75 Jahre Frieden im eigenen Land

Geschichten von Krieg und Frieden: Am Donnerstag öffnet "Kunst hält Wache" in Landsberg

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Die Ausstellung "Kunst hält Wache" in der Alten Wache im Landsberger Frauenwald eröffnet am kommenden Donnerstag.
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Die Ausstellung "Kunst hält Wache" in der Alten Wache im Landsberger Frauenwald eröffnet am kommenden Donnerstag.
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Die Ausstellung "Kunst hält Wache" in der Alten Wache im Landsberger Frauenwald eröffnet am kommenden Donnerstag.

Landsberg – Alte Gemäuer haben Charme: Sie können Geschichten erzählen. Die Alte Wache in Landsberg, der Eingang zur ehemaligen Munitionsfabrik, berichtet vom Krieg. Von Waffen und Nationalsozialismus. Zumindest bisher. Denn das Kunstprojekt „Kunst hält Wache – 75 Jahre Frieden im eigenen Land“ widmet das Gebäude um und fügt in über 30 Räumen mit über 30 Künstlern neue Geschichten hinzu. Über den Krieg und über den Frieden – und vor allem dessen Zerbrechlichkeit. Geschichten, die man sich unbedingt erzählen lassen sollte.

Vor dem Eingang marschiert hölzern Günter Wangerins Soldat zu „Wozu ist die Straße da?“, ein Filmschlager von 1936, gesungen von Heinz Rühmann. Das Podest, auf dem er steht, zeigt Soldatenströme, Krieg, die Gleise ins Vernichtungslager Auschwitz. Eigentlich ist die Antwort auf die Liedfrage – „zum Marschieren um die weite Welt“ – aufs Wandern bezogen. Wangerin macht das Lied zum düsteren Kriegssymbol.

Gleich hinter dem Eingang empfängt den Besucher eine Trompete. Wie von Geisterhand bewegen sich die Ventile, der Zapfenstreich, der den Soldat ins Quartier ruft, erklingt. Unter der Trompete hängt die Flagge der Vereinten Nationen. Der unsichtbare Musiker ist Simon Weckert – ja, genau der, der Google Maps einen Stau vorgegaukelt hat. Die Trompetentöne erzeugt er artifiziell, hinter der Musik steht kein Mensch mehr, zum Hören muss aber ein Mensch anwesend sein. Wie in Kriegen, in denen Dronen die Bomben werfen, die Menschen töten.

Hinter vielen Arbeiten in der Alten Wache, die vordergründig ästhetisch, schön wirken, schimmert das Unheil. Die nistende Taube – natürlich im Stahlhelm. Auf den ersten Blick farbenfrohe Kinderporträts von Ramona Schintzel entpuppen sich beim genauen Hinsehen als bedrohliche Gnome. Claudia Starkloffs Gewächshäuschen wird von den engen Mauern der Wache fast erdrückt. Und hinter Wenzel Zierschs Bild, das wie der Blick auf den Meereshorizont anmutet, verbergen sich die Menschenrechte, eng aneinandergedrängte, winzige Buchstaben. Für Ziersch „eine der wichtigsten Errungenschaften nach dem Zweiten Weltkrieg“, deren Niederschrift er als Exerzitium darstellt. Auch Cornelia Rapp lockt mit einem Raum voller Frieden: Moos, ein Steinpfad, Vögel, die an Körnern picken. Die Lichttafeln zeugen jedoch mit Sepiabildern vom Krieg.

Schwarz – Rot – Gold

Der Greifenberger Axel Wagner lockt mit Farben – schwarz, rot, gold. Seine dreiteilige Arbeit zieht sich vom Keller bis in den Dachboden. Unten schimmert Gold hinter blutroter Flüssigkeit, die den Boden bedeckt. Im Erdgeschoss bilden 5.000 Streichhölzer das Wort „Gold“ – und laden fast ein, sie kohlschwarz zu brennen. Auf dem Dachboden – auf den immer nur eine Person darf, Corona – flattert die deutsche Fahne im künstlichen Luftzug. Und erzeugt optisch und auf der Haut ganz eigene Reaktionen.

