Guttenbergs Erbe lastet schwer

Mit ihnen endet eine Ära: Sebastian Schüßler und Alexander Wolf (v. li.) sind die beiden letzten Zivildienstleistenden des BRK Landsberg. Foto: Peters

Am Ende ging alles ganz schnell. Karl-Theodor zu Guttenberg hat in der vergangenen Woche die Konsequenzen aus der Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit ge­- zogen und seinen Rücktritt als Verteidigungsminister erklärt. Guttenbergs Erbe indes schlägt derweil hohe Wellen. Denn wenige Tage zuvor hatte der Minister die Bundeswehrreform auf den Weg gebracht, die ab Juli eine Aus­- setzung der Wehrpflicht und damit die Abschaffung des Zivildienstes vorsieht. Soziale Einrichtungen wie das Bayerische Rote Kreuz in Landsberg sehen die Entwicklung mit Sorge. Sie fürchten fehlende Arbeitskräfte und steigende Kosten.

Die Zahl ist durchaus beeindruckend: 417 junge Männer haben seit 1973 ihren Zivildienst beim BRK-Kreisverband Landsber abgeleistet. An den ersten Wehrdienstverweigerer kann sich Anton Huber noch genau erinnern, auch an die Stimmung, die damals gegenüber jenem jungen Mann herrschte. Man sei schon sehr skeptisch gewesen, erzählt der scheidende Kreisgeschäftsführer, der in den 70ern noch ehrenamtlich als Rettungssanitäter für das BRK arbeitete. „Das war ja die Ausnahme, dass jemand nicht zur Bundeswehr ging.“ Als Huber sechs Jahre später die Geschäftsführung übernahm, hatte sich der Zivildienst etabliert und es wuchsen die Tätigkeitsfelder. Waren die Ersatzdienstleistenden zu Beginn nur im Rettungsdienst beschäftigt, übernahmen sie in den 80er Jahren auch soziale Aufgaben wie den Behindertenfahrdienst oder das „Essen auf Rädern“. „Sie waren die Grundlage für den Aufbau der sozialen Dienste“, so Huber rückblickend. Die Zahl derjenigen, die den Dienst an der Waffe verweigerten, stieg bis Ende der 90er Jahre weiter. Vor dem Jahrtausendwechsel etwa beschäftigte das BRK Landsberg bis zu 30 Zivis gleichzeitig. Die Dienstzeit dagegen sank ab 1990 kontinuierlich von 20 über 15 auf zuletzt nur mehr sechs Monate. Letzter Dienstantritt Nun soll der Zivildienst ab Juli ganz wegfallen. Beim Roten Kreuz in Landsberg haben damit am 1. Januar die letzten beiden Zivildienstleistenden ihren Dienst angetreten. Der 22-jährige Alexander Wolf unterstützt Senioren im Betreuten Wohnen, sein drei Jahre jüngerer Kollege Sebastian Schüßler fährt „Essen auf Rädern“ aus und agiert als Betreuer beim Fahrdienst. Insgesamt sind derzeit noch vier Zivildienstleistende beim BRK beschäftigt – zu wenige, um alle Tätigkeiten zu erfüllen. Seit im Herbst bekannt wurde, dass der Zivildienst abgeschafft werden soll, klaffe ein „großes Loch“, sagt Marianne Asam, die Leiterin des sozialen Dienstes. Um die Lücke zu schließen, versucht man beim BRK derzeit, geringfügig beschäftigte Aushilfen zu engagieren. Ein vollwertiger Ersatz seien diese freilich nicht, gibt Asam zu be­- denken. Einer wöchentlichen Arbeitszeit eines Zivis von 38,5 Stunden stünden schließlich gerade einmal zwölf Stunden einer 400-Euro-Kraft gegenüber. Langfristig, ahnt Huber, laufe es darauf hinaus, entweder das Leistungsangebot zu reduzieren oder die Entgelte zu erhöhen. „Die Frage ist nur, wer das bezahlen soll.“ Ein weiteres Manko entsteht für Huber durch die Reform im Bereich des Ehrenamts. Bislang rekrutierte das BRK seine Helfer oftmals aus ehemaligen Zivis, die sich nach ihrer Dienstzeit freiwillig in ihrer Freizeit für die Einrichtung engagieren. Diese Nachwuchsquelle falle nun weg, kritisiert der scheidende BRK-Kreisgeschäftsführer. Freiwilliger Ersatzdienst Noch ruhen die Hoffnungen der Verantwortlichen auf dem freiwilligen Ersatzdienst, den bekanntlich Familienministerin Kristina Schröder anstelle des Zivildienstes etablieren will. Damit sollen Männern und Frauen ab 16 Jahren die Möglichkeit erhalten, sich für zwei Jahre sozial zu engagieren. Noch fehlt es allerdings an genaueren Planungen. So steht noch nicht fest, wie hoch eine etwaige Tätigkeit entlohnt wird. Einen Vorteil gegenüber dem Zivildienst hat Andreas Lehner jedoch bereits entdeckt. „Wir werden dadurch zu 99 Prozent nur motivierte Leute bekommen“, sagt der 32-Jährige. Lehner tritt am 1. März die Nachfolge Hubers angetreten hat. FSJ schon ab Mai Sobald die Eckpunkte des Programms klar seien, werde man in die Akquise junger Leute einsteigen, kündigt Asam an. An anderer Stelle sei man bereits dabei. So habe man die örtlichen Gymnasien angeschrieben und auf das „Freiwillige Soziale Jahr“ (FSJ) hingewiesen, für das angesichts des doppelten Abiturjahrgangs in diesem Jahr ausnahmsweise ab Mai Stellen angeboten werden. Demnächst soll eine Informationsveranstaltung folgen. Lehner weiß: „Die Zeiten, in denen uns die Bewerber die Tür eingerannt haben, sind definitiv vorbei.“

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