen schwach. Memmingens „Funny Girl“ bietet zwar Szenen, die unter die Haut gehen. Aber leider viel zu selten. Die Inszenierung lässt die Charaktere ohne Fleisch. Und bleibt an der Oberfläche.

Richtig, da gibt es auch noch ein anderes „Funny Girl“: das Musical aus den 60ern. Über eine junge Frau, die sich gegen soziale Widerstände behauptet und Schauspielerin wird. Nicht umsonst trägt McCartens Roman den gleichen Titel. Nur dass er zum Thema „Frau als Comedian“ noch die Religion obendrauf setzt.

Das beeindruckende Bühnenbild der Memminger Inszenierung (Elena Köhler) setzt Religion in Szene: In der Mitte eine Riesen-Burka, aus der die Protagonistin wie ein Muezzin von der Moschee herab ihre Show ausruft. Darunter Miniburka-Stellwände – ein Wald aus Burkas oder auch ein Häuserwald, in dem die Schauspieler agieren.

Azime (unaffektiert gut: Miriam Haltmeier) ist in London geboren und aufgewachsen. Ihre Familie – vor den Diskriminierungen der Kurden in der Türkei nach England geflohen – legt trotz moderner Lebensweise Wert auf Tradition. Und dazu gehört, dass ein Mädchen Burka trägt. Etwas, das Azime so gar nicht passt. Höchstens auf der Bühne. Zusammen mit ihrem Kumpel Deniz (Sandro Sutalo, der auch als Azimes Bruder großartig ist) besucht sie einen Comedy-Kurs. Als ein Terror-Anschlag muslimischer Extremisten London heimsucht, beschließen die beiden die Show „Muslimische Stand-Up-Comedians gegen die Anschläge“, um einen „Dschihad der Liebe“ zu entfachen. Azimes Comedy-Outfit: der Niqab.

Auf der Bühne dann schwarzer Humor, Lachen gegen den Hass, Humor gegen die Not: dass die Frauen im Islam hinter ihrem Mann laufen, „weil er von hinten besser aussieht“, dass das nur in Syrien anders ist: „wegen der Minen“. Die Show wird ein Erfolg, zum Leidwesen von Azimes Eltern. Zwar leben sie britischer als Briten – der Vater führt ein Geschäft für antike britische Möbel, das Haus ist voller Spitzendeckchen. Aber die Tochter als Comedian? Das geht gar nicht. Azime wird verstoßen.

Kurzzeitig findet sie Unterkunft bei ihrer Comedy-Lehrerin Kirsten (Agnes Decker). Hier kommt es zu einem der wenigen Momente, der sich Zeit nimmt, eine Szene, die die Schauspielerinnen ‚ausspielen‘. Und die deshalb in Erinnerung bleiben. Wenn Azime Kirsten fragt, ob sie denn überhaupt komisch sei? Oder ob die Leute nur wegen der Burka lachen. Denn eines will Azime nicht: ihre Kultur ins Lächerliche ziehen. Und wenn Kirsten ihre absolute Selbstständigkeit hervorhebt – einhergehend mit Einsamkeit – baut Azime auf das Zusammengehörigkeitsgefühl ihrer Familie.

Anstatt hier weiterzugehen und Azimes Weg zur Comedian auch in Bezug auf ihre widersprüchlichen Emotionen nachvollziehbar zu gestalten, rast das Stück dem Ende entgegen. Azime kommt zur Familie zurück. Die Mutter fragt „Willst du etwas essen?“ – und schon herrscht Friede. Dass Azimes Rückkehr in die Familie wie‘s Brezelbacken geht, weil die Familie über dem anderen steht, mag sein. Aber ein bisschen Tiefe hätte man sich gewünscht. Eine Minute mehr hätte genügt.

Azime bekommt ein Auftritts-Angebot und nimmt an. Spot auf die Riesenburka: „Hallo, ich bin Azime.“ Die Burka fällt nach unten und Azime steht unverhüllt in einem Drahtgestell. Jetzt ist sie das, was sie sein möchte: „Ich bin Muslimin. Und ich bin es gern.“ Ein schönes Ende. Mit überzeugenderen Charakteren und etwas ausgearbeiteteren Szenen statt Blitzlichtmomenten wäre es ein wirklich schöner Abend geworden.

Dass das Thema trifft, zeigte das volle Stadttheater. Der Applaus war wohlwollend.

Susanne Greiner

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