Ein Lob für Wahlkämpfer

Grünen-Chef Robert Habeck in Uttings "Alter Villa"

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Ganz locker in der proppevollen Alten Villa: Als sich die Grünen-Bürgermeisterkandidaten vom Ammersee-West­ufer präsentierten setzte sich Grünen-Chef Robert Habeck (vorne Mitte) mangels ordentlicher Sitzgelegenheit ganz einfach auf den Boden – wie so manch‘ andere Zuhörer auch.

Utting – Morgens halb zehn ist Knoppers- und speziell in Bayern Butterbrezn-Zeit. Nicht so am Freitag in Utting. Da drängeln sich gut 200 Besucher, mehr Frauen als Männer, in die viel zu kleine Gaststube der „Alten Villa“ am See. Gespannt erwarten sie einem Gast mit vielen Attributen und Vorschusslorbeeren: George Clooney-Double, Polit-Popstar, Heilsbringer oder gar nächster Kanzler. Und da steht Robert Habeck plötzlich mitten unter ihnen. Unspektakulär ohne pompösen Einmarsch, ohne beflissene Assistenten oder grimmige Bodyguards. Einer wie du und ich zum Anfassen.

Uttings grüner Bürgermeisterkandidatin Renate Standfest ist der Coup gelungen, den Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen trotz eng getaktetem Terminkalender nach Utting einzuladen. Und natürlich ließen sich die grünen Rathaus-Aspiran­ten Gabriele Übler (Dießen) und Sven Michael Sautter (Windach) sowie Landratskandidat Dr. Peter Friedl den Termin genausowenig entgehen wie Schondorfs amtierender Bürgermeister Alexander Herrmann.

Martin Erdmann, Vorstandssprecher der Grünen im Kreisverband, begrüßte Robert Habeck mit einem Zitat des früheren CSU-Landtagspräsidenten Alois Glück: „Unsere Art zu leben ist nicht zukunftsfähig“. Eine Steilvorlage für Habeck, Doktor der Philosophie, Germanist, Philologe und Schriftsteller.

Umweltschutz, Klimaschutz und Wirtschaftspolitik sieht er als sich belebende Pole und eine Chance für die Zukunft. Aber neben der großen Welt- und Bundespolitik sei für ihn die Kommunalpolitik mit am wichtigsten, da sie hautnah am Bürger geschehe. Er lobte speziell die grünen Kommunalpolitiker und Mandatsbewerber, die sich „ins Schaufenster stellen und bis zur Schmerzgrenze“ für die grünen Ideen werben. „Das Herz der Demokratie schlägt bei diesem Wahlkampf.“ Heimatverbundenheit, Traditionsbewusstsein und trotzdem Weltoffenheit schätze er an den Bayern. Das Leben finde hier nicht nur digital auf facebook oder Instagram statt, sondern analog in den Vereinen, Märkten, auf der Straße und natürlich an den Ratstischen.

Man müsse aber noch mehr für eine offene Gesellschaft werben mit einem Diskurs, der die Auseinandersetzung mit dem Ziel der Zusammenführung sucht. Das Volksbegehren für Artenvielfalt oder Fridays for Future hätten auch in Bayern für eine positive Trendwende geführt. Beim Thema Wohnen und Mobilität dürfe es nicht zu einer Spaltung von Stadt und Land kommen, wo Voraussetzungen und Ansprüche verschieden seien. Kein Erkenntnis-, sondern ein Handlungsproblem sieht Habeck beim Klimawandel, wo man dringend agieren müsse. Problematisch, da viele unserer altgedienten Politiker „nur noch eingeschränkt funktionieren“. Die Antworten der Altparteien seien vage. Der Stress der anderen sei der Erfolg von Grün. Man habe bei Klimawandel und Nachhaltigkeit konkrete Gestaltungsoptionen und Antworten.

Auch auf unsere Einkaufs- und Essgewohnheiten kam Habeck zu sprechen. Den Lebensmitteln müsse man mehr Wertschätzung entgegen bringen. Die Dumpingpreise beim Discounter seien unethisch. Weil Lebensmittel so billig seien, werfe man sie jährlich im Wert von20 Milliarden Euro unbedenklich weg. Habeck sprach sich für „regulierende Kreisläufe“ aus, wo Landwirte Geschäfte, Märkte oder Kantinen direkt beliefern und somit eng am Verbraucher seien.
Dieter Roettig

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