Die lasterhafte Tochter

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Daniel Tille als der unstete Mellefont und Sara Sampson, gespielt von Carolin Schupa (Mitte) treffen sich mit der verwegenen Marwood, passend in Schlangenhose und grünen Handschuhen.

Landsberg – „Miss Sara Sampson“ hat einige Jahre auf dem Buckel: Im Juli 1755 wurde Lessings Drama in Frankfurt an der Oder mit großem Erfolg uraufgeführt: Es war das erste bürgerliche Trauerspiel. Sahen die Zuschauer vorher nur Prunk oder Götterdramen auf der Bühne, traten hier auf einmal ganz normale Menschen auf, mit ganz normalen Problemen, Gefühlen und Sehnsüchten. Genau das zeigt die Inszenierung des Landestheaters Tübingen: Es gelingt, den für heutige Zeiten eher schwierigen Stoff nachvollziehbar, menschlich zu machen. Auch wenn die Modernisierungen manchmal ein bisschen zu konstruiert wirken.

Da ist zum einen Sara: Sie ist über beide Ohren in den wankelmütigen und bindungsunwilligen Mellefont verliebt. Da ihr Vater diese voreheliche Liebschaft ablehnt, ist das Paar in ein Hotel geflohen. Mellefonts Ex-Geliebte Marwood will Mellefont zurück – unter anderem, da sie mit Mellefont eine Tochter, Arabella, hat – und reist ebenfalls an. Auch das dritte Zimmer auf Sandra Fox Simultanbühne ist gleich belegt: Saras Vater Sir William und sein Diener Waitwell ziehen ein. Sir William will seiner Tochter vergeben, denn „ich würde doch lieber von einer lasterhaften Tochter als von keiner geliebt sein wollen.“ Das Drama kann beginnen. 

Die Marwood ringt Mellefont das Versprechen ab, seine „edle Sara“ wenigstens kennenlernen zu dürfen, natürlich unter falschem Namen. Doch sobald sie mit Sara alleine ist, enthüllt sie ihr die Wahrheit über Mellefonts lasterhaftes Vorleben und gibt sich zu erkennen. Sara ist geschockt, fällt in Ohnmacht. Die einsame und enttäuschte Marwood will sich vergiften, überlegt es sich aber anders und verlässt das Zimmer – das Gift bleibt stehen. Aber Arabella ist noch da, die Tochter, die eifersüchtig auf Sara ist: Diese nimmt ihr den Vater, die Liebe, die er ihr als Tochter nicht geben kann. Sie flößt Sara das Gift ein. 

Hier hat Regisseur Dominik Günther eine der konsequenten Modernisierungen gegenüber dem Original eingebaut: Vergiftet bei Lessing die Marwood Sara, ist es hier die ungeliebte Tochter. Die Marwood selbst ist im Vergleich zu Lessings Original weniger die lasterhafte Verführerin als vielmehr eine emanzipierte Frau und gekränkte Liebende. Sara ist nicht die tugendhafte Heilige, wie Lessing sie noch schrieb: In der Inszenierung Günthers begegnet sie dem Zuschauer als lebenslustiges junges Mädchen, das gerne Bravo liest und nicht von Sünde und Verdammnis spricht. Dennoch hat sie ihrem Vater gegenüber starke Gewissensbisse, will sie doch auch seine Anerkennung und Liebe bewahren. 

Das alles wirkt überzeugend, ohne den Original- stoff zu verbiegen. In Günthers Inszenierung sind die Frauencharaktere stärker: Franziska Beyer macht die Marwood zu einer Furie mit Herz, die so modern wirkt, dass man das Alter des Stückes vergisst. Arabella, gespielt von der Schauspielstudentin Carmen Witt, ist nicht schwach. Sie spricht sehr wenig, knurrt eher und spielt leicht autistisch auf ihrer Flöte. Aber ihre Blicke sind durchdringend und sagen eigentlich alles. Und Carolin Schupa als Sara macht mit ihrer burschikosen Spielweise das Beste aus der schwierigen Rolle der „artigen Tochter“, die einfach nicht so ganz ins Heute passen will. 

Die Männer scheinen da etwas blasser: Gotthard Sinn als Sir William und Andreas Guglielmetti als Waitwood zeigen ihre Stärken erst in der letzten Szene, als Sara schon tot ist: Mit versteinerter Miene blickt Sinn ins Leere, Guglielmetti vergisst seine starre Dienerhaltung und erwürgt Mellefont, der nicht einmal zum Selbstmord genügend Willenskraft hat. Und Daniel Hill als Mellefont wirkt etwas konturlos – was allerdings zur Rolle des feigen Geliebten passt.

Ein Drama mit starken Frauen und schwachen Männern, das Lessings für damalige Zeiten enorm modernes Frauenbild widerspiegelt. Eigentlich gelungen, aber muss die slapstickhafte Suche nach dem klingelnden Handy wirklich sein? Und muss Arabella in der letzten Szene wirklich den Schmalzhit aus „Titanic“ auf der Flöte tuten? Die Charaktere allein sind modern genug, mehr hätte es eigentlich nicht gebraucht.

Susanne Greiner

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