Dilemma Schulbegleiter

Inklusionsausschuss diskutiert über Schulbegleiter: Runder Tisch wird gewünscht

+
Um das Thema Schulbegleiter drehte sich die letzte Sitzung des Inklusionsausschusses im Landkreis Landsberg.

Landkreis – „Wir werden heute das Rad nicht neu erfinden“, mahnt Landrat Thomas Eichinger gleich zu Beginn der Sitzung des Inklusionsausschusses diese Woche. Das Thema: Schulbegleiter für die laut Gesetzgebung zu ermöglichende Einschulung seelisch behinderter Kinder an Regelschulen und die dafür immer weiter steigenden Kosten. Dennoch sei es wichtig, die Diskussion nicht verebben zu lassen. Denn trotz aller Meinungsverschiedenheiten habe man doch das Kindeswohl „als verbindendes Element“.

2011 seien es sieben Schulbegleiter gewesen, berichtet Jugendamtsleiter Peter Rasch. „Jetzt liegen wir jenseits der 40.“ Der Landkreis sei damit schon seit Jahren auf den obersten drei Plätzen in ganz Bayern zu finden, im Moment auf Platz 70 von insgesamt 71 Landkreisen. Zudem habe er etliche Anträge auf dem Tisch, die sehr wahrscheinlich positiv beschieden würden – so wie die bisherigen Anträge ausnahmslos auch, sagt Rasch. „Ob mir das gefällt, ist nicht die Frage.“ Denn es handle sich hier um einen Individualanspruch der Eltern, die auch die Anträge stellen. Ob ein Kind einen Schulbegleiter zum Besuch der Regelschule benötigt, wird per Direktkontrolle entschieden: Ein Jugendamtsmitarbeiter hospitiert im Unterricht.

Allerdings gebe es einige Probleme. Denn grundsätzlich sieht Rasch diese Aufgabe bei den Schulen und somit beim Kultusministerium. Gesetzlich fallen die Kinder mit seelischen Beeinträchtigungen wie ADHS jedoch in den Zuständigkeitsbereich des Landkreises. Körperlich und geistig behinderte Kinder hingegen werden vom Bezirk gefördert. Schulbegleiter empfinde er als Notbehelf, sagt Rasch: „So kann man nicht vernünftig und dauerhaft integrieren.“ Aber sie seien die bisher einzige Maßnahme.

Der Begleiter bleibe meistens ein „Fremdkörper“ in der Klasse, da er anderen Kindern nicht helfen dürfe. Der Besuch der Lehrertoilette sowie des Lehrerzimmers sei ihm nicht erlaubt. Auch einen Streit könne er rechtlich gesehen nicht schlichten. „Der Begleiter hat seine Aufgabe, in der Schule aber keine Rechte. Er darf die anderen Kinder nicht ‚erziehen‘.“ Dies seien ungenutzte Ressourcen. Auch dass die Beantragung für einen Schulbegleiter immer pro Schuljahr erfolge, sei ungünstig: Verträge könnten damit nicht beendet werden, wenn die Notwendigkeit wegfällt. Ebenso könne man den Begleitern aber auch keine langfristigen Verträge ermöglichen.

Weiterhin erfahre das Kind durch „seinen“ Schulbegleiter eine Stigmatisierung. Anders wäre es, wenn vonseiten der Schule eine zweite Lehrkraft eingestellt werden könnte. Also wieder das Problem mit der Zuständigkeit Landkreis/Bezirk, weshalb Rasch empfiehlt, die Vertreter im Land- und Bundestag mit dem Thema zu konfrontieren. „Man sollte die Helfer in die Verantwortung der Schule stellen. Der Rückgriff auf das Jugendamt ist ein Systembruch.“

Im Team funktioniert‘s

Zur Sitzung waren auch mehrere Mitarbeiter der Einrichtungen geladen, die mit Schulbegleitern zu tun haben. So auch Judith Lang vom Montessori-Förderverein Kaufering. In der Privatschule funktioniere das System Schulbegleiter gut. Im Moment gebe es acht – die allerdings von der Schule angestellt und somit Teil des Teams seien. „Sonst wäre es ja keine Inklusion.“

