Die Kettensäge bleibt still

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Die Vernunft setzt sich eben durch, meistens…

Landsberg – Eigentlich war die Sache mit den Bäumen in der Platanenstraße nach Expertenmeinungen klar, ein Orkan könne ihnen nicht gefährlich werden. Dennoch beschäftigte sich der Stadtrat erneut mit dem Thema, wobei die Bäume nur um Haaresbreite der Kettensäge entgingen.

Eigentlich war die Sache mit den Bäumen in der Platanenstraße klar. Dass diese nicht (wie von einem Anwohner befürchtet) umfallen und dabei die darunter liegenden Gasleitungen herausreißen würden, hatte der Stadtrat nach zwei Gutachten und einem eigens aufwendig simulierten Orkan bereits schriftlich. Nur: Verbindlich garantieren wollten das weder diese noch die nächsten drei Gutachter, die von der Stadt danach nochmals angeschrieben worden waren.

Dieser Umstand hätte die Bäume jetzt beinahe die Existenz gekostet: Mit 14:11 Stimmen sprach sich das Gremium zum Schluss knapp dafür aus, die Platanen wie bisher zu pflegen und lediglich das „Lichtraumprofil“ freizuschneiden. Die Alternativen wären eine komplette Fällung oder das Stutzen auf acht Meter Höhe gewesen.

Bereits im Juli hatte der Stadtrat auf Anraten von Stadtjuristin Petra Mayr-Endhart ein drittes Gutachten eingefordert, mit dem verbindlich ermittelt werden sollte, wie wahrscheinlich ein Baumsturz ist. Zwei Gutachter, laut Forstamtsleiter Dr. Gerhard Gaudlitz „renommierte Experten“, lehnten es freiweg ab, eine solche Berechnung zu erstellen. Ein drittes Büro wollte den Auftrag für 35000 Euro plus rund 1500 Euro pro Person und Ortstermin annehmen – allerdings mit der Ankündigung, abzubrechen, wenn sich herausstelle, dass die „Ermittlung nicht seriös durchführbar ist.“ Dementsprechend folgerte OB Mathias Neuner (CSU), müsse man sich „schon gut überlegen, ob man dieses Geld wirklich ausgeben will.“

Zwei Bäume in 25 Jahren

Zumal Erfahrung und gesunder Menschenverstand eher dagegensprachen, dass es in der Platanenstraße demnächst zu einem Gasunglück kommt. Gaudlitz bezog klar Stellung: „In den 25 Jahren, in denen ich in Landsberg bin, sind zwei Bäume umgestürzt – Linden.“ Beide Bäume seien sehr betagt gewesen, „Jungbäume wie in unserer Baumsiedlung fallen nicht um.“ Auch diese Aussage reichte einigen Ratsmitgliedern nicht – wie auch die Gutachten zuvor und die Berechnungen und Fotos in der Beschlussvorlage. Selbst wenn die 35 Zentimeter starken Bäume umfallen, richten sie nach einer Berechnung nach der „Kraftkegelmethode“ höchstens bis in 70 Zentimeter Tiefe Schaden an, die Gasleitung liegt aber noch einmal 15 Zentimeter tiefer. Außerdem würden die Bäume im Schadensfall eher aus dem Boden gehoben als hineingedrückt.

Nicht nur bei CSU-Fraktionschef Helmut Weber blieben dennoch Sorgen. „Ich verstehe die Anwohner und das ungute Gefühl. Ich bin in einer verzweifelten Lage, ich sitze hier als Laie und soll das entscheiden.“ Sein Kompromissvorschlag: „Normalerweise müssten die Bäume weg, die auf den Hausanschlüssen sitzen; so weit müssten wir den Leuten entgegenkommen.“ Reinhard Skobrinsky (BAL) sprach dagegen einen Verdacht aus, der mehrere Räte beschlichen hatte: „Oft geht es den Anwohnern um etwas anderes, aber die Gasleitung ist ein gutes Motiv, um an die Stadt heranzukommen. Wir müssen hier aufpassen, sonst schaffen wir einen gefährlichen Präzedenzfall.“

Edelgard Dörre (CSU) fand keine Mitstreiter für ihren Vorschlag, den Baumgegnern völlig freie Hand zu lassen. „Ich weiß nicht, warum wir als Stadtrat uns hier einmischen müssen. Lassen wir doch die Anwohner selbst entscheiden, welche Bäume weg sollen.“

Noch ein Ortstermin?

Weber wollte die Entscheidung schließlich sicherheitshalber ein weiteres Mal vertagen. Sein Vorschlag, noch einmal eine Ortsbegehung mit dem Forstamt und einem Experten für Gasleitungen abzuhalten, wurde denkbar knapp abgelehnt (12:13), für die Erstellung des dritten Gutachtens stimmten danach nur drei Räte. Nach der 14:11-Entscheidung, die Platanen stehen zu lassen, ließen Reinhard Steuer, Christoph Jell (beide UBV), Edelgard Dörre, Barbara Juchem und Petra Kohler-Ettner (CSU) ausdrücklich ins Protokoll aufnehmen, dass sie gegen diesen Beschluss votiert hatten.

Tatsächlich aber dürfte der Stadtrat mit seinem Votum einen Präzedenzfall mit großer Wirkung verhindert haben. Da in den 80er-Jahren in Landsberg viele Gasleitungen in den Grünstreifen neben der bereits asphaltierten Fahrbahn verlegt wurden, stehen in den Wohngebieten mehrere tausend Bäume auf den oder in direkter Nähe der Leitungen. Umgefallen ist bislang allerdings noch keiner von ihnen.

Christoph Kruse

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