IKG-Theater

Zeus hat entschieden

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Was würde eine moderne Medea tun? Na klar, vor Gericht gehen! Die Theatergruppe des IKG verhandelte Recht und Unrecht im Stadttheater Landsberg.

Landsberg – Ohne Rache keine griechischen Tragödien. Klytaimnestra ermordet ihren Mann Agamemnon, Odysseus richtet ein wahres Blutbad unter Penelopes Freiern an. Und natürlich Medea: Ihr Mann Jason verlässt sie wegen einer anderen, sie tötet seine Braut. Und weil das noch nicht genug ist, müssen zudem die Kinder dran glauben. Auch eine Art von Gerechtigkeit.

Heute sähe das wahrscheinlich anders aus. Und so tritt im Stück „Recht Un(d)Ordnung“ der Mittelstufen-Theatergruppe am Ignaz-Kögler-Gymnasium unter der Regie von Julia Andres schon am Anfang eine doppelte Medea auf. Die Klassische, die Braut und Kinder ermordet, und eine Neuzeitliche. Sie tötet nicht, sondern zieht vor Gericht. Doch ob das Urteil dort gerechter ist, bleibt fraglich.

Wie Statuen stehen die Schauspieler auf unterschiedlich hohen Säulen – sie sind, wie das ganze Bühnenbild, aus den mit Stoff verhüllten 400 Bierträgern gebaut. Auf zwei paralle­len Schauplätzen spielt sich das klassische Drama Medea in Kurzform ab, einmal alt, einmal neu. Untermalt werden die Verse durch Songs, denen die IKGler neue Texte verpasst haben. „Oh Medea, wir versteh‘n ja“ passt gut zum Refrain von Leonard Cohens „Hallelujah“ und „Lass es sein“ im Rhythmus der Beatles ist der wohlgemeinte Rat des griechischen Chors an die moderne Medea. Auch ganz konkrete Tipps gibt er ihr: „Zieht vor Gericht! Lasst ihn richtig bluten!“ Und seine Kinder? Die soll Jason nie wiedersehen.

Das Bühnenbild wandelt sich zu einem modernen Gerichtssaal. Rechts und links Kläger und Angeklagte, in der Mitte Richter samt Gerichtsschreiberin und Gerichtsdienerin. Frauen haben die Überhand. Auch bei den „Damen Geschworenen“. Und selbst wenn Jasons Anwalt denn Damen geschlechtlich bedingt Voreingenommenheit unterstellt, hilft das nicht. Er wird zu 3,5 Millionen Unterhalt pro Jahr verdonnert – „Zeus hat entschieden“, wie die Schauspieler zu Cat Stevens‘ „Morning has broken“ intonieren.

Bis hierher ist alles übersichtlich. Die Schauspieler blühen in ihren Rollen auf, der antike und moderne Chor unterstützt die Handlung, es herrscht Bewegung auf der Bühne. Doch dann wird es einerseits etwas starr, was das Optische angeht – bis zum Ende bleiben wir in diesem Gerichtssaal – , andererseits chaotisch, was die Handlung betrifft: Verschiedene Vergehen werden verhandelt, Diebstahl, Heiratsschwindel, Pfusch im OP, verschmutztes Wasser. Die Angeklagten wandeln sich vom Lebemann über einen angeblichen Arzt hin zum Bürgermeister, der Mädels zum Kreischen bringt. Rechts und links der Bühne steht der Zuschauer-Chor und redet über die Schuhe der Angeklagten. Und der Richter? Der ist irgendwann kein Richter mehr. Mit Perücken oder Zeitungshut stellen zwei Schauspielerinnen unterschiedliche Richterfiguren dar, die ihr Job entweder langweilt oder keine Ahnung haben.

Die Schauspieler sind gut, einige sogar sehr gut wie die zwei Richterinnen (Neele Lang und Marie Behles), Jason (Martha Koletzko), Medea (Verena Wessels) oder auch die Gerichtsschreiberin (Sarah Steinmeier). Das schlichte Bühnenbild aus Bierträgern ist genial und die Verteilung der Schauspieler auf das ganze Theater wirkt: Der Saal selbst wird zum Gericht.

Die Absicht hinter dem Stück, die willkürliche Gerechtigkeit, die eher von Situationen und Personen denn von der Sache abhängt, wird deutlich. Dennoch ist die zweite Hälfte des von Andres geschriebenen Stückes einen Tick zu chaotisch. Die tuschelnden Zuschauerchöre verhindern, dass man alles auf der Bühne versteht. Weshalb man gegen Ende des Stückes nicht nur wegen dem gewollten Chaos durcheinander ist.

Dennoch, eine tolle Leistung für ein Schülertheater, vor allem, da einige der 38 Beteiligten erst seit September dabei sind. Von Null auf Hundert in einem halben Jahr, das verdient Applaus. Und den spendete das Publikum im vollen Stadttheater ausgiebig.

Susanne Greiner

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