Und die Geier warten schon

„Früher hatten die Leute eine Idee und wollten dafür sterben. Heute haben die Menschen, die sterben wollen, keine Idee und die Menschen, die eine Idee haben, wollen nicht sterben“, erklärt die intellektuelle Dominika. Den Ausweg aus diesem Dilemma zeigte das Theater Konstanz am Donnerstag im Stadttheater mit der satirischen Komödie „Der Selbstmörder“.

Auf der Bühne steht ein Wohnwagen, eng, schäbig, im Fenster ein Globus als Symbol der großen weiten Welt. Davor ein grünes Sofa, das auch schon bessere Tage gesehen hat. Umrahmt wird das Ganze von einem hölzernen Kino-Ambiente der 60er Jahre, hinten ein Notausgang. Inmitten dieser trostlosen Atmosphäre döst Mascha: Kittelschürze, Strumpfhose, Billig-Schlappen. Aber nicht lange. Mitten in der Nacht wird sie von ihrem Göttergatten Semjon, einer Art gealtertem „Atze Schröder“ geweckt mit der Forderung, ihm eine Leberwurst zu geben und das Drama nimmt seinen Lauf. Aufgerieben von seiner langen Arbeitslosigkeit und der Abhängigkeit von Frau und Schwiegermutter, beginnt Semjon, mit dem Selbstmord zu kokettieren. Dummerweise nehmen andere diese Idee ernst: wie Geier scharen sich alle möglichen Leute um ihn, um seinen Tod zu instrumentalisieren. Er soll für die Gesellschaft, für die Liebe, für die Kunst, die Religion oder die Wirtschaft sterben. Oder einfach, weil sein Campingnachbar eine Art Lotterie mit ihm veranstaltet. Beflügelt von seiner plötzlichen Wichtigkeit spielt Semjon (Frank Lettenewitsch) seine Rolle, kneift aber vor der letzten Konsequenz. Aus dem terminierten Freitod wird ein Wodka-Koma, vor versammelter Trauergemeinde erhebt er sich wieder aus seinem blumengeschmückten Sarg und hält ein Plädoyer für das Leben. An seiner Stelle stirbt ein anderer, der sich mit Semjon das falsche Vorbild ausgesucht hat. Regisseur Enrico Stolzenburg siedelt das 1928 entstandene Stück auf einem Campingplatz an, irgendwo in Deutschland, inmitten der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Situation. Anspielungen auf Hartz-IV, Angela Merkel, die Opel-Krise und die Agentur für Arbeit finden sich zuhauf – merkwürdigerweise rechnen die Darsteller anfangs trotzdem noch in Rubel. Falls dies eine „Brücke“ darstellen sollte, war das nicht klar genug herausgearbeitet und wirkte deplatziert. Ebenso fehl am Platz (im wahrsten Sinne des Wortes) wirkten die künstlichen Auspolsterungen, mit denen Bäuche, Brüste und Genitalien der Figuren betont wurden; ein Verfremdungseffekt, dessen Wirkung verpuffte. Abgesehen davon war die Inszenierung stimmig und fesselnd, gespickt von bitterbösen Details und getragen von der guten schauspielerischen Leistung der Darsteller. Besonders Susi Wirth zeigte als Mascha das ganze Spektrum von Resignation, dem Ärger auf den Gatten („Mit sowas kann man im Zirkus auftreten, leben kann man mit dem nicht“), Trauer um seinen vermeintlichen Tod, Hoffnung auf einen geläuterten, liebevolleren Mann und schließlich Enttäuschung und stellte so neben Semjon den einzigen Charakter inmitten der typisierten Figuren dar. Für Komik sorgten die sächselnde Schwiegermutter (Olga Strub) und der Möchtegern-Macho Kalabuschkin (Thomas Ecke). Es bleibt die Frage: Wer ist Peter Brause?

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