Die Integrationsbeauftragte des Landkreises Landsberg

Integration ist ein Thema für alle

Susanne Taryne ist die Integrationsbeauftragte des Landkreises Landsberg.
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Susanne Taryne ist die Integrationsbeauftragte des Landkreises Landsberg.
  • vonAndrea Schmelzle
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Landkreis – Damit sich Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen nach Deutsch­land gekommen sind,  als Mitbürger fühlen können, kommt der Integration eine große Bedeutung zu – auch für den Landkreis Landsberg. Das ist der Grund, warum die bisher befristete kommunale Stelle der Integrationsbeauftragten laut einstimmigem Beschluss im Kreisausschuss als „unbefristet“ umgewandelt wird. Seit zwei Jahren ist es Susanne Taryne, die die Integration im Landkreis auf allen Ebenen vorantreibt. Der KREISBOTE hat mit ihr über ihr vielfältiges Aufgabengebiet gesprochen. 

Frau Taryne, wie sieht die Situation der Zugewanderten im Landkreis derzeit aus?

Taryne: „Derzeit leben im Landkreis von mehr als 11.500 Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft über 8.600 Personen aus der EU und euro­päischen Drittstaaten, etwa der Türkei, Serbien oder Bosnien-­Herzegoniwa. Sie machen über 70 Prozent der Migranten im Landkreis aus. Die größte Bevölkerungsgruppe dabei: die Rumänen, relativ dicht gefolgt von Kroaten und Türken. Geflüchtete machen nicht mal zehn Prozent des Gesamtmigrationsanteils aus. Davon wiederum kommen 14 Prozent aus Asien, vorrangig Syrien und Afghanistan, und neun Prozent aus Afrika. Bei den Zugewanderten geht es also – anders als man es vielleicht wahrnimmt – nicht nur um Geflüchtete.“

Wie kommt es zu der ‚verschobenen‘ Wahrnehmung?

Taryne: „Das Kuriose ist: Die EU-Ausländer oder auch die Zugewanderten aus europäischen Drittländern ‚verschwinden‘. Sie leben hier, arbeiten hier, sind damit nicht mehr ‚sichtbar‘. Wir haben keinen Zugang zu ihnen. Sichtbar werden sie erst, wenn Probleme auftauchen. Und das ist hauptsächlich in Zusammenhang mit Kindern der Fall, da gibt es oft sprachliche Probleme oder Verständigungsschwierigkeiten. Selbst wenn die Kinder relativ gut deutsch sprechen, sind es häufig immer noch die Eltern, die nicht zum Elternabend kommen oder nicht an öffentlichen Gesprächen teilnehmen. Das ist kulturell bedingt und geht über die Sprachproblematik hinaus.“

Welche Aufgaben haben Sie als Integrationsbeauftragte inne?

Taryne: „Meine Aufgabe ist, die Situation von Zugewanderten im Landkreis zu verbessern. Unterstützung zu leisten bei wichtigen akuten Themen wie Sprache, Wohnen und Beruf, aber auch im Bereich der sozialen und kulturellen Integration. Durch Aktionen und Veranstaltungen möchten wir ein Zusammentreffen der verschiedenen Kulturen und der einheimischen Bevölkerung ermöglichen und damit das gegenseitige Verständnis und Zusammenleben fördern.“

Wie setzen Sie Ihre Aufgaben um?

Taryne: „Zunächst geht es um die Bedarfsermittlung – zum Teil direkt vor Ort, auch in den Unterkünften. Danach entwickle ich Strukturen und Strategien, wie die Probleme konkret gelöst werden können. Dabei kommt es mir zugute, dass ich zuvor schon als Integrationsbeauftragte für den Markt Kaufering gearbeitet habe. Ich weiß also, wie es an der Basis aussieht. Das erleichtert mir meine Arbeit.“

Welche Rolle spielt dabei die Netzwerkarbeit?

