Kaisers Glück auf zwei Rädern

Georg Kaiser erweckt den Kultroller Vespa zu neuen Leben

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Vespa-Liebhaber Georg Kaiser auf dem ersten Roller, den er selbst restauriert hat. Die PK 125 XL macht er gerade fit für die Sommersaison und die erste Ausfahrt zur italienischen Eisdiele nach Dießen.

Utting – Georg Kaiser ist süchtig. Und mit ihm seine ganze Familie. Süchtig nach Rollerfahren auf alten Vespas aus Blech, mit Schaltgetriebe und einem Herz, das im Zweitakt schlägt. Bei den Kaisers geht es aber nicht um gekaufte Maschinen vom Oldtimer-Händler, sondern ausschließlich um selbst restaurierte und wiederbelebte Roller der Kultmarke aus Bella Italia.

Das ist die große Leidenschaft von Georg Kaiser (57), Inhaber der gleichnamigen Haustechnikfirma und als Vorsitzender des TSV Utting bekannt wie ein bunter Hund. Auch weil er oft mit seiner roten Vespa PK 125 XL aus dem Baujahr 1986 zum Trainingsgelände düst, die er vor fünfzehn Jahren vor dem sicheren „Rollertod“ in einer alten Scheune gerettet hat. 

Kaiser kommt noch aus der Zeit, als man als Jugendlicher sein Moped selbst zerlegt und repariert hat, wie er stolz betont. Das war einerseits dem schmalen Geldbeutel geschuldet, andererseits der Neugierde an der Technik und dem Ehrgeiz, es einfach selbst zu machen. Dieses „Schrauber“-Geschick kam ihm zugute, als sich seine Frau Sabine - übrigens Gemeinderätin in Utting - einen Roller wünschte. Im Film „Pünktchen und Anton“ hatte sie sich in das knatternde Kultgefährt der Wirtschaftswunderzeit verliebt. Lange suchte Georg Kaiser nach einer Vespa aus dieser Ära und wurde schließlich in Windach fündig. Aus dem zusammengerosteten Häufchen Elend auf platten Rädern machte er in unzähligen Stunden wieder ein wahres Schmuckstück. Damit er zusammen mit seiner Frau ausfahren konnte, musste ein zweiter Oldie außer Dienst her, den er ebenfalls liebevoll und detailgetreu restaurierte. 

Damit war die Familie Kaiser endgültig dem Vespa-Fieber verfallen. Und Georg Kaiser fand sein Hobby, aus „zum Schlachten verurteilten Rollern“ die vergangene Schönheit wieder ans Tageslicht zu bringen. In seinem Anwesen in der Uttinger Hofstattstraße richtete er sich eine Werkstatt ein und restauriert seitdem in jeder freien Minute betagte Vespa-Roller, die er detektivisch in Italien und Deutschland aufspürt. Gerade erst hat er von einem Pizzabäcker achtzehn „Leichen“ gekauft, die jeder normale Mensch auf den Schrott werfen würde. Zwischen 900 und 1.400 Euro bezahlen Liebhaber für eine verrostete Vespa mit zerschlissener Sitzbank und oft defektem Motor. 

Georg Kaiser macht sich zuerst an das Blechkleid. Mit der Flex schneidet er schadhafte Stellen heraus, passt und schweißt neue Teile ein und spachtelt, bis das Blechkleid sein ursprüngliches Gesicht erhält. Das Lackieren überlässt er dabei einer professionellen Werkstatt in Landsberg. In der Zwischenzeit wird der Motor wieder zum Laufen gebracht. Auch er wird komplett zerlegt, gereinigt und wenn nötig mit Original-Austauschteilen ergänzt. Die sucht er sich mühsam im Internet zusammen. „Mir ist wichtig, die Roller bis zu letzten Schraube wieder originalgetreu zu restaurieren“, betont er. Dabei helfen ihm auch die vielen Fachbücher, die es inzwischen über die berühmteste Rollermarke der Welt gibt. Die letzten Kontrollen für die Straßentauglichkeit erfolgen in einer Profiwerkstatt und letztendlich beim TÜV. Kaisers ältestes Prachtstück ist eine Vespa Faro Basso VM2T aus dem Jahr 1954. 

Bei soviel Liebe zu den Kultrollern wurden auch die Töchter der Kaisers vom Fieber angesteckt. Michika (29), Laura (28) und Valerie (24) lieben ihre nostalgischen Roller, die natürlich der Papa restauriert und fahrtüchtig gemacht hat. Georg Kaiser und anderen Vespa-Schraubern in ganz Europa ist es zu verdanken, dass bis heute erstaunlich viele alte Roller auf unseren Straßen unterwegs sind. Um ihren Erhalt kämpfen auch Vespa-Clubs wie der in Utting, wo Kaiser Mitglied ist. Für Georg Kaiser ist das Restaurieren von alten Vespas inzwischen vom Eigenbedarf-Hobby zur Berufung geworden. Seit 2016 trennt er sich auch schweren Herzens von dem einen oder anderen restaurierten Liebhaberstück und verkauft es. Groß verdienen tut er damit nicht. Denn er allein steckt fünfzig bis sechzig Arbeitsstunden in einen Roller. Dazu kommen die Ersatzteile und die professionelle Lackierung und Endabnahme bis zum TÜV. Seinen kleinen Rollerbetrieb nennt er „Vespa vom See“ und das Logo zeigt eine Vespa mit Segel. Denn Segeln ist die zweite Leidenschaft der Familie Kaiser. Am Ammersee liegt ihr Jollenkreuzer, auch ein Oldtimer aus dem Jahr 1959. Hier darf Enkel Lukas-Josef (1/2) mitfahren, der bis zur ersten Vespa seines Opas noch ein paar Jahre waren muss. 

Die Vespa kommt aus Italien, wo man nach dem Zweiten Weltkrieg ein günstiges und zuverlässiges Fahrzeug brauchte. Diesen Markt erkannte die Firma Piaggio, die vorher Militärflugzeuge gebaut hatte. So wurden für die ersten Roller Bauteile verwendet, die noch von der Flugzeugproduktion übrig waren - daher der typische selbsttragende Blechrahmen mit den wunderbaren Rundungen. Schon das erste Modell von 1946 hatte das charakteristische „Hinterteil einer Wespe“: Die Vespa war geboren. 

Innerhalb weniger Jahre wurde sie zum Verkaufsschlager besonders bei den Damen. Denn gegenüber dem Motorrad hatte der Roller einen entscheidenden Vorteil. Man muss nicht breitbeinig darauf sitzen, sondern kann ganz elegant und züchtig sogar im Rock damit fahren. 

Zudem ist der schmutzende Motor verdeckt und das Beinschild schützt vor dem Fahrtwind. Die Älteren unserer Leser werden sich sicher an die Kinofilme von früher erinnern, wo Caterina Valente auf ihrer Vespa mit Kopftuch und fröhlich singend durch Bella Italia düste und Appetit auf einen romantischen Urlaub machte.

Dieter Roettig

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