Ein Veto gegen den Englischen Rasen

In der Imkerschule Landsberg freut man sich über das "Jahr der Biene"

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Es wuselt: Cheffachberater der Imkerei Arno Bruder (rechts) prüft eines der 40 Bienenvölker der Imkerschule Landsberg. Sein „Räucherer“ ist Imkermeister Johannes Schütz.

Landsberg – „Das Jahr der Biene ist eine gute Sache – aber eigentlich 20 Jahre zu spät.“ Arno Bruder, Chef der Fachberatung für Imkerei des Bezirks Oberbayern, zieht einen Rahmen mit Bienenwaben aus der Kiste, in dem eines der rund 40 Bienenvölker der Schule lebt. Auf dem 6.000 Quadratmeter großen Gelände am Pulverturm finden die vom Bienensterben bedrohten Insekten alles, was sie brauchen: Die Wildwiese ist ein gelb-blau-weißes Blütenmeer, daneben knospen Obstbäume. Ganz im Gegensatz zum „Englischen Rasen“ vieler Vorgärten und den maschinenfreundlichen Feldfluren der Landwirtschaft. Denn da wächst nichts mehr, was die Biene braucht.

Das Jahr der Biene mache der Bevölkerung das Bienen- und all­gemeine Insektensterben bewusster, ist Bruder überzeugt. Die Bienen sterben ja nicht erst seit gestern, sondern schon seit Anfang der 90er. „Es ist eine gute Sache, weil so auch die Politik mit einbezogen wird.“ Landsberg Stadt und auch der Landkreis seien im Vergleich zu anderen gebieten „Leuchtregionen“. Da werde schon einiges gemacht. Aber die Straßenbauämter und Bauhöfe könnten „noch sensibler und bewusster mit dem Thema umgehen“, meint Bruder. Bei öffentlichen Grünflächen, wie zum Beispiel Randstreifen, sieht er „viel Unsinn, vom Fachlichen angefangen bis hin zu Totalrodungen“. Viele seien eben immer noch nicht richtig informiert. Zudem solle man mehr Grünanlagen der Stadt wild wachsen lassen: „Die Protestanrufer muss man dann eben hinnehmen.“

Am Anfang stand die Varroa­milbe. Sie sorgte zu Beginn des neuen Jahrtausends für ein erstes Aufschrecken angesichts des Bienensterbens. Dazu kam das reduzierte Nahrungsangebot. Aber auch die Insektengifte machen den Bienen zu schaffen. Ganz besonders die Gruppe der oft verwendeten Neonicotinoide: „Die zählen zu den stärksten Giften, die wir in der Umwelt haben“, ist Bruder überzeugt: „7.000 Mal stärker als das Insektizid DDT.“ Neonicotinoide töten die Bienen nicht sofort, haben aber großen Einfluss auf die Wärmeregulierung im Volk. Die Orientierung wird erschwert. Und das Sozialverhalten beeinträchtigt: Die Bienen können nicht mehr richtig „tanzen“ – Missverständnisse vorprogrammiert. Zudem macht der Stoff süchtig – ist eben Nikotin. Deshalb fliegen die Bienen immer wieder zu diesen Pflanzen.

Auch das Insektenproblem am Ammersee sei hausgemacht, meint Bruder: „Das ist eine jahrzehntelang verfehlte Landschaftsideologie. Was es braucht, sind mehr Kröten und Vögel. Nicht die Firma Bayer. Und wer bei offenem Fenster schlafen will, soll sich ein Moskitonetz aufhängen.“

Damit Bruder ungehindert Rahmen um Rahmen herausziehen kann, um ein Bienenvolk zu kontrollieren, wird geräuchert. Das übernimmt Imkermeister der Schule Johannes Schütz mit einem Smoker. Seit das Thema Bienensterben in aller Munde ist, sei ein gewisser „Bienenhype“ zu erleben, erzählt er: „Im Moment haben wir bei unseren Anfängerkursen rund 200 Teilnehmer.“ Als er angefangen habe, seien es gerade mal 25 gewesen, schmunzelt Bruder. Dabei sieht er den Hype mit gemischten Gefühlen: Denn er erlebe oft, dass sich Freizeitimker überschätzen – und die Völker nach wenigen Wochen wieder zurückgeben. „Dann merken sie, dass das ja doch Arbeit macht.“

Denn ein Bienenvolk will betreut werden: „Alle sieben bis 14 Tage sollte man schon mal nachschauen“, empfiehlt Imkermeister Schütz. Wer anfängt, legt sich am besten drei bis fünf Völker zu. Ein Volk koste 150 bis 200 Euro. „Mit Zubehör kommt man schon auf rund 3.000 Euro.“ Den Einstieg ins Imkerleben sollte man sich also gut überlegen. „Aber ab dem fünften oder sechsten Volk kann man sein Hobby finanzieren“, beruhigt Schütz. Durch den geernteten Honig und das hergestellte Wachs. Aber das macht eben auch Arbeit. Lernen, wie es geht, kann man in den Kursen der Imkerschule. Auch für Honig- und Wachsherstellung stehen dort Geräte zur Verfügung.

In Landsberg wird zudem Propolis gesammelt, Gelee Royal für die Königinnenaufzucht. Und Pollen für die Blütenstauballergiker, zur Abhärtung. Neu sei, Allergiker die ätherischen Öle in einem Bienenstock einatmen zu lassen, erzählt Bruder. Wichtig für eine solche Allergiebehandlung sei natürlich, dass der Pollen von heimischen Pflanzen stamme. Viele Imker hätten sich inzwischen auf Pollen spezialisiert. Der sei mit 50 Euro pro Kilo relativ gut bezahlt, erzählt Bruder. Und ein Bienenvolk schaffe am Tag immerhin knapp 200 Gramm.

In der Landwirtschaft wäre ein Paradigmenwechsel notwendig, ist Bruder überzeugt. Mehr nachwachsende Rohstoffe, mehr Vielfalt. Eine Änderung in der EU-Förderung. Auch würde Bruder gerne mehr Heckenbepflanzungen sehen – trotz Hindernis für Maschinen. Diese Lebensräume für Insekten, Reptilien und Vögel böten ja auch Wind- und somit Erosionsschutz.

Und privat? Natürlich Wildblumen säen, Insektenhotels aufstellen, nicht jedes Loch in der Mauer zukleistern. „Für die Samen und die Insektenhotels sollte man sich beraten lassen. So ein Hotel aus dem Supermarkt bringt oft nichts“, empfiehlt Bruder. Es gelte es vor allem, auf „heimische Pflanzen und eine Blütenvielfalt von Frühjahr bis in den Herbst zu achten“. Einfach eine Ecke „ein bisschen der Wildnis überlassen“. Und nicht jede Blume müsse für Honigbienen geeignet sein. Andere Insekten wie Hummeln oder Wildbienen bevorzugten andere Blüten.

Am besten sei, bei einem Bauer, der noch Heu einlagere, im Frühjahr auf die Tenne zu gehen, „den Kehrauf einsammeln und auf der Wiese verstreuen“. Und sich dann freuen an Buschwind­röschen, Löwenzahn, Kornblumen, Disteln und Mohn. Und wer keinen Garten hat? Da empfiehlt Schütz Kräuter für den Balkonkasten. Die dann natürlich auch mal bis zur Blüte kommen sollten. Man könne auch mal eine Zwiebel blühen lassen. Wildblumen in Töpfen. Alles drin. Nur eines mag Schütz nicht: „Bitte nicht die Monokultur aus oberbayerischen Geranien.“ 

Susanne Greiner

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