Wenn der Chef auch Vermieter ist

Keine Spur von Kuschelkurs im Hause Wasserle

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Blick über den Tellerrand: Vor wenigen Wochen war Markus Wasserle (2. von rechts) mit seinen leitenden Mitarbeitern Fabian Scheidler, Julia Baur und Luise Temper (rechts) auf „Innovationsreise“ in den USA.

Kaufering – Fachkräftemangel. Es vergeht kaum eine Veranstaltung von Wirtschaftsverbänden oder Handwerksorganisationen, wo dieses Thema nicht beklagt wird. Wie besetzt man Stellen, wenn es nicht genügend geeignete Bewerber gibt? Unternehmer wie Markus Wasserle zeigen, was man sich alles einfallen lassen kann, um Arbeitskräfte zu gewinnen und zu halten. Wasserle sagt: „Arbeitgeber können mehr machen als den Lohn zu überweisen.“

Der 37-Jährige ist dieser Tage ein gefragter Mann. Fast täglich erreichen ihn Interviewanfragen, Bitten um Kommentare, Einladungen zu Veranstaltungen, wo er sprechen soll. Aus seiner Sicht noch wichtiger: Es kommen Initiativbewerbungen an seine Gebäudereinigungsfirma. Denn es spricht sich herum, dass Wasserle eben kein Arbeitgeber ist, der nur den Lohn überweist. Mittlerweile stellt der Kauferinger einem Teil seiner Belegschaft sogar Wohnungen zur Verfügung. Für ihn ist das ein Draufzahlgeschäft, aber es lohnt sich trotzdem.

43 seiner rund 240 Mitarbeiter leben in Betriebswohnungen. Wasserle hat in Landsberg und München Einzimmer-Apartments, Zwei- und Vierzimmerwohnungen sowie zwei Häuser gekauft. Er vermietet den Wohnraum günstig und nimmt im Jahr ein Minus von rund 16.000 Euro in Kauf. Aber auf diese Weise findet er Leute, die in seinen Betrieb kommen und bleiben – und mit vollem Engagement bei der Sache sind. Dies auch deshalb, weil er mit ihnen auf Augenhöhe umgeht. „Das Leben wird dann viel entspannter“, sagt er. Es entspricht seiner Unternehmensphilosophie, die Mitarbeiter „mitwissen, mitdenken und mitentscheiden“ zu lassen.

Ein Kuschelkurs ist das Ganze nicht. Wasserle ist Unternehmer, der Erfolg seiner Firma kann ihm nicht egal sein. Sie soll Gewinne machen und wachsen – und tut es auch, um zehn bis 25 Prozent im Jahr, wie er berichtet. Den Mitarbeitern gegenüber gilt das Prinzip „fordern und fördern“. Weil in der Firma 26 Nationalitäten arbeiten und die allermeisten am Anfang kaum Deutsch sprechen, bietet Wasserle an zwei Standorten Sprachkurse an. Sie finden in der Freizeit statt, sind aber kostenlos. Der Besuch ist freiwillig. Allerdings wird erwartet, dass die Mitarbeiter nach einem Jahr auf Sprachniveau B1 sind.

Groß denken und neue Wege gehen – das umschreibt Wasserles Ansatz vielleicht am besten. Die Kletterhalle, die er in Kauferings Süden gebaut hat, ist für ihn in erster Linie ein „Personalrekrutierungs-Tool“. Hier kommen Menschen „auf charmante Weise mit der Firma in Kontakt“ – junge Menschen, die sich für leitende Positionen eignen. Der Altersdurchschnitt im Führungsteam liegt bei etwa 30 Jahren.

Zum Umgang auf Augenhöhe gehört auch, dass Urlaubsanträge automatisch genehmigt werden, wenn sie mindestens sechs Wochen vorher eingereicht werden. „Wenn ich das auf Unternehmerveranstaltungen erzähle, kommen sofort einige Einwände“, berichtet Markus Wasserle und schmunzelt. „Nach dem Motto, das kann man ja nicht organisieren.“ Kann man aber doch. Wenn viele in der Belegschaft gleichzeitig verreisen wollen, wird mit Aushilfskräften gearbeitet. Und wird es wirklich einmal eng und die Firma steht vor einem Problem, darf der Objekt­leiter das im Gespräch mit den Mitarbeitern durchaus thematisieren. Dann wird gemeinsam nach einer Lösung gesucht. Doch wenn daraufhin jemand seinen Urlaub verschiebt, tut er es eben aus Verständnis für die Situation und nicht aus Zwang.

Zu Wasserles Konzept gehört auch, über den Tellerrand zu schauen und sich Anregungen aus anderen Branchen und anderen Ländern zu holen. Von einem Hamburger Pflegedienst übernahm er die Idee des „Schlüsseltresors“ für die sichere Aufbewahrung von Hausschlüsseln. Eine „Innovationsreise“ ins amerikanische Silicon Valley unternimmt er mittlerweile jedes Jahr – früher allein, heute kann er es sich leisten, einige seiner leitenden Mitarbeiter mitzunehmen. Im Juli fährt er mit einer Delegation des bayerischen Wirtschaftsministeriums nach China.

Wasserle hofft, dass sein Konzept der sozial engagierten Unternehmensführung Schule macht – nicht zuletzt in der eigenen Branche. Denn eines seiner Ziele ist es, das Image des Gebäudereinigungssektors in Deutschland nachhaltig zu verbessern.

Ulrike Osman

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