Immer weniger Mitglieder

Sind Trachtenvereine noch zukunftsfähig?

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Entscheidungsträger aus 16 Vereinen im Huosigau haben beim Seminartag mit Günter Frey ein heißes Thema diskutiert: Sind Trachtenvereine noch zukunftsfähig? Ein arbeitsreicher Tag, der viele Sichtweisen neu durchleuchtet hat. In der vorderen Reihe von links drei Führungskräfte: Florian Vief (Vorsitzender Huosigau), Günter Frey (Vize-Vorsitzender Bayerischer Trachtenverband) und Sepp Kaindl (Ehrenvorsitzender Huosigau).

Landkreis/Region – Die Frage, ob Trachtenvereine noch zukunftsfähig sind, haben Entscheidungsträger von 16 Vereinen der Heimat- und Trachtenvereinigung Huosigau durchleuchtet. Ziel des Tages­seminars unter der Leitung des stellvertretenden Vorsitzenden des Bayerischen Trachtenverbands (BTV), Günter Frey vom Oberen Lechgauverband, formuliert Huosigau-Vorsitzender Florian Vief: „Nicht nur bei uns im Huosigau, auch die sinkenden Mitgliederzahlen, die der BTV verzeichnen muss, zeigen landesweite Probleme, die Mitglieder zu halten und neue zu gewinnen.“ Die Ergebnisse des Tagesseminares fließen auch in die „Zukunftswerkstatt des Baye­rischen Trachtenverbandes Heimat.Bayern.Leben.“ ein.

Die Trachtenbewegung hat Sorgen, weil es nicht mehr so läuft, wie es nahezu hundert Jahre üblich war. Aber damit sind die Trachtenvereine nicht allein. Das gesamte Vereinswesen als wesentliche Basis der Heimat und des Gemeinwesens wackelt. Die Gesellschaft, sagt man gemeinhin, sei in Bewegung geraten und verlöre Wertmaßstäbe und ethische Grundlagen an die digitalen Strukturen, die mehr und mehr um sich greifen. Darüber werde philosophiert, dazu werde geforscht – und geredet. Für die Trachtenbewegung kein Grund, die Fahnen zu strecken und das Platteln einzustellen.

„Wir geben nicht auf“, betont Günter Frey und fährt fort, man möge die Eckpfeiler der bayerischen Kultur auf neue Fundamente setzen, „wir stellen uns den Veränderungen der Zukunft“, begründet er auch die Zukunftswerkstatt des BTV und deren flankierende Maßnahmen. Unsere Anstrengungen mögen sich darauf konzentrieren, neue Mitglieder zu gewinnen. Mitglieder aktiv in das Vereinsleben einzubinden und für Führungsaufgaben in Vereinen und Gauverbänden zu begeistern. Daher seien Grundlagenforschung und Erfahrungsaustausch unter den Vereinen so wertvoll und wichtig wie bisher nie.

Regionale Unterschiede

Frey ermunterte die Huosiau-­Vertreter offen zu sprechen, „Was hier und heute gesprochen wird, bleibt in diesem Raum“. Und die Aussprache fiel entsprechend gut aus; zur Halbzeit sind sich die Beteiligten klar, wo Defizite und wo Vorteile der Trachtensach‘ im Huosigau liegen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass im Huosigau aufgrund seiner prominenten Landkreise, sowohl wegen der attraktiven geografischen Struktur in der Nähe zur bayerischen Landeshauptstadt München, als auch zwischen den Luxuswohngegenden im FünfSeenLand, den Segler- und Sportparadiesen, den touristischen und kulturellen Exklusivitäten die Trachtenbewegung zwar gut aufgestellt sei, allerdings fehle es noch an Nachhaltigkeit.

Obwohl die öffentliche Wahrnehmung von Veranstaltungen enorm hoch sei – Aufmärsche, Heimatabende, Kirta, Volkstänze, Theater, Gesang, Jodeln, Trachtler bei kirchlichen Hochfesten in berühmten Barockkirchen – können auf Seiten der Vereine die unbestritten großen Aufwände, die hinter überregionalen Festen und Feierlichkeiten sowie hinter vielen, kleinen Veranstaltungsformaten stehen, die das bairische Trachtenwesen ausmachen, personell kaum noch geleistet werden – wenn es nicht bald gelingt, mehr Mitglieder (am besten Familien) längerfristig ins Vereinsleben zu integrieren.

Wenig sachdienlich seien auch andere Veränderungen. Zum Beispiel verlieren sich regionale Erkennbarkeit und Zuordnung beim Gewand und bei der Sprachfärbung. Was ursprünglich über Generationen regional „Sitt‘ und Brauch“ war, verliert zwischen Vielfliegerei, Com­pu­terenglisch, zwischen Facebook und Globalisierung die heimische Wesenheit. Anstatt ersparter Zeit dank schneller Verkehrsmittel ins Daheimsein zu stecken, wird sie in das Zurücklegen größerer Entfernungen investiert. Marschierte man früher zum Sonntagsvergnügen ins Nachbardorf, muss es heute mit Brückentag mindestens der Gardasee sein.

Deutlich sind die Unterschiede auch in den Altersklassen. Nur wenige Vereine sind noch vom Kleinkind bis zu den Senioren aktiv. Einbrüche in den Altersgruppen zu den weiterführenden Schulen und bei den jungen Erwachsenen sind deutlich. Diskutiert wird auch die Verbindung zu den Kommunal- und Landespolitikern, die als Wegbegleiter der Vereine wichtig sind und in vielen Fällen auch immer wieder „Amtshilfe“ leisten können, sowohl in monetären Angelegenheiten als auch bei der Überwindung von so manchem Amtsschimmel. Auch hier bedauern die Seminarteilnehmer Kommunikationsprobleme.

Das heiße Thema „Wieviel Moderne verträgt die Tradition?“ erforderte viel Sachverstand und Feingefühl. „Wir dürfen uns auf keinen Fall verkaufen“, betont Güter Frey und hält auf der anderen Seite fest: „Traditionen, die sich nicht erneuern, verschwinden.“ Fazit eines intensiven Seminartages: Wir haben viel zu tun. Wir haben große Perspektiven. Wir werden die Sehnsucht Heimat weitertragen.

Beate Bentele

Der Huosigau

Zum Bayerischen Trachten­verband gehören derzeit 165.000 Erwachsene und über 100.000 Kinder und Jugendliche; ihm gehören 22 Gauverbände an. Die Region zwischen Ammersee und Lech, zwischen München und dem südlichen Bereich von Augsburg heißt Huosigau mit den 28 Trachten­vereinen Bernried, Breitbrunn, Dießen-St. Georgen, Eberfing, Erling-Andechs, Etting, Frieding, Geltendorf, Germering, Grafrath, Gröbenzell, Haunshofen, Mammendorf, Menzing, Merching, Olching, Peißenberg, Pöcking, Polling, Raisting, Schondorf, Starnberg, Steinebach, Utting, Weilheim, Wessobrunn, Wielenbach und Denver Colorado.

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