Goethes Faust im Landsberger Stadttheater

Die Frau als Pudels Kern

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"Heinrich, mir graut vor dir". Mattea Cavic als Gretchen und Jürgen Herold als Faust in der LTT-Inszenierung von Goethes Tragödie.

Landsberg – „Faust“ ist in aller Munde. Nicht nur, weil jeder Schüler irgendwann über das teuflische Komplott stolpern muss. Sondern weil „der Tragödie erster Teil“ die Sprache infiltriert hat. Da ist die Sache mit des Pudels Kern. Die Glückseligkeit derer, die aus diesem Meer des Irrsinns auftauchen. Oder auch der Spruch für Verwegene, dem schönen Fräulein Arm und Geleit anzutragen. Aber auch die Aussage des über 200 Jahre alten Goethe-Theaterklassikers bleibt aktuell. Behandelt er doch die Gier des Menschen nach mehr und immer mehr. Denn verweilt man im schönen Augenblick, holt einen der Teufel.

Da sitzt er: Doktor Heinrich Faustus, am Wirtshaustisch samt Rotwein. Der Tisch wackelt. Da hilft auch kein Bierfilz unterm Tischbein: kaum angebracht, holpert‘s am Bein gegenüber. Auch für den werten Doktor ist das mit dem Austarieren so eine Sache. Er hat alles, er weiß alles – und dennoch genügt es einfach nicht. Seine Seele ist in Unglück getränkt. Kein Wunder, dass er zugreift, wenn ihm Mephisto den immerwährenden Reiz des Neuen, Besseren, Größeren in Aussicht stellt. Dass dabei jegliche Menschlichkeit und soziale Bindung abhanden geht, ist unvermeidbar. Und wenn Mephisto mit Faust fertig ist, bleibt da nur noch ein Ungeheuer. In Gretchens Worten: „Heinrich, mir graut vor dir.“

Die Inszenierung des LTT setzt ganz auf Goethes Sprache: keine Effekthascherei schiebt sich zwischen die Worte. Dafür müssen ein paar Szenen weichen. Kein Prolog im Himmel – da bleibt Roos beim theaterorientierten „Vorspiel auf dem Theater“ – kein Auerbach-Keller. Der Zuschauer darf Mephisto gar beim Kürzen zusehen.

Das Bühnenbild Peter Sciors ist genial: Ein V aus linierten, hohen Holzwänden, bestehend aus mehreren Drehtüren, die die Bühne fast zur Drehbühne machen. An Requisiten ist nicht viel: zwei Tische, Stühle. Und die Musikbox, deren Sound den Großteil der Musik im Stück übernimmt.

Regisseur Christoph Roos hat den ganzen Faust bereits in Essen inszeniert. „Es ist aber immer wieder eine Herausforderung“, bestätigt er. Hat doch Goethe selbst auf die Frage nach seiner Idee hinter der Tragödie Faust gesagt: „Als ob ich das selber wüsste und aussprechen könnte!“ Der Zuschauer solle sich einfach den Eindrücken hingeben. Weg mit den tiefen Gedanken!

Die Themen im Faust sind zahlreich. Bildung. Willensfreiheit. Wahrheit. Schon allein Mephisto als Teil einer geheimnisvollen Kraft, die „stets das Böse will und stets das Gute schafft“, wirft Fragen auf. Roos folgt der Devise ‚Chercher la femme‘. Gretchen und ihre „Gretchenfrage“, in der sie Faust vor die Wahl zwischen sich und Mephisto stellt, stehen im Zentrum seiner Inszenierung. Gretchens Entscheidung gegen den gierigen Faust zeigt Menschlichkeit, auch wenn sie für sie den Tod bedeutet. Mattea Cavic überzeugt als Gretchen von der ersten Sekunde: als verliebter Teenager ebenso wie als Opfer von Fausts Macht- und Genussgier.

Jürgen Herold (links) als Mephisto und Daniel Holzberg als begriffsstutziger Schüler

Bis zur Pause liefern Roos und Schauspieler einen dynamisch-dichten Text. Andreas Guglielmetti als Faust und Susanne Weckerle als Marthe zeigen solide Leistungen. Daniel Holzberg prononciert teilweise zu gedehnt. Wohingegen Rolf Kindermann als Wagner Goethes Sprache offensichtlich mit der Muttermilch aufgesogen hat. Vor allem Jürgen Herold als Mephisto überzeugt in zynischer Saturiertheit und Macht, wenn er – ‚schnipp‘ – Sinatra aus der Jukebox quellen lässt und den beschränkten Schüler („Iota, nicht Yoda“) genussvoll fehlleitet. Er darf sich auch Seitenhiebe auf weniger gelungene Verse erlauben. Und das ä, das sich aufs e reimen sollte, besonders breitwalzen. Die Rolle als Mephisto gehört ihm bis zum Besuch der Hexenküche, in der LTT-Fassung beim Drogendealer lokalisiert. Nach dem Jungbrunnentrunk verliert Faust nicht nur seine Falten. Er wird ganz zum Mephisto – wenn Roos die Schauspieler von Faust und Mephisto die Rollen tauschen lässt. Denn Faust und Mephisto sind nur zwei Seiten eines Menschen.

Als junger Faust ist Herold von Anfang an Vollblutegomane. Und zeigt dabei wenig Entwicklung. Auch die Handlung nach der Pause, der Muttermord, Gretchens Schwangerschaft und der Tod des Kindes, verschwimmen. Die Drehwände des Bühnenbilds wirbeln und spucken Menschen auf die Bühne, Lichtwechsel dämonisieren. Das Unheil kommt nicht langsam, sondern ist gleich da. Hier hätte man sich mehr Differenziertheit gewünscht.

Im Publikum des vollbesetzten Theaters waren zahlreiche Schüler zu sehen. Faust ist eben Abithema. Die LTT-Inszenierung schien ihnen aber dennoch durchaus zu gefallen. Auch die älteren Generationen spendeten großen Applaus. Ein Abend mit Goethe, der alt und jung zusammenbringt: Hut ab.

Susanne Greiner

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