Wirtschaft im Gespräch:

"Wenn das einer kann, dann der Hirschvogel"

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Die drei Geschäftsführer der Hirschvogel Automotive Group (von links): Dr. Thomas Brücher, Frank M. Anisits und Dr. Alfons Hätscher.

Denklingen – Es bebt ein wenig und rumpelt dezent, selbst im Sitzungsraum. „Das beruhigt“, scherzen die drei Geschäftsführer der Hirschvogel Automotive Group, die in Bestbesetzung zum KREISBOTEN-Gespräch erschienen sind. „So erkennt man: Die Maschinen laufen, die Auftragslage ist gut“. Gezweifelt hat daran freilich niemand. Hirschvogel, der größte Arbeitgeber im Landkreis Landsberg, ist wirtschaftlich seit vielen Jahren in exzellenter Form. KREISBOTEN-Autor Werner Lauff sprach mit den Geschäftsführern Frank M. Anisits (Produktion), Dr. Thomas Brücher (Vertrieb, Einkauf, Entwicklung) und Dr. Alfons Hätscher (Finanzen).

Von der Denklinger Dorfschmiede zur weltumspannenden Unternehmensgruppe mit einer Milliarde Euro Umsatz, was ist das Geheimnis dahinter?

Anisits: „Vor allem unsere Mitarbeiter. Unsere Branche ist Knowhow-intensiv. Weil unsere Belegschaft loyal ist, konnte sich das Wissen von Hirschvogel in 80 Jahren multiplizieren.“

Brücher: „Deshalb können wir uns immer wieder neu erfinden, Technologien umsetzen, Trends aufgreifen. Und die über 1.000 Produktanfragen, die wir jährlich von Kunden erhalten, in Produkte ummünzen.“

Hätscher: „Ein wichtiger Faktor ist auch unsere Präsenz in allen relevanten Märkten. Wir sind da, wo unsere Kunden sind. In Deutschland, China, Indien, USA und demnächst Mexiko.“

Anisits: „Nicht zu vergessen: Die Gesellschafter reinvestieren ihre Gewinne ins Unternehmen. Wir sind ja kapitalintensiv, haben hohe Investitionen.“

Über welche Investitionskosten pro Maschine reden wir da eigentlich?

Anisits: „Eine Pressen-Linie kostet leicht schon mal zehn Millionen Euro. Sie muss viele Arbeitsschritte bewältigen. Und man braucht Automationen, die die Teile transportieren.“

Brücher: „Beste Technologie, höchste Produktivität - anders kann man gegen Firmen aus Niedriglohnländern nicht bestehen. Hohe Automationsgrade bedeuten dann natürlich auch ein hohes Investitionsvolumen.“

Kann man das, was Hirschvogel macht, mit einfachen Worten definieren?

Hätscher: „Wir formen aus Stahl und Aluminium Teile für die Automobilindustrie. Von Zimmertemperatur bis über 1.000 Grad. In wachsendem Umfang veredeln wir die umgeformten Teile durch anschließende, teilweise sehr komplexe Arbeitsschritte.“

Welche Produkte entstehen daraus?

Brücher: „Teile, vor allem Wellen, für Getriebe. Verteilerleisten und Injektorkörper für Einspritzsysteme. Weitere Motorenteile wie Stahlkolben und Ausgleichswellen. Fahrwerksteile wie Radnaben und Lagerringe, Achsschenkel und Radträger. Teile für den Antriebsstrang zwischen Getriebe und Rad. Und das ist noch nicht alles...“

99 Prozent Ihres Umsatzes hat mit Autos zu tun. Gibt es Hersteller, die bei Ihnen nicht Kunden sind?

Anisits: „Eigentlich sind alle Kunden bei uns. Tendenziell die japanischen Hersteller eher nicht, aber auch da wandelt sich das Bild; die Lücke schließt sich zunehmend.“

Die Automobilbranche ist im Umbruch; Stichworte sind Dieselgate, E-Mobilität und selbstfahrende Autos.

Brücher: „Ja, da schauen wir sehr genau hin. ,Downsizing‘ und Leichtbau sind auch große Themen, mit denen wir uns intensiv beschäftigen. Mittel- bis langfristig wird E-Mobilität ganz wichtig. Wir sind von Anfang an in diesem Feld tätig, schon seit zehn Jahren. Wir liefern und entwickeln bereits jetzt Schlüsselkomponenten für Elektrofahrzeuge – zum Beispiel Rotorwellen und Teile für Hybridfahrzeuge. Durch „Dieselgate“ erkennen wir im Moment noch keine wesentliche Beeinträchtigung.“

Weltmarktführer sind Sie bei...

Brücher: „Da gibt’s eine ganze Menge: Injektorkörper, kalt umgeformte Getriebewellen ...

