In Lager III begann das Leiden

Vor 75 Jahren kam in Kaufering der erste Zug mit KZ-Häftlingen an - eine Gedenkstunde

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Mitten im Grün der Schrebergartensiedlung in Kaufering ist die Gedenkstätte zu finden: am Ort des ersten KZ-Außenlagers.

Kaufering – Inmitten der Schrebergarten-Idylle befindet sich der Gedenkort. Der Ort des „Lagers III“ des KZ-Außenlagerkomplexes Dachau – das erste der Kaufering-Lager, das die Nationalsozialisten für die jüdischen Zwangsarbeiter errichteten. Vor exakt 75 Jahren, am 20. Juni 1944, hielt hier der erste Zug: voll mit ungarischen KZ-Häftlingen, direkt aus Auschwitz. Am vergangenen Donnerstag luden der Verein „Gedenken in Kaufering“, die „Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert“ und die Stiftung „Europäische Holocaustgedenkstätte“ zur Gedenkveranstaltung. Dass alle drei Organisationen anwesend waren, ist erwähnenswert.

Dass nur wenige dem Aufruf gefolgt sind, mag am Gewitter-Wetter liegen. Oder auch nicht. Manfred Deiler, Präsident der Europäischen Holocaustgedenkstätte-Stiftung, spricht vom wiederkehrenden Antisemitismus in Deutschland. Von Vorurteilen gegen „andere“, die teilweise von etablierten Parteien in die Mitte der Gesellschaft getragen würden. Frei nach dem Motto: „Das wird man doch mal sagen dürfen.“ Offenbar sei die Zivilisation nur ein „dünner Firnis“. Und die Menschenwürde kein Naturgesetz. „Sonst hätte man sie nicht nach dem zweiten Weltkrieg im Grundgesetz verankern müssen.“ Deshalb müsse die Erinnerung lebendig gehalten werden und dürfe „nicht „zum Ritual erstarren“.

Lager I

„Hier begann das Leiden der Menschen in den Lagern von Kaufering“, sagt Deiler. Im heutigen Lager II, ursprünglich Lager I. Der Zug von Auschwitz mit den Zwangsarbeitern, die die unterirdischen Bunker zum Flugzeugbau errichten sollen, benötigt drei Tage, bis er am 20. Juni in Kaufering ankommt. Viehwaggons und Personenwagen, in ersteren 50, 60 Personen zusammengepfercht. „Von den Abstellgleisen am Bahnhof marschierten wir in Fünferreihen zum Lager und die Leute am Straßenrand schauten uns an, als ob wir aus einem Alptraum kommen würden“, schreibt einer der Überlebenden, der Grafiker und Zahnarzt Dr. Josef Weisz: der Lagerschreiber, der auch für das Lagerbuch zuständig war, das heute im Jewish Museum in New York aufbewahrt wird.

Die Baracken für die Häftlinge sind neu. Direkt nach der Ankunft erhalten die Häftlinge „zwei Decken, einen Aluminum-Essnapf und einen Löffel“, berichtet Deiler. Am ersten Tag gibt es „warmen süßen Gerstenbrei, Brot, zwei Scheiben Salami und sogar Vitamintabletten“. Kaufering sei den Häftlingen im Vergleich zu Auschwitz wie ein Sanatorium vorgekommen. Noch. Denn schon am nächsten Tag kommen die Capos – ebenfalls Häftlinge, aber sogenannte Reichsdeutsche und somit privilegiert. Und bald darauf das SS-Personal.

Der älteste Häftling, der im ersten Zug sitzt, ist Joszef Berger, geboren 1872, erzählt Deiler. Er wird nach Dachau verlegt, wo er 1945 stirbt. Der Jüngste ist der 14-jährige Farkas Husz: „ein Junge, 1,60 Meter groß, mit braunen Haaren und braunen Augen.“ Farkas überlebt.

Der Stellvertretende Lagerältester ist Walter Algie, vielen in Kaufering noch ein Begriff. Er blieb nach der Befreiung in Kaufering, wo er 1987 mit 75 Jahren starb. Ein anderer Häftling, Josef Hausner, wird später das Buch „Surviving the cold Crematorium“ schreiben. Und der damals 53-jährige rumänische Schriftsteller Làzlò Salamon wird nach der Befreiung das Gedicht „Kaufering“ verfassen. Über ein Dorf mit „einem Namen, niemals zuvor vernommen, (...), neun Buchstaben nur, im Gedächtnis verankert ein Leben lang.“ Über Häuser, Kirche und Schule als Kulisse für Stacheldraht und Qualen: „Sei vielmals verwünscht, Kaufering.“

Susanne Greiner

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