Glückliches Vieh in der Kathedrale

Herzstück der Anlage in St. Ottilien ist das Melkkarussel mit 26 Plätzen. Nicht alle Kühe konnten sich damit sofort anfreunden. Fotos: Osman

Keine will den ersten Schritt tun. In einer Traube brauner Leiber stehen die Kühe vor dem Tor zum Melkkarussel – und wenden sich ab, stellen sich quer, muhen ärgerlich und wollen weg. Doch von hinten wird getrieben, und so lässt sich nach einer Weile doch das erste Tier in die korrekte Position bugsieren. Kaum steht es richtig, lässt es vor Aufregung einen Kuhfladen fallen, macht kehrt und quetscht sich am Begrenzungsbügel vorbei in falscher Richtung zurück in den Stallbereich. Die Mönche in St. Ottilien brauchen viel Geduld an diesem Nachmittag.

Am frühen Morgen sind die 110 Kühe in ihr neues Domizil eingezogen, das wegen seiner gewaltigen Dimensionen – 92 Meter lang, 29 Meter beit und zwölf Meter hoch – bereits den Spitznamen „Kuh-Kathedrale“ trägt. Lichtdurchflutet, luftig und kühl, bietet der hochmoderne Milchviehstall den Rindern ein angenehmes Raumklima – sagen die Fachleute. Künftig werden sie das ganze Jahr über hier gehalten. Eine eigene Wetterstation auf dem Dach misst ständig Außentemperatur und Sonneneinstrahlung, Windstärke und -richtung und regelt auf der Basis dieser Daten die Einstellung der beweglichen Kunststoffbahnen, die statt gemauerter Wände das Gebäude begrenzen. Jeweils zu viert wurden die Tiere von einer knapp einen Kilometer entfernten Außenweide im Viehtransporter hergefahren. Man wollte vermeiden, dass sich die Kühe auf den Schotterwegen kleine Steinchen in die Klauen treten. Eine tierfreundliche, artgerechte Haltung ist dem Kloster wichtig. Nicht nur aus christlicher Überzeugung, sondern auch, weil glückliche Kühe mehr Milch geben. Besucher sollen von einer Zuschauertribüne aus den Betrieb im Stall und auf dem Melkkarussel beobachten können. „Gläserne Produktion schafft Vertrauen, dann kaufen die Leute unsere Produkte gern“, sagt Pater Tassilo Lengger, Chef der klösterlichen Landwirtschaft. An diesem ersten Tag sind Zuschauer allerdings weniger willkommen. Die Besuchertribüne hat noch kein Geländer und ist gesperrt, und so drängen sich nur einige Neugierige an den Fenstern des Melkraums. Mit viel Mühe und gelegentlichen Stockhieben treiben und schieben die Mönche die Tiere auf jeden der 26 Plätze des Melkkarussels. Ist die Kuh mit den Vorderbeinen auf den „Rolls-Royce der Melktechnik“, so Pressesprecher Martin Wind, aufgestiegen, wird sie durch die Drehung in die richtige Position gezogen. In der Mitte steht Bruder Quirin, säubert die Euter mit einem Lappen und hängt die Melkgeschirre an. Weil der persönliche Kontakt zu den Tieren erhalten bleiben sollte, hat sich das Kloster bewusst gegen Melk-Roboter entschieden. Das ist auch im Sinne der Kühe. Mit menschlicher Hilfe werden sie das Karusselfahren bald gelernt haben. Kommt ein Tier dagegen mit Melk-Robotern nicht zurecht, wird es üblicherweise sofort geschlachtet. Nach dem Melken passieren die Kühe ein elektronisches Tor, das sie in ihren speziellen Stallbereich lenkt. Die Tiere sind je nach Milchproduktion in zwei Leistungsgruppen unterteilt und müssen unterschiedlich gefüttert werden. Hochleister, die alle Energie in die Milch buttern, würden ohne entsprechende Futtermengen innerhalb von Tagen verhungern. Die Durchschnittskuh dagegen muss sich maßvoll ernähren, um nicht fett zu werden. Ein elektronischer Chip im Halsband meldet, wie viel eine Kuh frisst, wie viel sie sich bewegt, wohin sie läuft und ob sie unruhig ist. Antennen fangen die Informationen auf und übermitteln sie an den Computer – der totale Überwachungsstall. So merken die Kloster-Landwirte sofort, wenn eine Kuh „bullig“ und eine Spende von der Samenbank fällig ist. Für das erste Kalb lassen die Mönche die Kühe übrigens zu einem echten Stier. „Natursprung“ nennt man das in der Fachsprache. Auch das, sagt Pressesprecher Wind, soll die Tiere glücklicher machen.

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