Interview mit Dr. Alexander Schnelke

Über die Arbeit auf der COVID-Intensivstation im Klinikum Landsberg

Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin Dr. Alexander Schnelke
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Dr. Alexander Schnelke ist normalerweise Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin, vertritt aber momentan den Ärztlichen Direktor Dr. Hubert Meyrl.

Landkreis – Das Klinikum Landsberg ist ‚Corona-Klinik‘: Es stellt einen höheren Anteil von Kapazitäten für COVID-19-Patienten zur Verfügung als vergleichbare Kliniken. Momentan sind über 20 COVID-19-Patienten dort, einige davon auch auf der COVID-Intensivstation. Wie die Arbeit auf dieser Station ist, wie Ärzte, Pflegekräfte und Patienten mit Stress und Angst umgehen und was es zu der ‚Corona-Impfung‘ zu wissen gilt – der KREISBOTE hat darüber mit Dr. Alexander Schnelke gesprochen, der momentan den Ärztlichen Direktor Dr. Hubert Meyrl vertritt.

Dr. Schnelke, wie ist die Arbeit momentan auf der COVID-Intensivstation?

Dr. Alexander Schnelke: „Anstrengend.“

Was genau ist anstrengend?

Schnelke: „Ein Großteil der Patienten dort wird invasiv beatmet. Sie müssen regelmäßig gewendet werden, um die Lunge zu belüften. Das ist einerseits für die Pflegekräfte körperlich äußerst anstrengend. Es gibt aber auch einen psychischen Aspekt. Wenn Sie es mit Patienten zu tun haben, die vielleicht genauso alt sind wie Sie selbst. Die keine Vorerkrankungen haben und denen es dennoch schlecht geht, ist das sehr belastend. Auch, weil wir immer noch nicht wissen, weshalb der eine nur einen leichten Schnupfen hat, der andere aber an der Krankheit stirbt.“

Wie gehen Ärzte und Pflegekräfte mit dieser Belastung um?

Schnelke: „Das ist unterschiedlich. Der eine braucht das, der andere jenes, ein Dritter kommt vielleicht alleine damit zurecht. Wir hatten eine Gesprächsgruppe initiiert, die haben einige besucht. Und zwei Psychologinnen bieten jetzt jeden Tag drei Stunden Gesprächszeiten für das Personal an. Das nehmen auch einige wahr. Die Pflegekräfte sind da sicher am stärksten belastet. Aber ich habe den Eindruck, dass sie hier am Klinikum ganz gut damit zurechtkommen. Vielleicht auch, weil sie jetzt gerade ein bisschen durchatmen können. Wir kennen die Krankheit aber auch ein bisschen besser.“

Wie ist es, wenn man für einen Patienten nichts mehr tun kann als warten?

Schnelke: „Es ist nicht einfach, wenn man nur unterstützen kann und warten muss, dass der Patient von alleine gesund wird. Aber das ist in der Medizin leider nicht so selten, das gibt es auch bei anderen Krankheiten.“

Wenn man an COVID-19 leidet, ab wann sollte man in die Klinik kommen?

Schnelke: „Da sollte der Hausarzt ganz dicht mit dran sein, entscheiden, inwieweit man ambulant behandeln kann oder wann der Gang in die Klinik notwendig ist. Wenn Sie Probleme beim Atmen haben, sollten Sie auf jeden Fall in die Klinik kommen. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen jetzt rechtzeitiger in die Klinik kommen. Da können wir dann auch versuchen, mit nichtinvasiver Beatmung zu behandeln. In der ersten Welle im März ist es auch passiert, dass ein Mensch mit COVID-19 in die Klinik kam und nahezu sofort auf der Intensivstation landete.“

Wie lange werden Patienten im Durchschnitt invasiv beatmet?

Schnelke: „Im Moment teilweise wochenlang. Länger als im Frühjahr. Warum das so ist, wissen wir nicht. Da baut der Körper natürlich schon ab. Nach so einer Behandlung sind Sie nicht mehr derselbe.“

Wie kann man Patienten, die Angst vor dieser Beatmung haben, helfen?

Schnelke: „Manchmal ist das mit Gesprächen möglich. Wenn das nicht ausreicht, geben wir auch Medikamente, Angstlöser.“

Der neue mRNA-Impfstoff (messenger RNA, Boten-RNA) wird bereits verwendet. Wie funktioniert er?

Schnelke: „Diese Impftechnik mittels mRNA ist tatsächlich total neu, das gab es vorher nur in Afrika, als gegen Ebola geimpft wurde. Bei dieser Impfung wird weder ein lebender Erreger wie bei Masern noch ein toter Erreger wie bei Hepatitis A verwendet. Nur ein Teil des Virusbauplans wird mittels RNA verimpft. Der Körper arbeitet diesen Teilbauplan ab und bildet sozusagen einen Zacken, ein Spike des Virus nach. Und gegen das entwickelt man dann Antikörper.“

Was sagen Sie zu der doch überaus schnellen Zulassung des Impfstoffes von Biontech/Pfizer?

Schnelke: „Normalerweise dauert die Entwicklung so eines Stoffes schon acht bis zehn Jahre. Ein Jahr wie jetzt, das ist irre schnell. Natürlich ist die Menge der Erfahrungen da eine weitaus geringere. Der Stoff wurde in Phase drei an mehreren 10.000 Menschen getestet. Details dazu kann man in einem Artikel im „New England Journal of Medicine“ nachlesen. Sicherlich sind dabei noch nicht alle Risikoprofile und Eventualitäten abgedeckt. Kinder unter 16 Jahren wurden übrigens gar nicht getestet.“

Welche Nebenwirkungen oder gar Impfschäden gibt es bisher?

Schnelke: „Die, die es auch bei jeder anderen Impfung gibt, also vor allem länger anhaltende Schmerzen oder eine Entzündung an der Einstichstelle. In den bisherigen Berichten über die Impfungen erwähnen 30 bis 60 Prozent der Geimpften Abgeschlagenheit, Frösteln oder auch leichtes Fieber. Wirkliche ‚Impfschäden‘ gibt es meiner Ansicht nach extrem selten. Einige ganz wenige Patienten reagieren auf eine Impfung extrem, das wissen wir. Aber in der Medizin ist nichts so positiv besetzt wie das Impfen, das ist tatsächlich das Nonplusultra. Ob dieser mRNA-Impfstoff noch andere Nebenwirkungen hat, das können wir wirklich sicher erst in einigen Jahren sagen.“

Wer sollte bei der Impfung eher vorsichtig sein?

Schnelke: „Menschen, die schwere allergische Reaktionen hatten, nicht nur auf Pollen, sondern auch auf Fisch oder Erdnüsse, egal was. Sie sollten vorher ausführlich mit dem Impfarzt sprechen und nach der Impfung auch länger überwacht werden.

Was raten Sie Menschen, die Angst vor dieser Impfung haben?

Schnelke: „Impfen ist generell eine gute Sache. Wer Angst hat, soll sich vielleicht nicht in die erste Reihe stellen und noch etwas abwarten.“

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