Wer darf nachrücken? Und wer entscheidet das?

Impfen in Penzing und das Prioritäten-Problem

Impfzentrum Penzing Fliegerhorst
+
Wer bekommt wann die Impfung? Die Priorisierung ist problematisch.
  • Susanne Greiner
    vonSusanne Greiner
    schließen

Landkreis – Die große Quizfragen: Wer wird wann geimpft? Wer darf nachrücken, wenn Impfstoff am Ende des Tages übrig ist? Und wer entscheidet über das Nachrück-Privileg? Inzwischen sind auch Mitarbeiter in Kitas und Lehrer in die Gruppe mit ‚hoher Priorität‘ aufgestiegen‘ und werden so schnell wie möglich mit dem Impfstoff AstraZeneca versorgt. Doch diese Priorisierung erscheint manchen nicht gerechtfertigt.

Lehrkräfte und Personal in Kita und Co. haben keine Wahl: Ihnen ist der Kontakt zu vielen Personen durch die Öffnung der Schulen und Kitas sozusagen staatlich verordnet. Eine Person, die aufgrund einer Krankheit (und nicht aufgrund ihres Berufes) in der Gruppe mit ‚hoher Priorität‘ ist, kann hingegen Kontakte reduzieren. Allerdings ist bei ihr ein schwerer Verlauf von COVID-19 weitaus wahrscheinlicher als im allgemeinen bei (jüngeren) Lehrkräften und Kita-Personal. Werden diese nun bevorzugt geimpft, verschiebt sich die Priorisierung: von dem bisherigen Schutz der Gefährdetsten auf den Schutz derer, die die meisten Kontakte haben (müssen).

Für Gesundheitsminister Jens Spahn kein Problem: Seiner Ansicht nach sollte genug Impfstoff vorhanden sein, um ‚zusätzliche Gruppen‘ in der ‚hohen Priorität‘ zu impfen. Es geht aber nicht nur um den Impfstoff, sondern auch um die Infrastruktur. Inwiefern Lehrkräfte und Kita-Personal anderen vorgezogen werden – zum Beispiel auch Physiotherapeuten, die oft mit älteren Menschen sehr engen Kontakt haben –, ist bisher nicht klar.

Um zumindest eine mögliche Impfstoff-Engstelle zu umgehen, sollen Lehrkräfte und Kita-Personal vorrangig mit dem Impfstoff von AstraZeneca geimpft werden, der laut Empfehlung der Ständigen Impfkommission nur Personen unter 65 Jahren verabreicht werden soll. Da momentan noch die Personen mit höchster Priorität (über 80-Jährige) geimpft werden, kann AstraZeneca in dieser Gruppe nur eingeschränkt, zum Beispiel für Personal in Heimen oder auf Intensivstationen, eingesetzt werden. Bleibt etwas übrig, kann das auch an Personen der Gruppe 2 verabreicht werden. Aber erst, wenn die Personen der Gruppe 1, „für die die Impfung mit AstraZeneca in Betracht kommt, ein Impfangebot erhalten haben“, informiert das Bayerische Gesundheitsministerium.

Wer nicht mit einer AstraZeneca-Impfung einverstanden ist, kann sie ablehnen. Man muss dann aber laut Bundesgesundheitsministerium einen neuen Impftermin vereinbaren – und hat keine Gewissheit, welcher Impfstoff es dann wird.

Impfstart für Lehrer

Man habe bereits mit Grund- und Förderschulen sowie Kitas Kontakt aufgenommen, informiert Landratsamtssprecher Wolfgang Müller. Diese sollen Listen mit Impfwilligen erstellen, gemäß denen die Termine im Impfzentrum vereinbart werden. Der Impfstart ist noch nicht klar.

Zudem werden im Impfzentrum des Landkreises laut Informationen von Mitarbeitern auch Bewohner und Mitarbeiter von beispielsweise Behinderten-Einrichtungen, also aus der zweiten Priorisierungs-Gruppe, geimpft: Jüngere mit AstraZeneca, ältere mit Biontech/Pfizer. Weiterhin verimpfe man AstraZeneca auch an das Personal in Arztpraxen, sagt Anna Diem von der Landratsamt-Pressestelle.

