"Ihr Leiden ist Abschreckung genug!"

Ein Kreuz mit Blumen erinnert an der Straße nach Epfenhausen an den Unfalltod des 17-Jährigen. Foto: Osman

Das Leben schreibt die bittersten Geschichten. Ein junger Mann aus Kaufering rettet einem Freund nach einer Messerstecherei mit einer beherzten Erste-Hilfe-Aktion das Leben. Ein Jahr später verursacht er einen Verkehrsunfall, bei dem ausgerechnet dieser Freund zu Tode kommt. Wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Gefährdung des Straßenverkehrs stand der 19-Jährige jetzt vor dem Jugendschöffengericht Landsberg.

Vor Gericht wurde sehr schnell klar, dass der junge Mann unter den Geschehnissen vom 27. Juli vergangenen Jahres immer noch enorm leidet. Vollkommen blass und unter Tränen berichtete er stockend von dem tragischen Vorfall. Er hatte am Abend zuvor im Kauferinger Nachtclub „Schön&Wild“ seinen 19. Geburtstag gefeiert und ging geben halb vier Uhr morgens zu Fuß nach Hause. Das Auto ließ er immer stehen, wenn er Alkohol trank – etliche Biere waren es an diesem Abend. Wie viele, das konnte er Richter Alexander Kessler nicht mehr sagen. Gefahr Restalkohol Am nächsten Morgen, nach drei Stunden Schlaf, habe er sich „eigentlich ganz gut gefühlt“ und an den Restalkohol in seinem Körper – über 1,5 Promille, wie sich später herausstellte – gar nicht gedacht. Wie immer nahm er zwei gute Freunde, die wie er eine Ausbildung bei der Bundeswehr in Penzing machten, in seinem Auto mit – einen 17-Jährigen und einen 18-Jährigen, beide noch ohne Führerschein. Auf der Straße nach Epfenhausen verlor er in einer Linkskurve die Kontrolle über seinen Fiat und geriet ins Schleudern. Der Wagen prallte gegen ein entgegenkommendes Fahrzeug und dann mit dem Heck gegen ein zweites Auto. Der 17-Jährige, der nicht angeschnallt auf dem Rücksitz des Fiat saß, erlitt so schwere Verletzungen, dass er am nächsten Tag im Krankenhaus starb. Ein gutes Jahr vorher hatte der Unfallfahrer seinem Freund das Leben gerettet, als dieser bei einer Messerstecherei in der Kauferinger Kiesgrube einen tiefen Stich in den Oberschenkel bekam. Er band das Bein mit seinem Gürtel ab und verhinderte damit vermutlich, dass der Jugendliche an Ort und Stelle verblutete. Gebrochen Heute ist der 19-Jährige durch den Tod seines Freundes ein gebrochener Mensch. Nach dem Unfall zog er sich völlig zurück, mied den Kontakt mit anderen. Eine dringend benötigte Psychotherapie werde demnächst beginnen, erklärte Verteidiger Joachim Feller. Der Kauferinger möchte sich an den Grabpflegekosten beteiligen und bot den beiden anderen Fahrerinnen, die ebenfalls verletzt wurden, Schmerzensgeld an. Diese lehnten ab – beide hegen keinen Groll gegen den jungen Mann. „Er tut mir Leid. Mein eigener Sohn hatte an der gleichen Stelle auch schon einen Unfall. Er hatte Glück, dass ihm niemand entgegen kam und niemand mit im Auto saß“, erklärte eine der beiden, eine 49-Jährige aus Geretshausen. Der Unfallsachverständige Otto Geißhauser erklärte, der Angeklagte müsse mit einem Tempo zwischen 90 und 101 Stun­- denkilometern unterwegs gewesen sein – einer Geschwindigkeit, die die fragliche Kurve durchaus vertrage, vorausgesetzt der Fahrer sei konzentriert. Das Auto habe keine technischen Mängel gehabt. Eineinhalb Jahre Das Schöffengericht verurteilte den Angeklagten schließlich zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung. Der Führerschein, der nach dem Unfall eingezogen wurde, bleibt noch für weitere zwei Jahre und drei Monate weg. Außerdem muss der 19-Jährige 1500 Euro an ein Therapiezentrum für Verkehrsopfer zahlen. Im Falle eines Erwachsenen, so Richter Kessler, hätte man durchaus auch eine Vollzugsstrafe in Erwägung gezogen. „Aber wenn man Sie ins Gefängnis steckt, ist niemandem gedient“, so Kessler zu dem 19-Jährigen. „Ihr Leiden ist Abschreckung genug.“

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