Hätscher: „...und Rotorwellen, die zum Beispiel in E-BMWs zum Einsatz kommen.“

Was ist gut am Standort Denklingen?

Anisits: „Die geballte Kompetenz und die Loyalität der Mitarbeiter hatten wir ja schon erwähnt. Wir bekommen hier auch gute Fachkräfte und Auszubildende. Im Ausland ist das nicht so. Da tun wir uns unglaublich schwer, gute Leute zu rekrutieren. Vor allem im Wachstumsmarkt China herrscht ein Kampf um die Talente.“

Wie spezialisiert muss man sein, wenn man bei Hirschvogel arbeiten will?

Hätscher: „Eine gewisse Spezialisierung ist natürlich notwendig, da unterscheiden wir uns nicht von anderen Unternehmen. Die Menschen kommen in der Regel zu uns mit einer abgeschlossenen akademischen Ausbildung oder sie starten ihre Karriere mit einer Ausbildung in einem unserer zwölf Ausbildungsberufe. Das je nach Bereich unterschiedlich ausgeprägte Fach- und Spezialwissen erwirbt man sich dann über die Zeit.“

Sie haben 5.000 Mitarbeiter – 2.000 in Denklingen, 800 in Schongau, 800 in Thüringen und 1.400 im Ausland. Sie gelten als guter Arbeitgeber. Was macht Sie attraktiv?

Hätscher: „Wir wachsen - und das bedeutet stabile Arbeitsplätze. Die Menschen, die zu uns kommen, haben Entwicklungsmöglichkeiten. Und wir haben ein sehr positives Betriebsklima. Gäste sagen oft: Ihre Mitarbeiter haben ein Lächeln im Gesicht. Außerdem zahlen wir gut. Wir sind zwar nicht tarifgebunden, aber wir zahlen nach Tarif oder sogar mehr.“

Könnte ich als Mitarbeiter auch vorübergehend mal nach Indien zu „Hirschvogel Components India“ gehen?

Hätscher: „Da haben Sie sich jetzt gerade den Standort ausgesucht, um den sich nicht alle reißen. Aber die Möglichkeit besteht. Auch USA, Mexiko und China sind Werke, die noch Unterstützung brauchen.

Gibt es Wünsche an die Gemeinde oder den Landkreis?

Anisits: „Wir sind ja ein sozialer Arbeitgeber, bekennen uns zu den Standorten hier in Deutschland. Die Städte und Kreise müssen Rahmenbedingungen schaffen, die passen. Hebesatzerhöhungen bei der Gewerbesteuer sind kontraproduktiv.“

Sie spielen auf Schongau an, wo 2016 der Hebesatz deutlich erhöht wurde.

Hätscher: „Und in Marksuhl in Thüringen ist es gerade ein Thema. Deshalb sind wir da sensibilisiert.“

Ausdehnungspotential besteht in Denklingen ja offensichtlich genug...

Anisits: „Das ist auch ein Vorteil des Standorts. Wir haben 300.000 Quadratmeter Fläche, 80.000 sind bebaut. Das ist Luxus. Andere Firmen haben ihn nicht. Das wissen wir zu schätzen.“

Hier könnten Sie ja sogar noch einen Flugplatz unterbringen.

Anisits (lacht): „So eine Start- und Landebahn für Businessjets direkt vor dem Werk wäre nicht schlecht. Wir würden sie an andere Unternehmen auch weitervermieten...“

Wie innovativ ist Hirschvogel?

Brücher: „Nachmachen ist nicht unsere DNA. Wir bemühen uns immer um neue Produkte mit Alleinstellungsmerkmal. Und wenn wir eine Produktionsanlage kaufen, muss da eine Weiterentwicklung drin sein. Wir sind schon lange nicht mehr nur ein Massivumformer. Wir veredeln viele Teile, fügen sie zusammen, beschichten sie, montieren sie. Inzwischen sehen unsere Kunden Hirschvogel nicht nur als Massivumformer, sondern als Komponenten- und Baugruppenhersteller.“

Wachsen Sie?

Anisits: „In den zurückliegenden Jahren sind wir im Schnitt jährlich sieben bis acht Prozent gewachsen, 2016 lag das Wachstum darüber und 2017 streben wir nochmal zehn Prozent Wachstum an.“

Das ist beachtlich. Was macht Sie so gut?

Anisits: „Schnelle Entscheidungen und kundenorientierte Innovation. Es gibt viele Kunden, die brauchen ein neues Produkt und sagen: ,Wenn das einer kann, dann der Hirschvogel‘“.

Was muss man denn als Geschäftsführer von Hirschvogel können?

Alle (lachen): „Teamorientierung... Toleranz... Durchsetzungsvermögen... das Mitarbeiterpotential nutzen... und fachlicher Sachverstand schadet auch nicht. Warum fragen Sie?“

Werner Lauff

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