Taryne: „Eine Vernetzung mit den verschiedensten internen und externen Fachkräften, Verbänden und Organisationen ist immens wichtig. Zum Beispiel habe ich die Organisation ‚Gemeinsam Brücken bauen‘ an der Hand, deren Mitarbeiter direkt in die Unterkünfte gehen und versuchen, hier Werte zu vermitteln, Möglichkeiten der Freizeitbeschäftigung oder auch des miteinander Umgehens aufzuzeigen. Jedes Zusammenwirken verzahnt sich, ein Arbeitsfeld erwächst aus dem anderen.“

Sie spannen also die Fäden?

Taryne: „Ja, das könnte man so sagen. Ich bin Ansprechpartner für die Integrationsberater oder Unternehmen. Case Management mache ich so gut wie gar nicht. Jedoch bin ich auch immer wieder selbst mit vor Ort, um zu schauen, was notwendig ist. Und stets im Austausch mit denen, die an der Basis arbeiten – den Flüchtlings- und Integrationsberatern oder den Mitarbeitern der Freien Wohlfahrtsverbände.“

Können Sie Beispiele für ‚Maßnahmen‘ der Integration nennen?

Taryne: „Ein Beispiel ist das Projekt „Integrationskoffer“ – Workshops für Menschen, die andere in ihrer Integration unterstützen, also Institutionen wie Kitas, Ehren- und Hauptamtliche. Aber auch für Personen, die Probleme mit ihrer eigenen Integration haben. Es geht darum, kulturelle Unterschiede in Kommunikation und Verhalten kennenzulernen. Jeder Teilnehmer erhält am Ende den Koffer mit Infomaterial , als Nachschlagewerk. Gerade bereite ich zudem ein ‚Speed-Dating‘ mit interessierten Arbeitgebern und potenziellen Arbeitnehmern vor, die bei uns gemeldet sind und einen Flüchtlingshintergrund haben. Zudem stehen wir mit einem Projekt in Kooperation mit Hilti und der Volkshochschule Kaufering in den Startlöchern. Hier geht es um die Begleitung beim Deutschlernen für Menschen in Unterkünften.Corona hat bei vielen Aktionen jedoch den Start verhindert. Es ist gerade nicht leicht, immer wieder zu planen und dann alles umschmeißen zu müssen.“

Auf welcher Migrationsgruppe liegt der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Taryne: „Ich versuche, alle Bürger mit Migrationshintergrund einzubeziehen. Integration ist ein Thema für alle, jeder bringt seine Kultur mit. Aber es ist ein Unterschied, ob jemand in einer Unterkunft wohnt und sich noch im Verfahren befindet oder schon anerkannt ist und arbeiten kann. In den Unterkünften leben die Menschen in ganz anderen Wohnverhältnissen. Themen wie Langeweile, Alkoholkonsum und Kriminalität kommen hier stärker auf. Ich versuche, auf allen Ebenen unterwegs zu sein. Dazu zählt auch die Perspektive: Heimat. Ein Aspekt meiner Arbeit ist daher die Beratung zur freiwilligen Rückkehr. Hier arbeite ich mit verschiedensten Organisationen zusammen. Wir informieren über Möglichkeiten der medizinischen, finanziellen und mentalen Unterstützung. Es ist wichtig, dass die Menschen eine Perspektive haben, in Würde nach Hause zurückkehren zu können.“

Worin liegt Ihre Motivation?

Taryne: „Als gelernte Fachwirtin für Sozial- und Gesundheitswesen habe ich immer auch die wirtschaftliche Ausrichtung im Blick. Mit ‚Gutmenschsein‘ allein kommen wir nicht weiter, wir müssen alle Facetten betrachten. Wenn wir die Situation zum Positiven ändern können, profitiert auch die aufnehmende Gesellschaft davon. Die Menschen bringen schließlich auch etwas mit aus ihrer Kultur, von dem wir lernen können. Wir als aufnehmende Gemeinde sollten versuchen, gut miteinander umzugehen – nicht nebeneinander her zu leben. Inklusion statt Multikulti.“

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