Die Schwarzmeerinsel New Orleans 

"Hazmat Modine" besticht mit Blues im Reggae-Calypso-Funk-Mantel

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Drei Musiker des genialen Oktetts „Hazmat Modine“, das am Dienstagabend im Stadttheater das Publikum zu Standing Ovations antrieb: Frontmann Dave Schumann, Herzschlaggeber Joseph Daley am Susaphon und Steve Elson am Sax.

Landsberg – Ein Bläsersound, der direkt ins Blut geht, grandiose Musiker und brodelnde Stimmung: Bei manchen Bands kann man nur auf Klischeeformulierungen zurückgreifen - weil sie eben einfach so wahnsinnig gut sind, dass Worte nur an den Rand reichen. Hazmat Modine aus New York City ist so eine Band. Das stimmungsgewaltige Blues-Oktett bringt die Brassbandstimmung eines Mardi-Gras-feiernden New Orleans massiv unter die Haut. Funkig. Mit Klezmer und Reggae. Und Ausflügen nach Hawaii, nach Jamaika und in die Karibik. Am Dienstagabend brachten die acht Musiker zum dritten Mal das zum Bersten volle Stadttheater – auch hier stimmt das Klischee – zum Kochen.

Um dieser bildlichen und wörtlichen Hitze entgegenzuwirken, die Hazmat schon allein mit dem Heizlüfterfirmennamen „Modine“ heraufbeschwört, bläst ein Ventilator die Locken von Frontmann Wade Schumann an. Vergeblich: Schon nach wenigen Sekunden ist seine Stirn nass. Auch Pamela Flemings Trompete schwitzt. Und muss ab und zu geleert werden. Die Zuschauer schwitzen gleich von Anfang an und über knapp drei Stunden solidarisch mit. Macht aber nichts. Die grandiose Performance lässt Hitze vergessen.

Die Band Hazmat Modine bezeichnet ihre Musik als Blues. Punkt. Aber als Blues, der in einer afroamerikanischen Kneipe in New Orleans zu hören ist. Wobei die Stadt wie eine Insel im Roten Meer liegen müsste. Und von Roma bewohnt sein sollte, die mit Otis Redding musiziert haben. Einflüsse aus aller Welt sind es, die Hazmats Blues einfärben. Und ihn so treibend machen, dass die Zuhörer schon nach dem ersten Ton elektrisiert sind.

Landsberg ist der letzte Gig der Hazmat-Europa-Tournee. Schon am nächsten Tag ist der Rückflug in den Big Apple gebucht – und vielleicht merkt man das Leadsänger Schumanns Erzähl-

laune in den ersten Minuten an: Die ist erst noch etwas verhalten. Aber die Musik lockert vom ersten Dezibel: Gleich im Einstiegssong trumpfen die Musiker mit ihren Soli. Und die machen eines ganz deutlich: Hazmat Modine ist eine Band, in der trotz Minderzahl Frauen die dominante Stimme haben: Pamela Fleming an der Trompete und die unglaublich geniale, fantastische und ... (hier darf jeder die Lobhudelei seiner Wahl einstellen) Reut Regev an der Posaune quieken, quietschen, grooven. Und bleiben dabei so lässig – man könnte stundenlang zuhören und käme trotzdem aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Die ersten Songs kennen die Zuhörer, die bereits vor zwei Jahren dem Hazmat-Heizlüfter im Stadttheater lauschten: zum Beispiel das „Liebe-ohne-Erfolgserlebnis“-Lied „Your Sister“ und „Plans“ über die Sinnlosigkeit menschlicher Zukunftsideen. Beide Songs stammen aus der 2015 erschienenen CD „Extra-Deluxe-Supreme“. Der vierte Song „so far, so good“ scheint neueren Datums zu sein: Er ist dem amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten gewidmet, „der wohl meistgehassten Person in New York City“, berichtet Schumann. Wobei er Wert darauf legt, dass das kein Protestsong sei. Nur ein Kommentar.

Und hier alle acht Musiker.

Dominant bestimmt Schumanns Stimme den Sound: kehlig wie Waits, aber auch klar wie ein Obertonsänger der Mongolei – alles da. Nebenher flirtet er mit Mann und Frau in der ersten Reihe. Erkundigt sich immer wieder nach diesem seltsamen Hirsch in Landsberg. Erzählt von der Tradition der New-Yorker Müllwagen, sich Teddybären als Kühlerfiguren aus dem Müll zu fischen. Und erklärt den Titel der neuen CD „Box of Breath“.

Für den hat die Band vielleicht bei Bölls „Gesammeltem Schweigen“ des Dr. Murkes geklaut. Denn bei dieser „Schachtel voller Atem“ geht es um einen Techniker, der für Studioaufnahmen die Atemholer der Musiker rausschneidet. Und die Schnipsel in einer Schachtel verwahrt – für Schumann eine Metapher für das Leben.

Nebenher spielt Allrounder Schumann diverse Mundharmonikas mit Schalltrichtern, bedient Minimegaphone, Gitarren oder zitiert mit Blockflöte Irlands grüne Wiesen. Den Herzschlag gibt Joseph Daley mit seinem Susaphon. Wobei er trotz Rieseninstrument und dementsprechend langer Luftsäule filigranste Tonreihen hinlegt, während er nahezu vom Instrument gefressen gemächlich über die Bühne schreitet. Charlie Burnham spielt seine Geige gern mal wie eine Gitarre. Oder lässt auf ihr, dank E-Verstärkung, Hendrix-Klänge entstehen.

Relativ zurückhaltend wirkt Steve Elson mit seinem Saxophon. Patrick Simard an den Drums hält mit Susaphon-Mann Daley ebenso gelassen und perfekt den Rhythmus. Auch Gitarrist und Sänger Erik Della Penna steht hinter dem extrovertierten „Boss“ Schumann zurück. Sogar, wenn Penna den Gesangspart mit seiner klaren, höheren Stimme übernimmt. Zwar wirken alle acht Musiker zusammen wie eine große Maschine. Die Texte schreiben unterschiedliche Mitglieder. Und jeder Einzelne ist ein Genie. Aber Schumann ist eben die „Rampensau“.

Trotz Hochsommer, ganz normalem Dienstagabend und WM: Das Stadttheater war bis auf den letzten Stehplatz belegt. „Klappt doch!“, kommentierte Stadttheater-Musikorganisator Edmund Epple. Knapp drei Stunden genossen die Hazmat-Modine-Fans die brodelnd kochende Stimmung. Und belohnten das Oktett nach Zugaben mit Standing Ovations.

Susanne Greiner

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