Gekoppelt gegen das Defizit

Produziert nicht nur Wärme, sondern auch tiefrote Zahlen: das Kauferinger Biomasse-Heizkraftwerk. Foto: Weh

Das Kauferinger Biowärme-Heizkraftwerk soll einen „kleinen Bruder“ in der Nachbarschaft erhalten, der das Defizit der Anlage schon ab dem kommenden Jahr deutlich mindern soll. Die Ausschreibung für ein entsprechendes Biogas-Blockheizkraftwerk (BHKW), das mit der bestehenden Anlage gekoppelt werden soll, wurde jetzt auf den Weg gebracht. Die neue Anlage soll rund eine Million kosten und unter dem Strich jährlich rund 200000 Euro Überschuss bringen – um die Gesamtanlage aus den roten Zahlen zu bringen, reicht aber auch das noch nicht aus.

Die Vorteile liegen auf der Hand: In den Wintermonaten, wenn die bisherige Anlage an ihre Grenzen stößt, könnte das BHKW zusätzliche Nahwärme liefern und die Zuheizung durch den Ölkessel zumindest teilweise ersetzen. Im Sommer wiederum soll das in diesen Zeiten bislang ineffiziente Bio-Wärme-Kraftwerk komplett abgeschaltet werden, die Nahwärmeversorgung und Stromeinspeisung würden dann ausschließlich durch das neue Kraftwerk erfolgen. Insgesamt gibt es für ein Biogas-Kraftwerk bei Stromeinspeisung deutlich höhere Zuwendungen vom Staat als für die bisherige Anlage. Warum man eine solche Lösung nicht von Beginn an verfolgt hat, erklärte Thomas Winkler vom ausführenden Ingenieurbüro Gammel: „Das ist die neue politisch gewollte Richtung, das ist auch erst so, seitdem über die neue EEG-Richtlinie 2012 die Gaskraftwerke gefördert werden.“ Dass Kaufering mit der Biomasse-Verbrennung vor vier Jahren somit auf das falsche Pferd gesetzt habe, verneinte die Mehrzahl der Gemeinderäte klar. Gabriele Triebel, Hans Pilz und Alex Glaser (alle GAL) fragten allerdings nach. Während Triebel anhand einer Aufstellung die deutlichen Abweichungen der Prognose von den tatsächlichen Ergebnissen des Kraftwerks verdeutlichte, fragte Pilz: „Kann es sein, dass wir damals einen Fehler gemacht haben?“ Glaser ging noch weiter: „Ich lege Wert darauf, dass ich immer davor gewarnt habe, das Netz immer noch weiter auszubauen, bevor das strukturelle Defizit nicht beseitigt ist. Jetzt tut man so, als wäre dieses ganze Problem alternativlos gewesen und das stimmt nachgewiesenermaßen nicht.“ Triebel: „Das ist eine ganz kritische Situation. Wir wissen alle, dass nach fünf Jahren die Gemeinde das Defizit übernehmen muss.“ Diese Gefahr sah Bürgermeister Dr. Klaus Bühler nicht: „Malen Sie doch nicht so schwarz. Wir sind mit dem neuen Kraftwerk auf einem guten Weg in die schwarzen Zahlen.“ Die anderen Fraktionen sahen die Lage nicht so kritisch. Auch bei CSU und SPD machte man zwar deutlich, dass man mit den Zahlen nicht glücklich sei, aber weiter hinter dem Biomasse-Heizkraftwerk stehe. Noch deutlicher wurde Prof. Michael Kortstock (UBV): „Wir wollten alle CO2-freundliche Energie, jetzt haben wir sie. Wir sollten aufhören, nach alten Fehlern zu suchen. Wir haben anfangs eben unter Preis verkauft, das machen aber große Unternehmen genauso, um Kunden anzulocken.“ Michael Gammel vom gleichnamigen Ingenieur-Büro verwehrte sich scharf gegen die Kritik, die von der GAL vorgebracht wurde. „Ich will das klar sagen: Es gibt hier kein Problem und es wurde kein Fehler gemacht. Die Anlage funktioniert einwandfrei.“ Die Frage, warum man nicht wie andere Gemeinden zwei kleine Turbinen gebaut habe, von denen eine im Sommer abgeschaltet werden kann, konterte er: „Kosten und Kapitaldienst wären um dann um das Doppelte mehr gewesen. Und ich weiß nicht, was die anderen machen, ich stehe für das gerade, was ich mache.“ Die Abstimmung fiel dann eindeutig aus: Ohne Gegenstimme votierten die Gemeinderäte für das neue Biogas-Kraftwerk. Gabriele Triebel setzte durch, dass der Kommunale Prüfungsausschuss die Wirtschaftlichkeit des bisherigen Kraftwerks und der Planungen überprüft. Das Ergebnis soll zur nächsten Gemeinderatssitzung vorliegen. Die Gründe für das Defizit des Kauferinger Biomasse-Heizkraftwerks Eigentlich sollte das Biomasse-Heizkraftwerk in Kaufering seit seiner Inbetriebnahme im Jahr 2008 schwarze Zahlen schreiben, doch daraus wurde nichts. Mehrfach hatten Verwaltung und Bürgermeister danach avisiert, der „break-even“ stehe bevor. Stattdessen rutscht man immer weiter in die roten Zahlen. Spätestens im Jahr 2010 – dem ersten, in dem die Anlage voll ausgelastet war – sollte endgültig Geld an den Gemeindesäckel abgeführt werden. Zu