Gedenken, das Spaß macht

Massel-Tov lässt jiddische Musik im Stadttheater lebendig werden

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Die Gruppe Massel-Tov samt ‚Nachwuchsmusikern‘: Bei der Gedenkfeier für die Opfer des KZ-Außenlagers Kaufering spielten neben der versierten Klezmer-Band auch vier Schülerinnen des Ignaz-Kögler-Gymnasiums.

Landsberg – Es ist eine Gedenkveranstaltung. Aber zwei Dinge sind ungewöhnlich: Die Stimmung ist nicht bedrückt. Und die Menschen, die am Rednerpult stehen, sind jung. „Es geht um Gedenkarbeit mit aller Kraft und auf neuen Wegen“, sagt Stefan Albrecht, Sprecher der Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert, die ‚Kultur wider das Vergessen‘ organisiert hat. In dieser Reihe laden seit dem 7. November mehrere Veranstaltungen zum Gedenken an die Opfer des NS-Regimes ein. Und zwar im Gedenken an die Kultur, die mit ihnen ausgelöscht werden sollte. Wie die des Klezmer.

In Deutschland gilt der 9. November als Schicksalstag. Ein Tag, an dem „Ereignisse die Schicksale veränderten“, sagt Albrecht. Novemberrevolution 1918, Mauerfall 1998. Und der Beginn der Novemberpogrome vor 80 Jahren, die Reichspogromnacht. Schicksalstag, das klingt nach etwas, das über einen hereinbricht, etwas Unaufhaltbares. Aber hier hakt Albrecht ein: „Es ist ein Tag mit von Menschen gemachten Schicksalen.“ Entscheidungen, die getroffen wurden. Für die Verantwortung zu übernehmen ist. Und die in Erinnerung gehalten werden müssen, „damit so etwas nie wieder geschieht.“ Es gebe Sätze wie „Ach ne, 3. Reich, ich kann’s nicht mehr hören“, erzählt Albrecht. Um dieser ‚Ermüdungserscheinung‘ zu entgehen, setzt die Bürgervereinigung auf Konzerte, Filmabende, Kabarett, Lesungen, Reisen: das Gedenken in die nächste Generation tragen. Ein Gedenken, das Spaß macht – auch wenn das Wort ‚Spaß‘ zuerst fehl am Platz scheint.

Ein Beispiel ist die Reise nach Tel Aviv, von der Albrecht gerade zurückgekommen ist. Gemeinsam mit dem Verein Gedenken in Kaufering und einigen Pfadfindern ratterte er über die Schienen via Warschau in die israelische Metropole. „Viel zu kurz“ ist sein enthusiastisches Resümee. Sie waren an der Klagemauer in Jerusalem, in Haifa, in Yad Vashem. Frühstückten gemeinsam mit Menschen, die zu Freunden geworden sind: Überlebende der Außenlager Kaufering und deren Nachkommen. Tanzten zusammen am weißen Strand des quirlig-hektischen Tel Aviv.

Am Abend der Gedenkveranstaltung schildern auch andere ihre Reiseeindrücke. Über die vom ‚Vater der israelischen Architektur‘ Arieh Sharon gebauten Häuser im Bauhausstil in Tel Aviv – studierte Sharon doch in Dessau bei Walter Gropius. Stefans Schwester Sophia Albrecht erzählt von der Ankunft im Bahnhof, wo inmitten des Getümmels ein Soldat Klavier spielte. Über den Besuch in Yad Vashem, „aufgebaut, um den Menschen von damals ihre Persönlichkeit zurückzugeben“, berichtet Maja von ‚Gedenken in Kaufering‘. Sie erzählt auch die Geschichte eines Lagerinsassen, der sowohl den Hunger im Lager als auch die Qualen des Todesmarsches überlebte. Und das mit den Worten quittierte: „Ich habe so viel Glück im Leben gehabt.“

Mit einem „Schejnen guten Abend“ begrüßt Zarko Mrdjano als „Stammesältester der Klezmerband Massel-Tov“ die Zuschauer zum Hauptact des Abends: Klezmermusik vom Feinsten. Die Münchener Gruppe besteht schon seit mehr als 25 Jahren und setzt im Landsberger Stadttheater den Schwerpunkt auf Musik aus dem Osten: Ungarn, Moldavien, Polen, dort, wo die aus Mitteleuropa geflüchteten Ashkenasim ihre Schtetl errichteten. Und wo die Klezmermusik entstanden ist. Entwickelt hat sie sich aus liturgischen Gesängen – deutlich zu hören, wenn die Klarinette die oft eingängigen Melodien ‚singt‘.

Klarinettist Florian Ewald säuselt oder schreit und schluchzt. Setzt satte Töne mit der Bassklarinette. Und stimmt auch gesanglich bei mehreren Stücken ein, gemeinsam mit Mrdjano und Querflötistin Tatjana Mischenko. Wobei Mischenko die enthusiastischste Musikerin der fünfköpfigen Band ist. Wenn sie spielt, spielt der ganze Körper mit. Zudem schnalzt sie, juchzt – und schafft es schließlich, auch das zu Beginn eher verhaltene Publikum zum Mitklatschen anzuregen. Im Hintergrund zupft Steffen Müller den Kontrabass und Harald Starken gibt den Beat am Percussion.

Das Repertoire reicht von Osteuropa nach Spanien; Lieder der „Zigeuner“, wie Mrdjano erzählt, in denen es um all das Schöne geht, das man möchte, und doch nicht haben kann. Oder um die Freude – eben „lebedik un frejlech“. Denn Klezmer, das ist „fast immer ein Lachen durch Tränen“, meinte Dmitri Schostakowitsch. In einem Lied des Klarinettisten Naftule Brandwein, der mit 19 nach New York auswanderte und dessen Enkel Arthur Rubinstein ist, zeigt sich sanft singender Einfluss des Orients. Irrwitzig schnelle Rhythmen im Balkan-Beat.

Die Zwillinge Johanna und Josephine Reimler, Lina Koch und Emilie musizierten mit Massel-Tov.

Auch einen Ausflug „über den Teich“ startet die Band. Dort entdeckten die Nachfahren der in die Staaten geflohenen Juden die Musik ihrer Eltern in den 70ern wieder und verpassten ihr einen neuen Anzug. So gibt es auch Klezmermusik mit Swing und Dixie-Anklang in jazzigen Arrangements samt Instrumentensoli. Ein wichtiges Merkmal des Klezmers war und ist seine Offenheit gegenüber anderen Stilen. Ein Eigenschaft, die seine Lebendigkeit garantiert.

Auch vier junge Schülerinnen der Musikklasse des IKG treten auf die Bühne und musizieren mit Massel-Tov: Die Zwillinge Johanna und Josephine Reimler, Lina Koch und noch ein Mitglied der Albrecht-Familie, Emilie. Stefan Albrecht wagt sich ans Cajon. Und als alle zehn Musiker auf der Bühne das „Hava Nagila“ intonieren und der Saal mitklatscht, kann man das eindeutig so nennen: Gedenken, das Spaß macht.

Susanne Greiner

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