Zettelwahnsinn

Jetzt reicht's: Dießen schickt Bons nach Berlin

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Wollte für ihre Fischsemmel keinen Kassenbon: Kundin Marie-Christin Pieper (rechts) im Fischgeschäft von Barbara Mastaller-Gastl. Der Zettel wanderte in die Sammelbox des Dießener Gewerbeverbands.

Dießen – Ob schnell eine „Brezn in die Hand“, eine Fischsemmel auf dem Weg zum See oder flugs eine Fotokopie für die Behörde – seit Januar bekommt der Kunde für jeden noch so kleinen Betrag einen Kassenbon. Ob er ihn will oder nicht. Im Kampf gegen „Steuerbetrug am Ladentisch“ und angeblich manipulierte Kassen hat der Gesetzgeber die soge­nannte „Bon-Pflicht“ eingeführt. Zum Unmut vor allem des Einzelhandels. Dagegen protestiert jetzt der Dießener Gewerbeverband.

Er hat sich der Aktion vom „Bund der Selbständigen“ in Bayern angeschlossen und rät den Dießener Bürgern, die unaufgefordert überreichten und nicht benötigten Bons in eine bereitgestellte Sammelbox zu werfen. Sie stehen zum Beispiel im Fischfachgeschäft Mastaller-Gastl, in der Bäckerei Kasprowicz bei Edeka, am Imbiss-Tresen von Wirtshaus Michihochzwei, im Café Vogel oder im Copyshop von Uschi Wacke, der Vorsitzenden des Gewerbeverbands.

Bis Mitte März wird gesammelt, dann gehen die Bons zur Zentrale vom Bund der Selbständigen nach München. Zusammen mit den Millionen Bons aus ganz Bayern wird die laut Wacke „unnütze Fracht“ nach Berlin zum Bundesfinanzminister gefahren. Ob Olaf Scholz die Ladung annimmt, ist fraglich. Denn trotz bundesweiter Proteste des Handels bleibt er stur bei der Bon-Pflicht. Anders als sein französischer Kollege. Er wird die Pflicht zum Ausdruck eines Kassenbelegs bei Bagatellsummen wieder abschaffen.

Der Handelsverband Deutschland bemängelt nicht nur die Kosten für Anschaffung oder Umstellung der Kassen, sondern auch die unsinnige Produktion von „weit über zwei Millionen Kilometern zusätzlicher Länge an Kassenbons im Jahr.“ Die Bon-­Pflicht bedeute laut dem Industrie- und Handelskammertag gerade für kleine Händler erhebliche Mehrkosten für Papier, Druck und Entsorgung der liegengebliebenen Bons.

Dies sei „klima- und ressourcentechnisch kein gutes Signal“, ergänzt der Bund für Umwelt und Naturschutz. Die Bons seien nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die Gesundheit äußerst bedenklich. Das Papier sei mit hormonell wirksa­men und damit problematischen Stoffen beschichtet. „Also nicht einstecken, sondern gleich in die Sammelbox für Berlin“, so der Rat des Dießener Gewerbeverbandes.
Dieter Roettig

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