Millibauer auf der Flucht

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Vier Leser und eine fünfköpfige „Hochzeitskapelle“: Hörspielmacher Andreas Ammer und die Acher-Brüder begeisterten das Publikum mit ihrem schrägen Pop-Roadmovie „The King is Gone“.

Landsberg – Wenn er den Inhalt des Hörspiels „The King is Gone“ beschrieben habe, erzählt Edmund Epple, dann sei oft folgende Frage gekommen: „Gab’s denn noch einen Dritten?“ Gemeint ist einen dritten König Ludwig, und ja, den gab’s: Von 1913 bis 1918 war Ludwig III der letzte König von Bayern, bevor mit seiner Absetzung die jahrhundertelange Herrschaft der Wittelsbacher ihr Ende fand. Das Hörspiel von Andreas Ammer nimmt sich mit Musik und Text der Geschichte Bayerns anhand eines fast vergessenen Protagonisten an und macht daraus ein hinreißend schräges Roadmovie. Ammers Hörspiel hat den Publikumspreis ARD Online Award 2015 gewonnen und ist für den Hörspielpreis der ARD nominiert.

„Die letzte Phase einer weltgeschichtlichen Gestalt ist ihre Komödie“, liest man bei Karl Marx. Das dem Hörspiel wie ein Motto vorangestellte Zitat beschreibt, was die Zuschauer bei „The King is Gone“ erwartete: eine skurrile und humorvolle Erzählung über die Flucht des letzten bayerischen Königs vor der Räterevolution. Wobei „Erzählung“ nicht ganz trifft: Andreas Ammer dirigiert eher ein Schauspiel, das zwei Männer und zwei Frauen auf der Bühne darbieten, unterstützt durch die „Hochzeitskapelle“, eine Band rund um die Weilheimer „Notwister“ Michael und Markus Acher, die mit ihrer Musik aus dem Hörspiel fast einen Pop-Ereignis mit Heimatanklang machen: Tuba, Harmonium, Schlagzeug, Geige und mehr erzeugen einen schönen, scheppernden Sound, der hervorragend mit der skurrilen Geschichte harmoniert.

Zu Beginn scheint die Musik manchmal ein bisschen zu laut. Aber das gehört zu Ammers Konzept: „So empfinde ich das Ideal eines Hörspiels: Da hört man ein bisschen hin, wie die Musik rumschrammelt, und hat vergessen, sich den Text zu merken.“ Und tatsächlich, schon nach wenigen Minuten entwickelt sich ein Rhythmus, der die Zuhörer in den Bann zieht – Musik und Text werden eins.

Damit sich das auch auf die Aufzeichnung des Hörspiels überträgt, habe man alles live in einem Wirtshauskeller aufgenommen, erzählt Ammer – der dabei entstandene Klang sei genau passend. Produziert wurde das Hörspiel vom BR: „Ich wollte das Thema schon immer mal machen“, erzählt Andreas Ammer. Und als dann Herbert Kapfer vom BR Hörspiel und Medienkunst auf ihn zukam, habe es endlich geklappt.

Wer ist eigentlich dieser seltsame Ludwig III? Eine für die Zuhörer im 21. Jahrhundert ins Hörspiel eingesetzte Werbepause klärt das: „Ausgesehen hat er wie ein Weihnachtsmann mit vielen Orden: Der König bin ich. Ich bin der König. Ich bin der III. Ich bin der Bart. Der König bin ich.“ Er war der Cousin Ludwig II und ältester Sohn von Prinzregent Luitpold. König wollte er nie werden, ihm schwebte ein Leben als Bauer auf dem Land vor – deshalb sein Spitzname „Millibauer“. Doch als Otto wegen Geisteskrankheit abgesetzt werden musste, blieb Ludwig nichts anderes mehr übrig, als kurz vor dem ersten Weltkrieg in schwierigen Zeiten den Thron zu besteigen.

Als literarische Grundlage für das Hörspiel dienen Aufzeichnungen des Chronisten Josef Benno Sailer, „Des Bayernkönigs Revolutionstage“, 1919 für eine Mark zu erwerben. König Ludwig III kommt darin nicht ganz so gut weg, und die Hörspielbearbeitung steht dem in nichts nach: Ludwig ist ein weinerlicher, ungelenker Herrscher, den die Revolution vollkommen unvorbereitet trifft: „Dass man mir davon gar nichts gesagt hat, wie es steht! Hab ich denn gar niemand, der sich um mich hätte annehmen können?“

Krimiautor Friedrich Ani als Ludwig wiederholt diese Worte wie ein immer wiederkehrendes Rezitativ, mal weinerlich, mal wütend, mal überrascht wie ein kleines Kind. Dass sein Volk hungert, scheint ihm fremd. Von der Revolution erfährt er erst auf seinem Nachmittagsspaziergang durch einen Passanten: „Majestät, schaun’s, dass heimkommen!“ Und auf der Flucht sorgt er sich eher um seinen Hemdkragen denn um sein Volk.

Dem Gelingen dieser Flucht stehen platte Reifen und neblige Straßen im Weg, die Automobile landen im Straßengraben und müssen vom Fahrer, „dem heldenhaften Tiefenthaler“, wieder herausgezogen werden. Eifrig und ergeben spielt Wowo Habdank den Chauffeur, der auch noch Öl und Benzin auftreibt und bei der Bäuerin in tiefster Nacht für 20 Mark eine Petroleumlampe erwerben kann. Die Flucht gelingt und Ludwig kommt unversehrt in Salzburg an.

Zum Schluss zitiert Andreas Ammer erneut Marx: „Warum dieser Gang der Geschichte? Damit die Menschheit heiter von ihrer Vergangenheit scheide.“ Ludwig war der letzte und dennoch fast vergessene König von Bayern, Eisner der erste Ministerpräsident des neu ausgerufenen Freistaats. Ludwig starb 1921 in Ungarn, Eisner wurde 1919 von einem rechtsgerichteten Studenten „aus Liebe zum Vaterland“ ermordet.

Susanne Greiner

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