Buche steht stattdessen ein neuerliches Minus von 395000 Euro (geplant war ursprünglich ein Plus von 210000 Euro). Aus dem komplexen Zahlenwerk, das dem Werkausschuss und dem Gemeinderat durch das Ingenieurbüro Gammel vorgelegt wurde, lassen sich die Gründe herauslesen: • Die Verbrauchsprognose lag teilweise deutlich daneben: Das liegt daran, dass man wesentlich mehr Abnehmer hat als geplant. „Wir haben 40 Prozent mehr Wärme verkauft als ursprünglich gedacht; wenn das ein Fehler ist, nehme ich den auf mich. Ich sehe das aber als Erfolg“, so Bürgermeister Dr. Klaus Bühler. „Ich bin immer noch dafür, erst einmal die Kunden zu gewinnen und dann die Anlage auszubauen und nicht umgekehrt.“ Die derzeitige „ORC-Turbine“ im Kraftwerk kann allerdings maximal vier Megawatt Strom erzeugen – das reicht inzwischen im Winter längst nicht mehr. Dann muss zusätzlich (wesentlich teureres) Heizöl verbrannt werden. 2010 war das während einem Viertel der Zeit der Fall – eingeplant waren 9 Prozent. Für die Ölzuheizung erhält die Gemeinde auch kein Geld für die Stromeinspeisung nach dem Vergütungsgesetz für Erneuerbare Energien. • Energievernichtung im Sommer: Umgekehrt hat man sich auch beim Wärmebedarf im Sommer verschätzt, allerdings in die andere Richtung. „Wenn beispielsweise Hilti als Großabnehmer schon im Juni komplett abschaltet, haben wir darauf keinen Einfluss“, machte Thomas Winkler vom Ingenieur-Büro Gammel deutlich. „Das können Sie in einer Prognose so vorher einfach nicht abbilden.“ Für Nahwärme und Stromeinspeisung ins Netz wurden in den Sommermonaten 2010 nur rund 500 bis 600 Kilowatt abgenommen. Die ORC-Turbine ist dafür aber nicht geeignet, sie muss aus technischen Gründen durchgängig auf mindestens 50 Prozent ihrer Maximalleistung laufen. Die dadurch überschüssigen knapp 2 Megawatt müssen „rückgekühlt“ werden. Dieser Ausdruck bedeutet nichts anderes, als dass rund 80 Prozent der erzeugten Wärme, für die es keinen Abnehmer gibt, über große Ventilatoren in die Umwelt „abgeblasen“ werden. Verschärfend kommt hinzu, dass auch diese Ventilatoren viel Strom benötigen. So erklärt sich auch der exorbitant hohe Stromverbrauch der Anlage von 245000 Euro für 2010. • Gestiegene Preise für Heizmittel: „Als wir das 2007 beschlossen haben, waren die Preise für Heizöl auf einem historischen Tiefpunkt", so Bühler. „Da waren wir unter 40 Cent, heute sind wir über 60 Cent.“ Zudem sind die Beschaffungspreise für Hackschnitzel seitdem durch die Decke gegangen. „Damals sind aber überall die entsprechenden Heizkraftwerke wie Pilze aus dem Boden geschossen“, so Meinrad Mayrock (CSU). „Das war doch eigentlich klar, dass auch dieser Rohstoff irgendwann knapp wird.“ Die entsprechend höhere Rückvergütung erhält die Gemeinde stets erst im Folgejahr. „Damit hinken wir immer hinterher, das macht einen erheblichen Betrag aus. Profitieren werden wir von der Verzögerung erst, wenn der Preis wieder sinkt“, gab Bühler bekannt. • Zu niedrige Preise für die Endverbraucher: „Das ist der Fehler, den wir gemacht haben. Für die Abnehmer ist das natürlich schön, wir sind vermutlich der günstigste Anbieter von Nahwärme in ganz Deutschland. Das werden wir korrigieren, aber im Moment sind wir an unsere Verträge gebunden“, so Bühler. Das Problem: Ein Megawatt eingespeister Nahwärme kostet die Gemeinde im Moment in der Erzeugung über 67 Euro. Was man vom Endkunden bekommt, liegt aber wegen der günstigen vertraglich zugesicherten Preise nur bei gut 51 Euro. Mit dem geplanten neuen Biogas-Blockheizkraftwerk sollen die Kosten für die Erzeugung eines Megawatts auf knapp unter 60 Euro sinken. Das soll dann auch der Preis sein, den man an die Kunden weitergibt, wenn die alten Verträge auslaufen (in den meisten Fällen ist das 2016 oder später). Bei Neukunden will man „ein neues Tarifmodell schon jetzt anwenden.“ Dass deswegen viele Abnehmer abspringen, kann sich Bühler nicht vorstellen: „Wir liegen dann immer noch rund 20 Prozent unter den Kosten für eine Heizung mit Öl. Im Moment ist diese Spanne deutlich höher und damit zu hoch. Da haben wir uns verschätzt.

Auch interessant

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Tiefe Einblicke ins Landsberger Klosterleben
Tiefe Einblicke ins Landsberger Klosterleben
Passanten retten zwei Frauen aus brennendem Unfallauto
Passanten retten zwei Frauen aus brennendem Unfallauto
Kaltenbergs "letzter Ritter"
Kaltenbergs "letzter Ritter"

Kommentare