Handwerker mit extra langen Fingern

Schmuck und Werkzeug für 200.000 Euro geklaut

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Das Vertrauen der Kunden schändlich ausgenutzt: Vor allem Schmuck im Wert von rund 200.000 Euro hat ein Heizungsmonteur aus dem Landkreis bei seinen Einsätzen am Ammersee mitgehen lassen.

Landsberg – Vor dem Schöffengericht des Amtsgerichts Landsberg hat sich vergangene Woche ein Heizungsmonteur aus dem Landkreis verantworten müssen. Die Anklage: gewerbsmäßiger Diebstahl in drei Fällen. Das Urteil nach gut fünfstündiger Verhandlung: drei Jahre und sechs Monate Haft ohne Bewährung und 147.000 Euro Wertersatz. Zur Tatzeit war der 37-Jährige als Meister seit langem bei einer Firma am Ammersee tätig; heute arbeitet er als Ausbilder für die Innung.

Der Angeklagte soll in den Jahren 2014 und 2016 bei langjährigen Kunden Schmuck und in einem Fall eine Hilti-Bohrmaschine entwendet haben. Die Schadensumme bezifferte die Staatsanwaltschaft auf rund 200.000 Euro.

Gleich zur Prozesseröffnung machte der Vorsitzende Richter Alexander Kessler deutlich, dass er nach gründlichem Studium der umfangreichen Akten dem Angeklagten ein Geständnis nahelege. Dies würde sich bei einer wahrscheinlichen Verurteilung strafmildernd auswirken. Trotz einer 20-minütigen Sitzungsunterbrechung blieben der Angeklagte und sein Rechtsanwalt, Bernhard Mehr, bei der Variante „nicht schuldig“.

Im Frühjahr 2014 führte der Angeklagte an mehreren Terminen Wartungsarbeiten bei einer damals 74-Jährigen Stammkundin in Dießen durch. Wenige Tage nach Abschluss der Arbeiten bemerkte die Frau, dass eine Hilti-Schlagbohrmaschine mit Koffer und Zubehör fehlte. Sie erstattete Anzeige. Der Monteur wurde zwar als Beschuldigter vernommen, das Verfahren aber wieder eingestellt. Im Laufe der nächsten Wochen bemerkte die Geschädigte auch noch das Fehlen von Schmuckstücken. Dies zeigte sie jedoch nicht mehr an.

31 Schmuckstücke

Im Sommer 2016 war dann eine 70-jährige Dießenerin Diebstahlopfer: 31 Schmuckstücke im Wert von rund 90.000 Euro kamen abhanden. Glücklicherweise konnte sie der Polizei eine genaue Aufstellung ihres Schmucks vorlegen, Fotos ebenso.

Weniger Monate später zeigte ein Ehepaar aus Dießen einen Schmuckdiebstahl an. Hier hatte die Geschädigte ein seltsames Erlebnis. An einem Nachmittag klingelte ein Heizungsmonteur, der an mehreren Terminen zuvor Toiletten montiert hatte. Er gab an, ein „wichtiges Werkzeug“, einen kleinen Imbus, im Bad vergessen zuhaben. Da er längere Zeit nicht mehr zurückkam, sah die Geschädigte nach. Sie traf den Mann in einem Zimmer an, in dem er nichts zu suchen hatte. Sie glaubte gesehen zu haben, dass er etwas eingesteckt habe – angeblich sein Werkzeug. Danach habe er „sehr schnell“ das Haus verlassen.

All das kam den Eheleuten sehr verdächtig vor. Da sie in dem Zimmer ihren Schmuck aufbewahrten, kontrollierten sie diesen und stellten fest, dass unter anderem zwei Uhren fehlten: eine Taschenuhr Chronoswiss für über 20.000 Euro und eine Rolex für über 50.000 Euro. Insgesamt fehlte Schmuck im Wert von gut 80.000 Euro. Bei dem Heizungsmonteur handelte es sich um den Angeklagten. Er hatte ihr langjähriges Vertrauen schamlos missbraucht, sagte die Dießenerin unter Tränen im Zeugenstand.

Bei ebay im Angebot

Die Ermittlungsbeamten der Dießener Polizei verglichen nach dem jüngsten Fall die angezeigten Schmuckdiebstähle der letzten Jahre und kamen auf einen gemeinsamen Nenner: Überall war derselbe Heizungsmonteur im Einsatz, nämlich der jetzt Angeklagte. In akribischer Kleinarbeit durchforschten die Ermittler das Bank- und ebay-Konto des Verdächtigen und stießen auf Übereinstimmungen mit entwendeten Schmuckstücken vom Sommer. Ringe und ein Armband konnten bei Käufern ausfindig gemacht werden, lagen dem Gericht vor und wurden von der Geschädigten und einer Expertin identifiziert.

Damit nicht genug: Die Hausdurchsuchung bei dem Angeklagten förderte die gestohlene Chrono­swiss zutage. Und: Auf dem Handy des Angeklagten stießen die Ermittler auf ein Foto der entwendeten Rolex und einen Quittungsnachweis mit entsprechender Seriennummer. Die Uhr selbst blieb verschwunden.

Auf ebay hatte der diebische Handwerker auch die Hilti-Bohrmaschine angeboten – nur einen Tag nachdem er sie geklaut hatte. Die Bohrmaschine konnte an Hand der Seriennummer einwandfrei zugeordnet werden.

Obgleich nach der Beweisauf­nahme eine lückenlose Beweiskette für „mindestens drei gewerbsmäßige Diebstähle“ feststand, so Staatsanwältin Andrea Lieb, war der Angeklagte zu keinem Gestän­dnis bereit. Dem erschwerenden Tatbestand und der Höhe des Schadens von rund 200.000 Euro stünde nur die bisherige Unbescholtenheit des Angeklagten gegenüber. Lieb forderte vier Jahre Freiheits­strafe. Eine Bewährung ist bei dieser Höhe nicht möglich.

Schändlich ausgenutzt

Das Plädoyer der Verteidigung stand unter dem Motto „So dumm kann doch keiner sein“. Da Verteidiger Mehr seinen Mandanten für intelligent hält, forderte er einen Freispruch. Das Schöffengericht sah das anders und verurteilte den Handwerksmeister zu drei Jahren und sechs Monaten Haft ohne Bewährung sowie 147.000 Euro Wertersatz. Richter Kessler zeigte in der Urteilsbegründung drei Fälle von gewerbsmäßigem Diebstahl auf und verdeutlichte dem Angeklagten erneut, dass ein Geständnis sehr strafmildernd gewesen wäre. Doch weder dafür habe er „den Arsch in der Hose“ noch für eine Entschuldigung bei den Geschädigten. Der Handwerker habe das jahrelange Vertrauen der Opfer schändlich ausgenutzt, so Kessler.

Das Urteil ist noch nicht rechts­kräftig.

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