Mit den Waffen der Frauen

Gute Unterhaltung: Projekttheater Landsberg spielt "Lysistrata"

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Der Plan steht: Die Männer werden ausgehungert. Lysistrata (Constanze Günther, Mitte) hat die Frauen Athens überzeugt. Das Projekttheater Landsberg zeigte Aristophanes Komödie am Freitag und Samtsag im Stadttheater.

Landsberg – Lysistrata hat zum Meeting geladen. Nein, nicht zur „Aufbewahrungsbehälter-Party“ und nicht zum Info-Abend über dieses „Ding, das in der Küche alles außer Abstauben kann“. Nein, es geht um Politik: Denn die Gattin des Heerführers Tereus hat die Nase voll vom Peloponnesischen Krieg, dem Blutvergießen, das sich die Männer Athens nun schon seit 30 Jahren mit den Gegnern aus Sparta liefern. Da hilft nur eins: „Der Krieg muss weg!“ Und wie? Natürlich mit den Waffen einer Frau. Das Projekttheater Landsberg zeigte am Freitag und Samstag Aristophanes Komödie „Lysistrata“ im Stadttheater – eine gute Darbietung, die in der zweiten Hälfte etwas an Qualität verlor.

Zum von Lysistrata einberufenen Treffen trudeln nach und nach die Damen der Gesellschaft ein. Metaxa (Carola Schuppert), deren Sohn Aristoteles mit ihr über die Zubettgehzeiten diskutieren will. Jetsetterin Kalonike (Tina Dorn), die gern mal den getunten Streitwagen ihres Mannes ausführt. Hysteria (Heike Böhling), die sich mit den anderen über die Lactose-Unverträglichkeiten des Nachwuchses austauscht. Oder Backfisch Ismenia (Andrea Ridder), noch nicht verheiratet, aber soooo verliebt in ihren Meton, dass sie dessen Abwesenheit kaum erträgt – und der Hochzeitsnacht nur so entgegenfiebert. Doch wann heiraten? Auch ihrem Auserwählten stiehlt der Krieg die Zeit und somit das Leben.

Davon ist auch die weise Myr-

rhine (Angelika Scholz) überzeugt. Sie deklamiert zwischen all dem Küchen- und Kindergeschnatter ihre Rede. Gegen den Krieg, „der alles zerstört, nicht zuletzt die Hoffnung unserer Kinder“. Und der in seiner Blut-gegen-Blut-Devise so unsinnig ist, denn „Weinflecken wäscht man ja auch nicht mit Wein ab“. Schnell kann Lysistrata (Constanze Günther) mit Myr-

rhines Hilfe die Damen von ihrer Idee überzeugen: Beim nächsten Fronturlaub wird sich das schwache Geschlecht den Herren verweigern. Und so deren Kriegslust vernichten – bedeutet doch der Name Lysistrata nicht umsonst „Heeresauflöserin“.

Damit das funktioniert, müssen natürlich auch die Frauen des Gegners, dieses „niederträchtigen Spartas“, mitmachen – ein Vorschlag, der zuerst auf Widerwillen bei den Damen stößt. Sie, die Gebildeten, sollen mit den Wilden paktieren? Als die resolute Lampito aus Sparta (Viola Griesinger-Hopf) anreist, sind die Athenerinnen auch erst mal recht zickig. Denn die Fremde ist so ganz anders. Trägt kein fließend Gewand, sondern ein kurzes Wams mit Schwert. Die Haare flattern lang und wild. Und erst dieser Dialekt, so ungeschliffen im Gegensatz zu den gewählten Worten der Athenerinnen. Sprechen die von der „Verlagerung des patriarchalischen Schlachtgetümmels ins matrimoniale Schlafzimmer“, nennt Lampito das „Sex und fertisch“ – im breitesten Sächsisch.

Letztendlich werden die Gräben zwischen den Völkern überwunden. Die Damen verschanzen sich beim nächsten Fronturlaub der Männer auf der Akropolis. Und begehen damit nochmals einen Tabubruch: Denn dort haben Frauen eigentlich nichts zu suchen. Erst recht nicht, wenn sie neben der Verweigerung der ehelichen Pflichten auch noch die auf dem heiligen Hügel aufbewahrte Kriegskasse plündern.

Der Gorilla-Aspekt

All das setzen die Schauspielerinnen und Regisseurin Christina Tobisch mit leichter Hand amüsant um. Vor allem Griesinger-Hopfs sächsische Lampito erheitert die Gemüter. Auch das Zwischenspiel, in dem sich die Kinder Hero und Lysander (großartig: Verena und Luis Steer) vor dem Vorhang über die auch heutzutage noch nicht wirklich vorhandene Gleichberechtigung unterhalten – Stichworte sind Gender Gap, Putzen, Besetzung von Führungspositionen –, passt wunderbar ins Bild und lockert die Aktabfolge gekonnt auf.

Ein kleines Problem der Aufführung liegt in der Inszenierung der Männerrollen: Tobisch setzt hier auf den Gorilla-Aspekt. Der ist am Anfang noch lustig, wenn sich die Herren der Schöpfung über Streitwagentuning, fehlende Work-Life-Balance oder die Vorliebe ihrer Frauen für silberne oder goldene Riemchensandalen beim Shopping auslassen. Und wird vor der Pause auch noch durch kurze Dialoge über den Krieg durchbrochen, die den Männerrollen noch einen anderen Aspekt als den des dumpfen Triebgesteuerten geben: Dialoge über den Sinn beziehungsweise Unsinn des Krieges. Wenn die Männer formulieren, dass sie „ihr Leben für den Frieden“ geben. Und erkennen, wie unsinnig das ist.

Aber nach der Pause rutscht ihre Darstellung ins rein Trottelige mit durchgehendem Faust-auf-die-Brust-Getrommel. Dazu die langen Szenen über das „Heißmachen“ seitens der Frauen. All das ist kurzzeitig lustig, aber irgendwann wird es eben zum Klischee. Und presst beide Geschlechter exakt in die Rollen, die das Stück doch eigentlich gerade überwinden will. Hier wird Tobischs „Lysistrata“ zur Farce, zum Aneinanderreihen von Gags, die gerade durch diese Ballung an Wirkung verlieren. Ein bisschen mehr Abwechslung hätte gut getan.

Insgesamt ist „Lysistrata“ in der Inszenierung des Projekttheaters ein Stück, das insbesondere in der ersten Hälfte durch interessante Regieeinfälle, gute Leistung der Darsteller und durch Abwechslung überzeugt. Auch das Bühnenbild passt in seinen reduzierten Formen – rechteckige Säulen und ein schlichter Giebel für die Akropolis – perfekt. Der Qualitätsabfall im Verlauf des Stückes war auch im Zuschauerraum zu spüren: Die begeisterten Lacher und die hohe Aufmerksamkeit bröckelten nach der Pause.

Zum Schluss gab’s dennoch großen Applaus im ausverkauften Stadttheater für einen unterhaltsamen Abend und für eine gute Leistung der gesamten Theatergruppe.

Susanne Greiner

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