Generation "Komasaufen"

Jugendschutz-Referent Rupert Duerdoth Foto: Peters

Es sind Geschichten, die durch die Medien gingen. Sie handeln von Jugendlichen, die in Kneipen und auf Partys bis zur Besinnungslosigkeit trinken – manchmal gar bis zum Tod. Eine passende Bezeichnung dafür hatten die Boulevardzeitungen schnell gefunden: „Komasaufen“. Auch im Landkreis ist man sich des Problems längst bewusst. Vor einigen Monaten hob man deshalb das Präventionsprojekt „HaLT - Hart am Limit“ aus der Taufe. Zur Auftaktveranstaltung am vergangenen Mittwoch im Sitzungssaal des Landratsamtes erschienen rund 80 Interessierte, um sich einen ersten Einblick in die Arbeit der Beteiligten zu verschaffen und manch drängende Frage mit den Experten zu klären.

Die Einführung in das Thema Alkoholprävention bei Jugendlichen übernahm Rupert Duerdoth. Der Referent für Suchtprävention der Aktion Jugend­- schutz lieferte in seinem halbstündigen Vortrag erst allgemeine Zahlen zum Alkoholkonsum in Deutschland, um schließlich speziell auf die Situation bei Jugendlichen einzugehen. So gehöre die Bundesrepublik noch immer zu den „Hochkonsum-Ländern“, auch wenn der Alkoholverbrauch pro Kopf in den letzten Jahren zurückgegangen sei, führte der Experte aus. Warum es gerade bei Jugendlichen gegenläufige Tendenzen gibt, versuchte Duerdoth mit der heutigen Erlebnisgesellschaft zu begründen. „Es geht darum, etwas zu berichten zu haben.“ Für viele werde die erste Alkoholerfahrung zudem zum Initiationsritus, später diene das Trinken der sozialen Positionierung nach dem Motto „ich kann etwas“, so der Experte. Die psychischen Hintergründe für den Alkoholkonsum bei Jugendlichen sind laut Duerdoth vielfältig. Sie reichen von niedrigem Selbstwertgefühl, mangelnder elterliche Aufsicht bis hin zur fehlenden Bindungen an gesellschaftliche Institutionen wie Vereine und Familie. Davon, was passiert, wenn Jugendliche über den Durst trinken, zeichnete Dr. Wolfgang Weisensee auf der folgenden Podiumsdiskussion ein erschreckendes Bild. Viele seien unterkühlt und willenlos, erzählte der Notarzt des Landsberger Klinikums. „Man könnte sie problemlos operieren ohne sie zu narkotisieren.“ Trauriger Rekordhalter sei ein junger Mann, der mit 5,2 Promille im Blut eingeliefert wurde – schon die Hälfte könne bei einem normalen Menschen zum Tod führen. Die Beratung solcher Patienten ist ein Teil von HaLT, erklärte Susanne Klein von der Caritas. Seit September arbeiten ihre Beratungsstelle und das Landsberger Klinikum eng zusammen. Sobald ein Jugendlicher wegen Alkoholmissbrauch eingeliefert wird, informiert der zuständige Arzt die Suchtstelle – sofern der Patient zustimmt. Anders sei es aus Gründen der Schweigepflicht nicht möglich, sagte Klinik-Vorstand Christof Maaßen. Sollte der Jugendliche zustimmen, suche die Caritas das Gespräch noch am Krankenbett. „Es ist das beste Zeitfenster“, so Klein. Damit es gar nicht soweit kommt, kümmert sich das Amt für Jugend und Familie im Rahmen des Projekts verstärkt um die Aufklärung der Jugendlichen und um die Einhaltung der Jugendschutzgesetze. Vor allem die unerlaubte Abgabe von Alkohol an Minderjährige sei ein Problem, stellte Leiterin Maria Matheis fest. „Wir sehen dadurch die Gefahr der frühen Gewöhnung.“ Oft werde so bereits vor dem Weggehen „vorgeglüht“. Eine Tatsache, die auch Alfred Geyer bestätigte. „Es gibt drei Sportarten: Vorglühen, Binge-Trinken und Koma-Saufen“, so der Leiter der Polizeiinspektion Landsberg. Allein im ersten Halbjahr habe man 66 Jugendliche im Zusammenhang mit Alkohol aufgegriffen. Rechne man jene dazu, die alkoholisiert eine Straftat begangen haben, liege die Zahl pro Jahr sogar bei rund 200, betonte Geyer. Zahlen, die schockierten und die im Anschluss an die Podiumsdiskussion zu einer lebhaften Gesprächsrunde mit dem Publikum führten. Manch einer forderte mehr Aufklärung in den Schulen, andere wiederum warnten davor, den Vereinen als Veranstalter den schwarzen Peter zuzuschieben. Eine Befürchtung, die Landrat Walter Eichner, der die Veranstaltung mo­derierte, ausräumte. „Wir wissen, was die Vereine leisten.“ Auf die berechtigte Frage einer Lehrerin des Ignaz-Kögler-Gymnasiums, warum bei Festivitäten wie dem „Lechschall“, die sich ausschließlich an Jugendliche richten, überhaupt Alkohol ausgeschenkt werden müsse, wusste hingegen keiner der Anwesenden eine Antwort. Nach zwei Stunden schloss Eichner den offiziellen Teil der Veranstaltung, nicht ohne anzukündigen, dass man in einem Jahr eine Wiederauflage plane. „Dann kann jeder von seinen Erfahrungen berichten“. chpe

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