Andere Arbeiten drohen offen. Im Flur zeigt Max Weisthoffs Installation mit einer sich langsam drehenden Kette, wie instabil selbst massiver Stahl sein kann. In Bernd Zimmers „Totentanz“ springen Skelette auf schwarzem Grund. Ein auch akustisch wahrnehmbares Grauen bietet eine der Arbeiten des künstlerischen Leiters Franz Hartmann: das Aufklappen einer Falltür. Erreicht man den betreffenden Raum, schreit einem in roter Wandfarbe „Hängt das Schwein!“ entgegen – daneben baumelt die Schlinge von der Decke. Und die Falltür darunter darf jeder selbst auslösen. „Mir geht es um die Akzeptanz von präventiver Gewalt“, sagt der Issinger Künstler. Wer tötet? Der, der die Falltür öffnet? „Wir beteiligen uns jeden Tag mit unseren Handlungen an Konflikten in der Welt.“

Ganz still ist es im kleinsten Raum. Der Schondorfer Andreas Kloker wartet hier auf Worte der Besucher, die er in weiß an die schwarze Wand pinselt. Am Ende soll aus schwarz weiß geworden sein. Zu lesen sind bereits Worte wie „Wer“, „Verdauen“ oder auch die künstlerisch leicht veränderte „Explosions-Polka“ von Johann Strauss Sohn, geschrieben für den Fasching – auch wenn mancher bei dem Titel eher an Krieg denken wird.

Die hinteren Räume haben Künstler aus mehreren Schulen bearbeitet. Am Eingang schweben Anna Münkels 75 Friedenstauben in Origami-Technik, jede trägt ein Friedenszitat, jede eine Mahnung. Bei 75 muss es aber nicht bleiben: Die Bastelanleitung hängt, Blätter liegen bereit. Ein Raum holt den friedlichen Wald in das ehemalige Kriegsgebäude, ein anderer konfrontiert blutüberströmte schwarz-weiß Bilder mit einem weißen Gartenzwerg auf Rollrasen. Und lockt vor einem schwarzen Vorhang (hinter die man in dieser Ausstellung immer schauen sollte) der vermeintliche Frieden, zeigt sich dahinter Landsberg im Krieg.

Maske ab im Garten

Die im Gebäude notwendige Mund-Nasen-Bedeckung dürfen Besucher im Garten abnehmen. Zu sehen gibt es die Arbeit der IKG-Schülerin Emily Mester: ein Soldatenporträt aus tausenden Bildern. Eine Comic-Ausstellung und Arbeiten des Dießeners Peter Bayer. Und im original erhaltenen Fahrradunterstand leuchtet der Frieden dann gleich mehrdimensional.

Die Ausstellung ist bis zum 28. Juni immer von Donnerstag bis Sonntag, 10 bis 22 Uhr zu sehen. Gleichzeitig dürfen sich bis zu 30 Personen in der Alten Wache aufhalten. 
Susanne Greiner

Das Begleitprogramm: 

• Do, 18. Juni, 19 Uhr: „Vergehen“, Performance von Andreas Kloker.

• Fr, 19. Juni, 16 Uhr: „Todesursache: Flucht“, Lesung Kristina Milz und Schüler. 19 Uhr: Performance Gila Prast-Stolzenfuss.

• Sa, 20. Juni, 16 Uhr (nur per Stream): Sina Schweikle zu „Fake Peace“ samt Bericht über ihren Alltag in Nahost. 19 Uhr: Vortrag Wolfram Kastner, „Kunst, die sichtbar macht, was sonst unsichtbar ist“.

•So, 21.Juni, 16 Uhr: Zum blauen Veilchen, Lyrik, Musik und Kabarett. 19 Uhr: „Krieg gegen Frauen“, Film von Evi Oberkofler und Edith Eisenstecken.

• Do, 25 Juni, 15 Uhr: Comic-Workshop für Jugendliche mit Paul Rietzl; Anmeldung bis 18. Juni unter patricia.eckstein@landsberg.de. 19 Uhr: Vortrag Hans Wallner, „Kunst als Widerstand gegen Krieg“.

• Fr, 26 Juni, 19 Uhr: Portrait Dr. Hauser, Film von Evi Oberkofler und Edith Eisenstecken.

• Sa, 27. Juni, 16 Uhr: „Hanne Hiob“, Vortrag von Ursula Ebell und Günter Wangerin.

• So, 28. Juni, 19 Uhr: „Skulpturale Eingriffe in Raum und Situation“, Performance von Max Weisthoff.

Zudem gibt es Filmvorführungen im Stadttheater und im Olympia-Filmtheater sowie Führungen über das Gelände und in die Welfenkaserne.

Informationen sowie die weiteren Termine gibt es aufwww.kunst-haelt-­wache.de.

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