Helen Schneider im Stadttheater

Diva ohne Starallüren

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Mit inzwischen grauen Haaren und kleinen Fältchen um die Augen, aber einer Stimme, die besser ist als je zuvor: Die 64-jährige Helen Schneider überzeugte mit Songs, die ihr auf den Leib geschrieben sind.

Landsberg – Ein Mann an der Gitarre, ein zweiter steht mit dem Kontrabass auf der Bühne. Murmeln im Zuschauerraum. Und dann kommt sie. Unauffällig, sehr zierlich, ruhig. Ohne Drama geht sie auf die Bühne. Und hat sofort das ganze Publikum für sich. Helen Schneider ist inzwischen 64. Zwischen „Rock’n’Roll Gipsy“, ihrem großen Hit in den frühen 80ern, und jetzt scheinen aber nicht nur ein paar feine Falten, sondern ganze Welten zu liegen. Von den USA ging es nach Deutschland, vom Rockstar zum Theater: Sie war Johnny Cashs June, Sally Bowles in „Cabaret“ und eine glänzende Evita. Landsberg hörte sie 2015 im „Ghetto Swinger“ als Erzählerin. Und jetzt ist sie auch noch ganz sie selbst.

„Ich liebe es zu meckern!“ Helen Schneider lacht viel und gern. Sie steht seit 15 Jahren als Solosängerin auf der Bühne, doch irgendwann waren die passenden Lieder aus. „Es gab keine Songs mehr, mit denen ich mich ausdrücken konnte.“ Da halfen ihre Freundin Linda Uruburu und ihr Lieblingsgitarrist Jo Ambros: Sie schrieb die Texte, er die Melodien. So entstand 2015 „Collective Memory“. Der Name ist Programm: „Linda hat mich als Muse genommen, um meine Probleme zu lösen.“ Herausgekommen sind dabei sehr persönliche Texte mit melancholischen Melodien, angelehnt an die Singer-Songwriter-Tradition der 70er Jahre. Aber doch ganz eigen. Schneider mischt Swing, Jazz, Pop und Country, mal erinnert es an klassische Chansons und ganz selten sogar an alte Rock’n’Roll-Zeiten. Mitte Mai kommt jetzt „Movin‘ on“ he­raus. Auch da geht es um ganz Persönliches.

Zum Beispiel das jazzige „Haze“. Schneider singt mit tiefer, voller Stimme, zieht die Töne. Sie singt von den Tälern, in die sie immer noch stürzt, und davon, wie man aus ihnen herauskommt: nicht aufgeben, „tomorrow isn’t yesterday“, Morgen ist ein neuer Tag. Auch die Melodie scheint in kleinen Schritten voranzuschreiten, ein Fuß vor den anderen. Schneider singt über das Älterwerden, wie es ist, wenn „das Ablaufdatum näher rückt“. Ihrem vor Kurzem verstorbenen Vater widmet sie „Tell me why“, ein Lied über Vergesslichkeit. Dazu eine Anekdote: Ihr Vater ließ sich auf Demenz testen. Die üblichen Fragen nach Wochentag oder Datum konnte er nicht beantworten. Und auch den Namen des aktuellen Präsidenten konnte ihr Vater nicht liefern, aber in einem war er sich sicher: „Er ist ein asshole!“ Gemeint war George W. Bush, „und im Vergleich zu heute vermisse ich den fast“, gibt Schneider zu. Sie favorisierte Bernie Sanders.

Ihr Großvater ist Deutscher, aber zuhause habe man kein einziges Wort Deutsch gesprochen. Sie selbst kann die Sprache fast perfekt mit einzelnen abenteuerlichen Spiralen. Die wird sie auch nicht mehr loswerden, selbst wenn sie ihr Gitarrist verbessert: „You can’t teach an old dog new tricks.“ Mitte der 80er lebte die Rockröhre in New York, einer Stadt, die sich im Aufbruch befand. „Und ich wollte mich auch ändern.“ Also nahm sie Schauspielunterricht. Nach einer Tournee mit Udo Lindenberg und ihrem legendären Auftritt 1982 als erste westliche Künstlerin im Palast der Republik holte sie der damalige Intendant des „Theater des Westens“ in Berlin 1987 für „Cabaret“ auf die Bühne. Zwei Jahre später zog sie gemeinsam mit ihrem Mann George Nassar nach Frankreich, 2007 schließlich nach Berlin. Nassar starb vor wenigen Jahren, der Mann, mit dem Schneider fast 40 Jahre zusammenlebte.

Bis vor Kurzem zeichnete sie sich noch durch schwarzen Bubikopf und knallrote Lippen aus. Die Haare sind inzwischen grau und kürzer, die Lippen etwas gedämpfter, aber die dunklen Augen strahlen wie eh und je. Und die Stimme scheint stetig zu wachsen. Besonders bei „I’ll see you once again“, einem Lied im leise drängenden Dreivierteltakt, sticht das hervor. Jedes Wort scheint Schneider aus der Seele zu sprechen, ihre Stimme wandelt sich von samtiger Tiefe zu einem fast metallischen Klang in höheren Lagen. Der Text dreht sich um den Verlust geliebter Menschen und den Wunsch, diesen irgendwann wieder zu begegnen. Gefühlvoll untermalt wird das durch Jo Ambros an der akustischen Gitarre und Oliver Potratz mit einem singenden Kontrabass. Das Publikum im gut gefüllten Stadttheater ist begeistert. Johlender Applaus. Schneider muss nicht lange um eine Zugabe gebeten werden – sie findet es albern, das ganze Raus und wieder Reingehen. Lieber gleich noch ein Lied. Und mit ihm gibt sie einen letzten Tipp fürs Leben: In ausweglosen Situationen müsse man kämpfen. Und dann die Sorgen loslassen, „just let it fly away“. Jaja, nette Formulierung, könnte man denken. Tut man aber nicht. Man nimmt es ihr ab und ist tief beeindruckt.

Susanne Greiner

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