Bei der Vergabe von AstraZeneca an Personen aus der zweiten Gruppe ‚Hohe Priorität‘ scheint also generell die Anzahl der ‚unausweichlichen‘ Kontakte ausschlaggebend. Ein Mensch, der auch in dieser Gruppe ist – ein 57-Jähriger, bei dem vor drei Jahren ein bösartiger Tumor entdeckt wurde –, wird eventuell später geimpft, ein schwerer Krankheitsverlauf hingenommen.

Aber wer trifft diese Entscheidungen? Und das nicht nur in Bezug auf den Impfstoff AstraZeneca, sondern auch auf Biontech/Pfizer-Impfdosen, die ‚übrig‘ sind und mangels Haltbarkeit schnellstens verimpft werden müssen.

Die generelle Reihenfolge für Impftermine ‚im Normalfall‘ (also nicht bei den ‚Resten‘) setzt laut Müller das zentrale bayerische Registrierungsportal BayIMCO mittels automatisierter Terminvergabe. Dort gebe man die Daten der Impfwilligen ein, egal ob online, telefonisch oder postalisch angemeldet.

Wer darf nachrücken?

Auf die Frage nach einer offiziellen Regelung, wie mit übrigen Impfdosen zu verfahren ist, antwortet Müller, es gebe keine. Sollten Impfdosen übrig sein, verimpfe man die in Penzing „sofort an Polizei, CCT Team, Testzentrum, Impfzentrum, Gesundheitsamt, Rettungsdienst, mobile Impfteams“ und Ähnliche. Aus diesem Personenkreis sei immer schnell jemand zu finden.

Eine offizielle Regelung für die Verwendung der Impfreste gibt es aber doch. Die Impfzentren „wurden dazu aufgefordert, eine Reserveplanung vorzunehmen“, informiert eine Sprecherin des Bayerischen Gesundheitsministeriums auf Anfrage des KREISBOTEN. Eine Planung, deren „oberste Prämisse ist, dass keine Impfdose verworfen werden muss“. Die Reihenfolge bei dieser Reserveplanung ist nicht beliebig: Bleibt Impfstoff übrig und muss verwertet werden, „sollen zuerst nur Personen aus der am höchsten priorisierten Gruppe“ geimpft werden, betont die Ministeriumssprecherin. Und erst, „wenn das nicht möglich ist“, Personen aus der nächsthöheren Priorisierungsgruppe. Ist ‚Stoff‘ übrig, müsste das Impfzentrum also jemanden aus Gruppe 1, beispielsweise einen 82-Jährigen, der bisher keinen Termin oder auch einen erst im Mai hat, kontaktieren und fragen, ob er die Lücke wahrnehmen will.

Das ist aufwendig. Und offen­sichtlich vom Impfzentrum in Penzing nicht zu stemmen. So hat ein schwerkranker Mann mit ‚hoher Priorität‘ (Gruppe 2), der offiziell noch nicht ‚dran ist‘ und deswegen um einen Impftermin als Nachrücker gebeten hatte, die Antwort erhalten: „Eine Nachrückerliste können wir aufgrund der hohen Anfrage leider nicht koordinieren.“

Da fehlt Personal. Aber ist das ein hinreichender Grund, um die geforderte Nachrücker-Rege­lung erst gar nicht in Angriff zu nehmen, sondern gleich auf die zurückzugreifen, die „einfacher und schneller“ zu erreichen sind? Möglichen Aushilfen könnte man ja auch eine frühzeitigere Impfung versprechen. Sie wären ja Mitarbeiter des Impfzentrums – und somit laut Impfverordnung der Bundesregierung Mitglieder der Gruppe ‚höchste Priorität‘.

Bei der Priorisierung in Bayern schaltet sich nun der Staat ein. Seit dieser Woche arbeitet die Bayerische Impfkommission. Sie entscheidet nach Antrag über einen vorgezogenen Impftermin bei Härtefällen.
Susanne Greiner

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

»Es ist schon sehr pittoresk in Landsberg!«
»Es ist schon sehr pittoresk in Landsberg!«
Corona im Landkreis Landsberg: wieder Richtung 100
Corona im Landkreis Landsberg: wieder Richtung 100
Debarking im Kauferinger FutureForest: fast wie Spargelschälen
Debarking im Kauferinger FutureForest: fast wie Spargelschälen
Wo im Landkreis Landsberg morgen geblitzt wird
Wo im Landkreis Landsberg morgen geblitzt wird

Kommentare