Ein Baby um jeden Preis?

"Helden zeugen" bringt mit viel Humor ein tragisches Thema auf die Bühne

+
„Helden zeugen“ will eine musikalische Kinderwunschbehandlungs-Komödie sein – und erfüllt das mit einer gekonnten Mischung aus Tragik und Komik.

Landsberg – Was man nicht alles tut, um schwanger zu werden. Mit dem Rauchen aufgehört, Normalgewicht erreicht und gehalten, Fitness betrieben. Trotzdem will es einfach nicht klappen. Was eher nach einem Stoff für eine Paar-Tragödie klingt, hat Autor John von Düffel mit „Helden zeugen“ in eine mit viel Wortwitz ausgestattete Komödie gepackt.

Die einen haben mit „toten Schwimmern“ zu kämpfen, bei den anderen sind wohl „Kompatibilitätsprobleme, wie bei einer Laktoseintoleranz“ der Grund, warum es mit einer Schwangerschaft nicht klappen will. Aber egal was es ist, es treibt sie alle in die Kinderwunsch-Praxis von Dr. Nussbaum und Dr. Wiener.

Die Charaktere des Stücks des Münchener Theaterensembles „Theaterlust“ sind authentisch und machen es dem Publikum einfach, sich mit ihnen zu identifizieren. Sie alle befinden sich in Lebenssituationen, die vielen Menschen wohl bekannt vorkommen. So wie Simone, gespielt von Anja Klawun. Sie ist sich zwar gar nicht so sicher, was ihren Kinderwunsch betrifft. Aber ihre Mutter sitzt ihr im Nacken. Sie möchte endlich ein Enkelkind. Und dann ist da noch Sandro. Florian Thunemann spielt eine Figur, die man nicht unbedingt als die hellste Kerze auf der Torte beschreiben kann. Damit bringt er allerdings viel Humor auf die Bühne. Sandros beschränkter geistiger Radius erntet mitunter die meisten Lacher der Zuschauer. Ob er tatsächlich als Samenspender für seine Chefin, die auch der Kinderwunsch plagt, geeignet ist, ist fraglich.

Zu guter Letzt gibt es noch das Ehepaar Michaela und Michael, gespielt von Dagny Dewath und Sebastian Gerasch. Sie sind in den 30ern und kinderlos. Der Entschluss: eine künstliche Befruchtung soll´s richten. Doch das wird ein echter Beziehungshärtetest. An diesen Rollen wird die zugrunde liegende Tragik am deutlichsten. Der unerfüllte Kinderwunsch kann ein Paar vor eine echte – manchmal kaum zu bewältigende – Herausforderung stellen.

Obwohl sich Michael und Michaela einig sind, dass sie beide ein Kind wollen – sie nehmen sogar ein Video für ihren zukünftigen ‚Schatz‘ zum 10. Geburtstag auf – wird schon zu Beginn des Stücks klar, dass dieses Paar nicht so harmonisch ist, wie es scheint. Zumindest nicht, wenn es ums Thema Kindererziehung geht. Wenn es nach Michael geht, muss ‚Schatz‘ unbedingt ein Rolling Stones Fan werden, ganz wie der Papa. Der ist nämlich von Beruf Mick Jagger Imitator. Und scheint auch privat gerne in die Rolle zu schlüpfen, als er plötzlich lauthals „Satisfaction“ singt. Natürlich mit den typischen Jagger-Posen. Derweil ändert sich das Bühnenbild. Was zuvor wie eine einfache weiße Wand schien, erweist sich nun als transparenter Hintergrund. Dahinter drei Musiker. Die „Karger Kesting Schilde“, ausgestattet mit Schlagzeug, Gitarre, Bass und eher ungewöhnlichen „Instrumenten“ wie eine Babyflasche, unterstützt seit nunmehr zehn Jahren Theaterproduktionen mit ihrer Musik. Und hier liegt die ganz große Stärke des Stücks. Immer wieder werden Klassiker wie „Satisfaction“ oder „I need a hero“ gespielt. Das Publikum, kommt nicht umhin, sofort im Takt mitzuwippen. Die Band verleiht dem Stück ihren ganz eigenen Klang, kreiert und unterstreicht komische Momente und lässt die Schauspieler das aussprechen, was ihre Figuren so nicht sagen können.

Während es Michael hauptsächlich um „Satisfaction“ geht, ist Michaela voll und ganz vom Kinderwunsch beseelt. Für sie gibt es die Option, kein Kind, gar nicht. Auch wenn die Aussichten darauf eher gering sind. Und so schmettert sie „Dreams are my Reality“, während ihr Mann versucht zu erklären: „Wir müssen kein Kind haben, nicht um jeden Preis, wir waren ohne glücklich, wir werden es auch wieder sein.“ Denn ihm kommen beim Betreten der Praxis Zweifel. Er fühlt sich wie „Maria und Josef“, aber will doch bitte kein „Retorten-Jesus“.

Die erste Hälfte des Stückes ist noch mit jeder Menge Wortwitz und komischen Momenten gespickt. Doch in der zweiten Hälfte dann ein kleiner Bruch. Die Gag-Dichte wird etwas geringer, was nicht heißt, das die Komödie plötzlich in ein Drama kippt. Es finden nur vermehrt ernstere Töne den Weg auf die Bühne und die eigentliche Tragik der Geschichte kommt ein wenig mehr zum Tragen. Wenn zum Beispiel Michael klar wird, dass der unerfüllte Kinderwunsch womöglich seine Ehe beendet. Oder wenn Sandro merkt, dass er nach allem, was er bereit war für seine Chefin zu tun, doch nicht mehr von ihr gebraucht wird.

Alles ins allem ist „Helden zeugen“ ein kurzweiliges Stück, dass dank launiger Schauspieler und sympathischen Charakteren das Publikum überzeugen kann. Sie lassen einen die Tragik nicht vergessen und sorgen doch mit viel Komik für einen unterhaltsamen Abend. Dafür gab´s ausgiebigen Applaus der Zuschauer, die allerdings nicht so zahlreich erschienen sind. Einige Plätze blieben leer. Das Thema Kinderwunsch scheint wohl kein Besuchermagnet zu sein. Schade eigentlich, denn das Münchener Ensemble enttäuscht nicht.

Stephanie Novy

Auch interessant

Meistgelesen

Ein Dreivierteljahrhundert CSU im Landkreis Landsberg
Ein Dreivierteljahrhundert CSU im Landkreis Landsberg
Fußballer des Finninger TSV: Im Team gegen Leukämie
Fußballer des Finninger TSV: Im Team gegen Leukämie
Ausgezeichnete Metzger im Landkreis Landsberg!
Ausgezeichnete Metzger im Landkreis Landsberg!
Stellenabbau und Umsatzminus: Hirschvogel kämpft mit Marktwandel
Stellenabbau und Umsatzminus: Hirschvogel kämpft mit Marktwandel

Kommentare