Online-Poetry-Slam

Geltendorfs »Kecke Bohne« für den besten Slammer

Poetry Slam Geltendorf
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Poetry-Slam à la Corona: oben links den Sieger des Abends, Fynn Hänichen, dazu die Moderatorin Maron Fuchs und Veranstalter Franz Thoma.
  • Ulrike Osman
    vonUlrike Osman
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Geltendorf – Als Hotspot der Kleinkunst war das „Röstwerk“ bisher hauptsächlich in der Region ein Begriff. Mit dem ersten virtuellen Geltendorfer Poetry Slam hat sich das geändert. Nun wissen auch Menschen in Nordbayern, ja sogar in Bonn und Trier, dass es in der Bahnhofstraße einen Ort gibt, an dem wahrnehmenswerte Kultur stattfindet.

Nicht, dass der Poetry Slam tatsächlich aus dem Röstwerk übertragen wurde, auch wenn Veranstalter Franz Thoma vor einem Bild der Location saß. Die Technik fuhr der Kleinkünstler und Fotograf Franz Bauer aus seinem Wohnort Cham. Moderatorin Maron Fuchs führte von Weiden aus durch die Veranstaltung – und zwar mit so viel Leidenschaft, als habe sie keinen stummen Laptop vor sich sondern einen kochenden Saal. Die Poeten meldeten sich jeweils aus den heimischen vier Wänden.

Sechs Teilnehmer waren es, die sich um den erstmals ausgelobten Preis „Kecke Bohne“ bemühten. Der Bezug zur Kaffeerösterei ist unübersehbar und gewollt, die Entstehungsgeschichte der Auszeichnung bietet Stoff für einen eigenen Slam-Text. Röstwerk-Inhaber Herbert Schneider hat nämlich viel Respekt vor der mühsamen Arbeit der Kaffeebauern. Deshalb achtet er darauf, wirklich jede einzelne Bohne aus den Kaffeesäcken zu holen, bevor er die Röstung startet. „Die Namensstifterin hat er aus dem Rupfensack in die gerade angelaufene Maschine geworfen. Sie ist dann noch einmal hochgesprungen, war also eine besonders kecke Bohne“, berichtete Franz Thoma zu Beginn der Veranstaltung den rund 60 Zuschauern.

In zwei Runden stellten sich Anna Münkel aus Zankenhausen, das Duo Monica Calla und Sybille Engels aus Landsberg und Hofstetten, Katharina Salzberger aus Cham sowie der Medizinstudent Fynn Hänichen aus Eresing, der früher in St. Ottilien tätige Latein-, Deutsch- und Geschichtslehrer Andreas Walch und der Germanist Max Heinz aus Trier der Wertung des Publikums. Letzterer war als Ersatzmann für den erkrankten Thomas Wagner eingesprungen. Zumindest das Geltendorfer Publikum mag das bedauert haben, hätte man den örtlichen Pfarrer doch gern in der ungewohnten Rolle des wettstreitenden Dichters gesehen.

Die Bandbreite der Texte war groß. Anna Münkel slammte über Eingesperrtsein und Gier, das Duo Calla/Engels über Klimawandel und Umweltzerstörung, Max Heinz über Achtsamkeit und die Gedanken, die ihn dann doch wieder aus der Gegenwart entführen. Der Anblick eines Eimers „Estrich innen“ hatte Andreas Walch zu seinem Text übers Gendern inspiriert, während Katharina Salzberger in „Aprilwetter“ über Stimmungen und Zukunftssorgen reflektierte.

Den intensivsten Gebärdenapplaus der Zuschauer – und damit den Sieg des Abends – erntete verdientermaßen Fynn Hänichen. Wie er als Transgender im Körper einer Frau zur Welt kam und jahrelang an seinen wachsenden Brüsten verzweifelte, bis er sie sich im letzten Jahr entfernen lassen durfte – das berührte mit seiner Ehrlichkeit und Verletzlichkeit. Im Halbfinale setzte sich der Medizinstudent gegen Calla und Engels durch – mit einem Text über die Päckchen, die jeder mit sich herumträgt und die zu Paketen werden können, wenn man nicht über sie spricht.

Die Kecke Bohne wird ihm Franz Thoma demnächst mit dem Fahrrad vorbei bringen. Nach Eresing hat er‘s ja nicht allzu weit.

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