Kleinkunst zwischen Kaffeesäcken

Noch ein Geheimtipp: die Geltendorfer Kulturinitiative "Das fliegende Brett"

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Franz Thoma (links) und Herbert Schneider organisieren Kulturevents in der Lagerhalle von Schneiders Kaffeerösterei in Geltendorf. Im Oktober startet die dritte Saison.

Geltendorf – Kultur zwischen Kaffeesäcken – klingt skurril, funktioniert aber. In Geltendorf organisiert die private Kulturinitiative „Das fliegende Brett“ Kleinkunstveranstaltungen in der Lagerhalle einer Kaffeerösterei. Seit dem Start vor zwei Jahren hat sich das Format als eine Art Geheimtipp etabliert, denn Werbung machen die Organisatoren nicht. Trotzdem sind die Veranstaltungen ausverkauft.

„Das Ganze ist ziemlich idealistisch angehaucht“, sagt Franz Thoma und lacht. Der Vater des fliegenden Bretts hat früher den Benefiz-Lauf „Hausen läuft“ veranstaltet. Irgendwann fiel dem 52-Jährigen auf, dass es in Geltendorf „außer dem Frühschoppen“ praktisch kein Unterhaltungsangebot gibt. Gemeinsam mit Herbert Klein, dem Inhaber des Röstwerks in der Bahnhofstraße, kam er auf die Idee, dessen Lagerraum für Lesungen, Comedy, Konzerte, Poetry Slams und Impro-Theater zu nutzen.

Die Künstler, die die beiden ansprachen, waren begeistert von der Idee. Es kamen in Geltendorf Ansässige wie die aus dem Komödienstadl bekannte Schauspielerin Caro Hetényi oder der Magier Louis von Eckstein aus Beuerbach, die Impro-Künstler Lafalott oder die Musik-Kabarettisten Lisa Schamberger, gebürtig aus Pestenacker, mit Partner Markus Nau.

Ein anderer Abend erhielt die Überschrift „Blind Date“ und bot jedem talentierten Zuschauer auf der offenen Bühne die Möglichkeit, 15 Minuten lang seine Kunst zu präsentieren. Die Veranstaltung wurde eine bunte Mischung aus Gesang und Instrumentalmusik, spontanem Schauspiel und Poetry. Ein junger Mann nutzte seinen Auftritt für einen mutigen Schritt und outete sich als Transsexueller. Gerade das war ein besonders anrührender Moment, wie Thoma sich erinnert. „Den hätten alle adoptieren wollen.“

Für die jetzt anstehende Saison – sie startet im Oktober – steht zunächst ein irisches Folk-Konzert der in München beheimateten Paul Daly Band auf dem Programm, gefolgt von einem Musik-Kabarettabend („Das blaue Veilchen – Einer dreht immer am Rad“) mit Eva Sybille Engels und Monika Calla aus Landsberg. Im Dezember liest wiederum Caro Hetényi die bayrischste aller Weihnachtsgeschichten, „Die Heilige Nacht“ von Ludwig Thoma, begleitet von Marianne Lasota mit ihrer „zauberhaften Bratsche“. Franz Thoma hat festgestellt, dass die Auftritte im Geltendorfer Röstwerk vor maximal 40 Zuschauern auch für die Künstler etwas Besonderes sind – wobei er mit seiner charmanten, herzlichen Art sicher eine Menge dazu beiträgt, „dass man freundschaftlich auseinander geht“.

Bei den Vorbereitungen helfen die Familien der Veranstalter tatkräftig mit. Thomas Sohn fährt die Lichttechnik, Schneiders Tochter sorgt für das Catering. Die Bühne wird zwischen der Röstmaschine, Säcken voller Kaffeebohnen und Regalen voller Kaffeemühlen aufgebaut - vorausgesetzt, die Künstler wollen überhaupt eine Bühne. Manche sitzen lieber ganz familiär inmitten des Publikums und mischen sich auch während der Pause oder nach dem Schlussapplaus unter die Leute. Denn niemand geht sofort nach Hause, wenn‘s aus ist. Das Publikum lässt den Abend gern bei einem gemütlichen Ratsch ausklingen.

Franz Thoma freut es, wenn die Zuschauer im Anschluss noch bleiben. Und wenn er an ihren Gesichtern sieht, „dass es gepasst hat“. Das ist für den Idealisten aus Hausen „der schönste Moment“.Ulrike Osman

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