Morbider Charme als Inspiration

Neues Leben für die Dießener Huber-Häuser?

Stefanie Sanktjohanser (l.) und Jörg Kranzfelder vor den Huber-Häusern in Dießen.
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Den morbiden Charme der Huber-Häuser sehen Stefanie Sanktjohanser (l.) und Jörg Kranzfelder als Inspirationsquelle. Sie wollen hier ein integratives Kultur- und Kunstzentrum etablieren und die Gebäude wieder instandsetzen.
  • Dieter Roettig
    vonDieter Roettig
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Dießen – So schnell wie erhofft geht es nun doch nicht mit der Revitalisierung der Huber-Häuser in der Dießener Johannisstraße 11 bis 13. Der speziell dafür gegründete Verein „Freie Kunstanstalt e.V.“ würde am liebsten schon im Sommer loslegen mit dem Aufbau und Betrieb eines „integrativen Kulturzentrums“, das gleichzeitig die Instandsetzung des „ortsbildprägenden Schandflecks“ organisiert und koordiniert. In der aktuellen Sitzung des Gemeinderats stellte Initiatorin Stefanie Sanktjohanser (26) das Konzept vor, wurde aber von juristischen Fakten zunächst ausgebremst.

Denn die Marktgemeinde als im Grundbuch eingetragene Eigentümerin des geerbten Areals will noch keine finale Entscheidung über die zukünftige Nutzung fällen. Der Rechtsstreit mit einer Erbengemeinschaft könnte nämlich trotz Siegen vor Landgericht und Oberlandesgericht im Bundesgerichtshof seine Fortsetzung finden. Bis dato erhielt die gemeindliche Anwaltskanzlei noch keine Rückmeldung, ob die Gegenpartei beim BGH weitere rechtliche Schritte einleiten wird. Erst wenn die Frist zur Möglichkeit weiterer Rechtsmittel abgelaufen ist, kann sich die Gemeinde hinsichtlich einer künftigen Planung konkrete Gedanken machen.

Das hat bereits der Verein Freie Kunstanstalt gemacht, ins Leben gerufen von Illustratorin und Tätowiererin Stefanie Sanktjohanser, die schon dem Jugendbeirat und dem Jugendbeteiligungsprozess zur Sanierung des Skater- und Basketballplatzes beim MTV auf die Sprünge geholfen hat. Der Vereinsvorsitzenden steht mit Jörg Kranzfelder (46) ein Kreativer in den Bereichen Events, Grafik und Fotografie als Vize zur Seite. Er ist auch zweiter Vorsitzender des Heimatvereins Dießen und im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Dießener Kunst. Weiter im Vorstand: Jeanine Lukas, Felix Binder, Nina Munker, Vanessa Hafenbrädl, Tamara Hub, Simon Maier, Yannick Gorn und Lorenz Leitner – allesamt erfahren mit diversen Kultur-, Kunst- und Veranstaltungsprojekten.

Neues Leben einhauchen

Frei nach dem Motto „Kultur für Alle“ möchten sie auf Erbpacht-Basis der Industrie-Brache neues Leben einhauchen mit einem bürgernahen Freiraum für Kunst, Kultur, Musik, Bildung, Soziales und Jugendarbeit. Die ehrenamtlichen Vereinsmitglieder sehen es laut Bürgermeisterin Sandra Perzul als Privileg an, die in die Jahre gekommenen Räumlichkeiten Stück für Stück mit heimischen Handwerkern zu sanieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen - finanziert von Spenden und Fördergeldern.