Stefanie Maier von der Lebenshilfe Landsberg berichtete, dass die Institution im Moment 40 Schulbegleiter stelle und auch durch regelmäßige Schulungen fortbilde – denn Fortbildung sei einer der wichtigsten Aspekte, da die Begleiter nicht ausgebildete Sonderpädagogen sind. Sie halte das Modell für angemessen: „Über 80 Prozent der Maßnahmen sind erfolgreich.“ Das Hauptfeld der Störungen liege dabei im Austismus-Spektrum. Der Schulbegleiter sei zwar für das einzelne Kind da, „das geht, aber nur als Teil der Klasse“. Sie wünsche sich in den Schulen eine weitaus höhere Zahl von Sonderpädagogen. Und als Ideal sehe sie einen Pool von Schulbegleitern an jeder Schule, die variabel einsetzbar sind.

Christine Gramolla-Ferstl, Mitarbeiterin im Sonderpädagogischen Förderzentrum Landsberg, kennt Schulbegleiter auch: „Wir haben im Moment neun an unserer Schule, wobei acht davon vom Jugendamt finanziert sind.“ Sie wünsche sich mehr Beratung, sowohl für die Eltern als auch für die Begleiter.

„Das System ist nicht rund“, urteilte Hans-Peter Bichler von den Offenen Hilfen Regens Wagner. Natürlich könne es nicht sinnvoll sein, wenn für drei Kinder drei Erwachsene in einer Klasse säßen. Seit jedes Kind das Recht auf den Besuch einer Regelschule habe, seien zudem die Förderschulen in Misskredit geraten: „Die Eltern sehen nicht mehr die Möglichkeiten, die eine Förderschule im Gegensatz zur Regelschule hat.“ Eine anwesende Mutter, deren Kind auf der Förderschule ist, stimmte zu: „Ich höre so oft von Eltern den Satz: ‚Was bin ich froh, diese Schule gefunden zu haben.‘“

Sie selbst fühlten sich überfordert, da sie in der Begleitung nicht geschult seien, so Bichler. „Schulbegleiter sind ein Hilfskonstrukt, aber keine Garantie für Inklusion.“ Die Zuständigkeit müsse ans Kultusministerium übergehen. In den Zuständigkeits-Kanon reihte sich auch die Rektorin der Grundschule Kaufering Henriette Beltz ein: „Eine Änderung ist notwendig, sonst ist das System nicht zu retten.“

Ein Runder Tisch

Kreisrat und Lehrer Axel Flörke (FLO) fasste die Ergebnisse abschließend zusammen: Es gelte, das Thema an Bundestags- und Landtagsabgeordnete weiterzuleiten. Zudem sehe er den Bedarf, auch Eltern, Lehrer und vor allem Schulleiter zu einem ‚Runden Tisch‘ einzuladen. Es gelte, einen Kompromiss vor Ort zu finden. Und dabei könne die Montessori-Schule als praktisches Beispiel dienen. Landrat Eichinger bat, auch die Kommunalpolitiker einzubeziehen. Es solle zudem geklärt werden, warum die Situation gerade im Landkreis so gespannt sei. „Was machen denn die 69 anderen Landkreise anders?“

Susanne Greiner

Auch interessant

Meistgelesen

Wenn die Schaukelei vor dem Gericht endet
Wenn die Schaukelei vor dem Gericht endet
Gewinnen Sie 6 Tage zu zweit im 4*S Verwöhnhotel am Achensee
Gewinnen Sie 6 Tage zu zweit im 4*S Verwöhnhotel am Achensee
35-Jähriger terrorisiert zwei Jugendliche: drei Jahre Gefängnis
35-Jähriger terrorisiert zwei Jugendliche: drei Jahre Gefängnis
Kulturförderpreis Landsberg – ein Abend der Höhepunkte
Kulturförderpreis Landsberg – ein Abend der Höhepunkte

Kommentare