Goethe hätte es gefallen

Das Problem des Faust ist, dass nahezu jeder ihn schon einmal gesehen, gelesen oder gar als Pflichtlektüre in der Schule schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht hat. Wie also kann man Sätze, die als geflügelte Worte längst Eingang in die Alltagssprache gefunden haben, so vermitteln, dass sie nicht wie hohle Phrasen klingen? Indem man den Text kürzt und ihn als Symbiose von Puppen- und Schauspielertheater spielt, wie das Theater Waidspeicher es vergangene Woche im Stadttheater zeigte.

Zu Beginn gehört die Landsberger Bühne den Schauspielern, die Puppen agieren zurückhaltend, in Nebenrollen gleichsam. Gott der Herr (Martin Vogel) ist eine zynische Figur im goldenen Frack und mit Dirigentenstab, der die singenden Engel zurückscheucht, Annika Pilstl gibt den Mephisto als lässig-arroganten Junker und dominiert die Bühne in jeder Szene. Das wird besonders deutlich ihn ihrem Zusammenspiel mit Faust (Tomas Mielentz). Ihre kühle Art kontrastiert mit dem lauten-wilden, zum Teil aggressiven Gelehrten und zeigt, dass „laut“ nicht immer gleichbedeutend ist mit „intensiv“, denn Tomas Mielentz ist anfangs zu undifferenziert, erst in seinem Zusammenspiel mit „seiner“ Puppe zeigt der Puppenspieler seine schauspielerische Bandbreite. Überhaupt kommt das Spiel erst in der zweiten Hälfte, der sogenannten Gretchentragödie so richtig in Fahrt, sehr fesselnd ist die Symbiose von Mensch und Marionette anzuschauen, wie Stimmen und Gesten sich ergänzen, wie ausdrucksstark die Menschen die Puppen führen. Besonders anrührend ist die letzte Begegnung Fausts und Gretchens (virtuos gespielt von Dorothee Carls) im Kerker, die das ganze Spektrum von Zärtlichkeit, Liebe, Trauer und schließlich Grauen und Verzweiflung zeigt und so ein schauspielerisches Glanzlicht setzt. Auch löst das Spiel mit den Puppen einige dramaturgische Probleme wie beispielsweise die Verjüngung Fausts, die hier mittels seiner Puppe dargestellt wird. Der Tod Valentins erhält durch das Durchschneiden der (Lebens-)Fäden zusätzlich Symbolkraft. So ist dem Theater Waidspeicher trotz einiger Schwachpunkte eine überzeugende Interpretation des Goethe-Klassikers gelungen, mit sehr guten schauspielerischen Leistungen (unübertroffen Michael Vogels beiläufige Vorstellung „Ich bin Gott“), ausdrucksstarkem Puppenspiel und einer originellen Dramaturgie. Goethe würde es wohl gefallen haben…

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