260 Stellen gestrichen

Stellenabbau und Umsatzminus: Hirschvogel kämpft mit Marktwandel

+
Rückblick und Ausblick: Die Geschäftsführung der Hirschvogel Holding mit Dr. Alfons Hätscher (von links), Frank Anisits und Dr. Thomas Brücher.

Denklingen – Hirschvogel tritt auf die Bremse. Zum ersten Mal seit zehn Jahren muss der Automobilzulieferer ein Umsatzminus verbuchen. 260 Stellen wurden gestrichen – die meisten davon an den Standorten in Deutschland –, ebenso wurden die Investitionen 2019 um satte 30 Prozent zurückgefahren. Grund ist der Wandel in der Automobilindustrie. Und vom neuen Verwaltungsgebäude steht nur der Keller. Danach stoppte das Unternehmen den Bau.

Zur aktuellen Entwicklung bezogen die drei Geschäftsführer des Unternehmens jetzt gegenüber der Presse Position: Alfons Hätscher, zuständig für Finanzen und Personal, Frank Anisits, verantwortlich für die Produktion, und Thomas Brücher, der im Vertrieb mitsamt Einkauf und Entwicklung das Sagen hat.

Hätscher bezifferte den Umsatzrückgang 2019 mit 1,5 Prozent, das sind 1,234 Milliarden Euro. Das Unternehmen sei aber „deutlich besser weggekommen als ursprünglich geplant“, ergänzte Hätscher und betonte: "Wir schreiben deutlich schwarze Zahlen".

Stark gedrosselt worden seien die Investitionen, nämlich fast um ein Drittel. Die Summe dafür habe 2019 unter 100 Millionen Euro gelegen, so Hätscher. Dennoch habe man in Schongau 20 Millionen, in Denklingen 12 Millionen Euro investiert. Ebenso wie Produktionschef Anisits verwies Hätscher darauf, dass Schichten vor allem an Wochenenden ausgefallen seien, Fenstertage genutzt wurden oder nach Weihnachten zwei Wochen (Werks-)Ferien angesagt waren. Auch seien ältere Mitarbeiter freiwillig ausgeschieden - in Altersteilzeit.

Die Mitarbeiter hätten „toll“ mitgezogen, fand Hätscher, und hätten flexibel auf die anliegenden Arbeiten reagiert.

Hirschvogelwerke

Weltweit hat das Unternehmen, das neben den vier deutschen Standorten Denklingen, Schongau, Eisenach und Marksuhl (Thüringen) auch in Polen, China, Indien, in den USA und in Mexiko mit Werken vertreten ist, knapp 6.000 Beschäftigte. Denklingen ist das größte Produktionswerk und gleichzeitig 'Ursprung' und Entwicklungszentrum der Hirschvogel Automotive Group. 260 Vollzeitstellen sind innerhalb des vergangenen Jahres abgebaut worden; die meisten davon in Deutschland.

Betroffen von dem Stellenabbau ist vor allem das Stammwerk in Denklingen, wo knapp 2.000 Mitarbeiter angestellt sind. Nicht ganz so heftig sind die Stellenstreichungen bei Hirschvogel Komponenten in Schongau: Dort sind es momentan 913 Vollzeitstellen, im Jahr zuvor waren es 958 (immer in Vollzeitstellen gerechnet). Die Teilzeitquote im Unternehmen liege bei circa 20 Prozent, erklärte Hätscher.

Anisits bezeichnete 2019 als das „Jahr der Optimierungen“. Schon 2018 habe man ein „Effizienzprogramm“ ins Leben gerufen, das Auswirkungen zeige. Unter anderem sei die Vorentwicklung, früher eine eigene Sparte, mit dem Bereich Entwicklung zusammengelegt worden, wo über 100 Mitarbeiter tätig sind.

Laut Anisits und Brücher möchte Hirschvogel heuer eine Million Rotorwellen verkaufen. Da sei man inzwischen Marktführer. Die Rotorwellen brauche man bei E-Autos genauso wie bei Verbrennungsmotoren oder bei Hybridfahrzeugen. Bei Produkten wie Seitenwellenteilen oder Differenzialteilen „müssen wir uns breiter aufstellen“ kündigte Anisits an.

Obwohl Hirschvogel bei den Investitionen auf die Bremse gestiegen sei, könne man „jederzeit reagieren“, wenn für Neuaufträge technische Voraussetzungen geschaffen werden müssten, betonte Brücher.

Im vergangenen Jahr habe man eine zweistellige Millionensumme in Kooperationen oder Beteiligungen investiert. Dazu gehöre eine Firma, die Elektronik-Bauteile herstelle, sowie ein Betrieb, der Bedienoberflächen für bequemes und sicheres Fahren auf den Markt bringe. Dass ein Auftrag von Tesla geplatzt sei, bezeichnete Brücher als Gerücht.

Corona-Virus

In China hat Hirschvogel ein Werk in Pinghu, 800 Kilometer von der Krisenregion Wuhan entfernt, wo die Ausbreitung des Corona-Virus ihren Anfang nahm. Dies habe einen mehrwöchigen Produktionsausfall zur Folge gehabt, da viele Mitarbeiter vorsorglich zu Hause bleiben mussten. Mitte Februar sei die Produktion wieder mit gut der Hälfte der Beschäftigten aufgenommen worden. Ende Februar sei man dort aber so weit, dass alle 1.000 Beschäftigten in Pinghu wieder der Arbeit nachgehen könnten, blickte Anisits voraus.

2020 geht die Hirschvogel-Geschäftsführung trotz unwägbarer Kriterien wie dem Handelsstreit mit den USA oder den späten Folgen des Corona-Virus von einem leichten Wachstum zwischen drei und fünf Prozent aus. Motor sei heuer eher die Nachfrage im Ausland, hieß es im Ausblick. In Deutschland hingegen stagniere der Markt. Dementsprechend falle auch erst Mitte des Jahres die Entscheidung, ob das Verwaltungsgebäude fertiggestellt werde.
Johannes Jais

Auch interessant

Meistgelesen

Arbeit trotz Kultur-Lockdown: Was im Landsberger Kulturbüro geschieht
Arbeit trotz Kultur-Lockdown: Was im Landsberger Kulturbüro geschieht
Schondorferin seit Freitag vermisst!
Schondorferin seit Freitag vermisst!
Dießen: Unkrautvernichtung löst Hausbrand aus
Dießen: Unkrautvernichtung löst Hausbrand aus
Angespannte Situation in den Wohnheimen der Lebenshilfe
Angespannte Situation in den Wohnheimen der Lebenshilfe

Kommentare