Stefanie Sanktjohanser betonte die Dringlichkeit einer Entscheidung, da der Verfall der Huber-Häuser fortschreitet. Jetzt sollte man die Dynamik des Vereins ausnützen und nicht unnötig warten. Ihren Vorwurf, man hätte jahrelang nichts getan, konterte Ex-Bürgermeister und Gemeinderat Herbert Kirsch. Trotz ungeklärter Eigentumsverhältnisse habe man mit einem sechsstelligen Betrag die schlimmsten Schäden provisorisch repariert und zwei Wohnungen für die Unterbringung von Flüchtigen renoviert. Kirsch plädierte für eine Entscheidung bereits in der nächsten Gemeinderatssitzung, sollte bis dahin das Oberlandesgerichtsurteil rechtskräftig sein.

Es gebe dabei für die Marktgemeinde nur drei Möglichkeiten: Verpachtung wie beispielsweise an den Verein Freie Kunstanstalt, Erstellung eines eigenen Sanierungs- und Nutzungskonzeptes oder Verkauf an einen Investor.

Das unübersehbare Ensemble auf 2.450 Quadratmetern an der Johannisstraße besteht aus einer unter Denkmalschutz stehenden rosafarbenen Stadtvilla aus der Gründerzeit mit reichlich Dekor, einem roten Firmengebäude und einem gelben Wohnhaus dazwischen. Dahinter verbergen sich in zweiter Reihe die mächtigen Druckereigebäude um einen Innenhof.

Joseph Carl Huber (1870 – 1948) eröffnete im Dezember 1890 eine Buchdruckerei, die er immer weiter ausbaute und unter wechselnden Namen führte wie „Druckerei J. C. Huber & Sohn“ oder „Graphische Kunst- und Verlagsanstalt Jos. C. Huber K.G.“. Namhafte Verlage und Unternehmen zählten zu den Kunden. In der Blütezeit war Huber mit bis zu 250 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber in der Gemeinde.

Um 1950 verkaufte die Erbengemeinschaft Huber die Firma samt Immobilien- und Grundbesitz an den damaligen Geschäftsführer Hans Zaller und seine Ehefrau Charlotte. 1970 erwarb der Verleger Dr. Herbert Fleißner (1928 – 2016) die Firma, wobei aber Grund und Gebäude im Eigentum der Zallers blieben. 2003 verlagerte Fleißner den Betrieb nach Garching, wo er später in Insolvenz ging.

Kompliziertes Erbe

Für das Areal in der Dießener Johannisstraße hatte das Ehepaar Zaller mit Dr. Fleißner eine gesonderte Vereinbarung getroffen. Sie besagt, dass Grund und Immobilien dem Verleger zum Kauf anzubieten sind, wenn der das Angebot innerhalb von drei Monaten nach dem Tod des länger lebenden Ehepartners annimmt. In ihrem Testament hatten die Zallers die Marktgemeinde Dießen als Erbin und damit mögliche Verkäuferin der Liegenschaften eingesetzt. Hans Zaller starb im Juli 2002, seine Frau am 25. Oktober 2013 im Alter von 95 Jahren. Den jetzt eingetreten Erbfall gab der damalige Bürgermeister Herbert Kirsch auf dem Neujahrsempfang 2014 im Traidtcasten bekannt.

Mit dem Tod der Witwe Zaller konnte Dr. Fleißner der Marktgemeinde Dießen als Erbin ein Kaufangebot machen. Das kam allerdings nicht in der vereinbarten Drei-Monatsfrist zustande. Erst im März forderte Fleißner die Gemeinde zum Verkauf auf, die allerdings abblockte. Zum einen wegen der Fristüberschreitung, zum andern, weil sich das zugesagte Verkaufsrecht auf den niedrigen Einheitswert bezog und nicht auf den aktuellen Verkehrswert in Millionenhöhe.

Nach dem Tod von Verleger Fleißner 2016 wurden seine Erben aktiv und klagten vor dem Landgericht Augsburg auf das Kaufrecht. Im August 2020 wurde die Klage abgewiesen und die Marktgemeinde Dießen als rechtmäßige Eigentümerin der „Huber-Häuser“ bestätigt. Ebenso wie vor dem Oberlandesgericht im März 2021.

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